Schlagworte: Datenschutz

Datenschutz, Privatsphäre, Post-​​Privacy, Spackeria, Datalove, Bingo.

Gerade hauen die übli­chen Ver­däch­ti­gen mal wie­der ziem­lich fest auf den gro­ßen roten Internet-​​Knopf, auf dem mal “Flame­war” stand, aber jetzt irgend­wer ein “Shits­torm” drü­ber­ge­gaffat hat.

Das Thema, sehr zum Leid­we­sen vie­ler, ist der per­sön­li­che Datenschutz.

Was der Begriff bezeich­net ist eigent­lich leicht abge­ris­sen: die eige­nen per­sön­li­chen Daten von Miß­brauch schützen.

Was es impli­ziert ist nicht so leicht.

Eine momen­tan oft ver­tre­tende Methode ist eine Kon­trolle der Exis­tenz der Daten: man ver­sucht zu ver­mei­den, daß die Daten über­haupt anfal­len, oder zumin­dest zu ver­hin­dern, daß sie für län­ger als unmit­tel­bar nötig vor­han­den sind. Die­ses Leid­we­sen geht durch die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, den Zen­sus 2011 und ande­ren diverse For­men der erzwun­ge­nen Datenerhebung.

Was auch gerne ver­sucht wird ist ein Ver­hin­dern der Ver­brei­tung von Daten, was sich aber erfah­rungs­ge­mäß als schwie­rig durch­zu­set­zen dar­stellt. Nicht nur das, oft ist sogar schwer bis unmög­lich, fest­zu­stel­len, aus wel­cher Quelle irgend­wel­che Daten über­haupt gekom­men sind.

Als eine recht fri­sche Anek­dote über den Spaß, der gehabt wer­den kann, wenn man erho­bene Daten ver­mengt und ver­wer­tet, zeigt das Bei­spiel der US-​​Firma Rapleaf. Die Firma steht recht direkt dazu, dass sie Datami­ner sind, und in einem recht fri­schen Bei­spiel haben sie ihre erho­be­nen Daten mit denen einer Firma für Rabatt­kar­ten (man denke an Pay­back) ver­gli­chen, und her­aus­ge­fun­den, daß der gemeine Google-Mitarbeiter ungesünder lebt als ein Microsoft-Angestellter.

Unab­hän­gig der Frage, ob es jetzt “schlimm” ist, daß so ein Ergeb­nis pro­du­ziert wird und im Netz steht, muss man sich fra­gen, ob man gedacht hätte, daß es über­haupt mög­lich wäre, daß die eige­nen Daten in so eine Stu­die ein­flie­ßen könn­ten. Und wenn man jetzt schon nicht dachte, dass sie für sowas Bana­les rei­chen: für was kön­nen sie sonst noch alles benutzt wer­den? Das ist einer der Haupt­punkte für Datenschützer.

Von Vie­len wird an die­ser Stelle gerne rela­ti­viert, daß es ihnen doch egal sei, wenn sol­che belang­lo­sen Infor­ma­tio­nen über sie ver­öf­fent­licht wer­den. Der gemeine Daten­schüt­zer mit sei­ner “It’s not para­noia if you know they’re out to get you”-Mentalität wird hier gerne müde belä­chelt und sieht sich einem schwe­ren Kampf aus­ge­setzt, sol­chen Leu­ten seine Mei­nung, daß man auch aus irre­le­van­ten Daten kohä­rente Pro­file erstel­len kann, ver­ständ­lich zu machen.

Dies ist viel­leicht der Punkt, wo ich im Titel wei­ter­schrei­ten sollte: die Privatsphäre.

Um mich jetzt abzu­hal­ten von den gan­zen phi­lo­so­phi­schen Stand­punk­ten zum öffent­li­chen und zum pri­va­ten, wo zum Bei­spiel Julia diverse Aspekte erforscht, fange ich lie­ber bei mei­nem Lieb­lings­an­ker, der evo­lu­tio­nä­ren Psy­cho­lo­gie, an.

Pri­vat­sphäre ist ein Kon­zept, wel­ches dem Men­schen nicht inhä­rent ist. Der Mensch als Her­den­tier ist von der Grund­na­tur her dar­auf aus­ge­rich­tet, in einer Gruppe unter­wegs zu sein, wo jeder den ande­ren am Bes­ten bis auf’s Detail kennt, um die Schwä­chen der ande­ren durch die Stärke der Gruppe aus­zu­glei­chen. Damals™, als Über­le­ben noch einen Groß­teil der bewuss­ten Akti­vi­tä­ten eines Men­schen ver­ein­nahmte, war dies wichtig.

Doch mit der Zeit und dem Wach­sen der Mensch­heit kom­men wir an einem Punkt an, wo’s ein­fach men­tal gar nicht mehr mög­lich ist, alle in der eige­nen Umge­bung zu ver­wal­ten — und mit fort­schrei­ten­der Tech­no­lo­gie und Zivi­li­sa­tion auch der Bedarf an einer kohä­ren­ten “Über­le­bens­gruppe” nicht mehr wirk­lich vor­han­den ist. Es gibt diverse Beob­ach­tun­gen wie zum Bei­spiel die Dunbar-Zahl (bzw. auch der Begriff “monkeysphere”), wel­che ver­su­chen, dies zu beschreiben.

Was dies also heisst ist, daß wir dank der inzwi­schen sehr gro­ßen Aus­wahl es sehr gewohnt sind, unsere Ver­trau­ten selbst zu bestim­men. Alles, was außer­halb unse­ren Ver­trau­ten liegt, ist ein abs­trak­ter Hau­fen “Mensch­heit”. Und diese Mon­key­s­phere impli­ziert auch so etwas wie eine Pri­vat­sphäre. Das sind die Leute, mit denen man einiges/​vieles/​alles tei­len will.

Woran liegt jetzt aber das Pro­blem, wel­ches Leute damit haben, dass auch außer­halb die­ser Pri­vat­sphäre Leute “Ein­sicht” in uns haben? Hier unge­fähr setzt dann auch die Post-​​Privacy-​​Debatte ein: wel­che Fol­gen hat ein Kon­troll­ver­lust über die eige­nen Informationen?

Eine der Punkte, die man natür­lich sofort ein­wer­fen kann, ist, daß sich durch die­ses “Abstrah­len” von par­ti­el­len Daten nach Außen ein fal­sches Bild ergibt. Das stimmt. Es ist aber auch vie­len Men­schen ziem­lich egal, vor allem wenn sie es gewohnt sind, in Umge­bun­gen zu sein, wo man von vie­len Leu­ten par­ti­elle Infor­ma­tio­nen auf­sam­melt, die kein schlüs­si­ges Gesamt­bild zulas­sen — sprich Städten.

Denn wen küm­mert es schon, daß die­ser komi­sche Hop­per da drü­ben auf dem ande­ren Sitz in der Bahn gerade denkt, daß man ein ekli­ger Mensch ist, weil man gerade stinkt? Es ist ja immer­hin nicht der eigene Gestank, son­dern der aus der vol­len Stra­ßen­bahn eben!

Sol­che oder ähnli­che Situa­tio­nen hat man in einer sehr anony­men Umge­bung wie einer Groß­stadt stän­dig, und ist es gewohnt, sol­che Teil­in­for­ma­tio­nen zu regis­trie­ren und zu ver­wer­fen. Das andere Ende der Skala sind die ver­trau­ten Klein­ge­mein­den, wo Nach­barn vie­les überein­an­der wis­sen, neue Leute auf der Straße als Ein­dring­linge ins eigene Ter­ri­to­rium gese­hen wer­den, und so weiter.

Diese Diver­genz zeigt, daß es keine inhä­rente Mei­nung geben kann, wie mit “abge­strahl­ter” Infor­ma­tion umzu­ge­hen ist. Die Post-​​Privacy-​​Argumentation hat einer eher groß­städ­te­ri­sche Hal­tung und sagt, daß es mög­lich ist, sich mit einer groß­städ­ti­schen Wahr­neh­mung abzu­fin­den und dar­auf zu ver­trauen, daß Men­schen im Kern die Befä­hi­gung haben, andere Leute nicht nach irgend­wel­chen par­ti­el­len Infor­ma­tio­nen zu beur­tei­len. Wie uto­pisch es ist, diese Befä­hi­gung jedem Men­schen zu unter­stel­len, fällt in den übli­chen Kampf zwi­schen Gesell­schafts­pes­si­mis­ten und –opti­mis­ten in ihrem Bemü­hen, die soziale Befä­hi­gung ande­rer Men­schen abzu­schät­zen. Post­priv ist eine Anschau­ungs­weise, keine Feststellung.

An die­ser Stelle muss nun auch das Pro­blem der Angst begeg­net wer­den. Wir sor­gen uns ja nicht nur um ein fal­sches Bild von uns gegen­über ande­ren Men­schen, son­dern gerade der klas­si­sche Daten­schüt­zer auch um eine Bedro­hung von Außen (außer­halb unse­rer Privatsphäre/​monkeysphere), die durch unkon­trol­lier­tes Abstrah­len von Infor­ma­tio­nen statt­fin­det. Ob nun dif­fus oder akut, diese Angst ist da und gilt es, auch zu berücksichtigen.

Das Pro­blem hier­bei ist, daß es keine Mög­lich­keit gibt, diese Angst effek­tiv zu ent­kräf­ti­gen, denn eine Ent­kräf­ti­gung der Anschul­di­gung gegen­über irgend­wel­chen Datenschutz-​​Aggressoren erfor­dert ein Ver­trauen in deren Ehr­lich­keit, und wenn dies vor­han­den wäre, gäbe es die Anschul­di­gung nicht. So kann man jetzt auch als dritte Par­tei ankom­men und sagen, daß es nichts zu befürch­ten gibt, und man wird auf ver­stei­nerte Mie­nen tref­fen. Man kann Trans­pa­renz ein­füh­ren, wel­ches ein gro­ßes Stück hilft bei sonst so obsku­ren Vor­gän­gen der Daten­er­he­bung und –ver­ar­bei­tung, doch wird auch dann ein Rest­zwei­fel daran blei­ben, ob nicht außer­halb des Licht­ke­gels der Trans­pa­renz nicht noch ein fal­sches Spiel geführt wird.

Hier wäre dann die Spackeria zu erwäh­nen, wel­che sich viel­leicht gut, viel­leicht schlecht ein­fach ver­sucht, über diese Ängste hin­weg­zu­set­zen und zu sagen, daß die Miß­brauchs­ge­fahr durch impli­zierte Vor­teile wie die Abschaf­fung staat­li­cher Unter­drü­ckungs­me­tho­den von Daten und ähnli­chem auf­ge­wo­gen wird. Gerade durch den impli­zi­ten Ton­fall allein der Namens­ge­bung und die Schlamm­schlacht, wenn man sich mal anschaut, wie die Pira­ten­par­tei sich dar­über das Maul zer­reisst, wirkt die Hal­tung aus Spackeria-​​Kreisen gerne sehr anma­ßend und daher für viele Leute (wie auch den durch die Namensgebung oft als Kol­la­te­ral­be­trof­fe­nen ange­se­hen CCC) auch anstößig.

Daß Daten frei sein wol­len ist auch die Aus­sage von datalove. Hier sto­ßen die Kon­zepte auch wie­der an und es wird auf Teu­fel komm raus ver­mengt, weil datalove in einem ähnli­chen Zeit­rah­men wie die Spa­cke­ria und Post-​​Privacy gepusht wurde und somit natür­lich auto­ma­tisch ein und das selbe ist, vor allem weil datalove ja Spackeria-​​kompatibel sei. Das Pro­blem hier­bei ist, daß datalove wert­neu­tral gegen­über der eigent­li­chen Ver­wen­dung der Daten ist. Bei datalove geht es darum, daß Daten frei sein müs­sen, um über­haupt etwas mit ihnen anstel­len zu kön­nen. Wenn Daten nicht ver­füg­bar sind, kann man auch nichts mit ihnen machen — sei es sie zu miß­brau­chen oder etwas Gutes von ihnen abzugewinnen.

Datalove ist gegen die Tat­sa­che, daß Daten kon­trol­liert wer­den dür­fen und in irgend­wes­sen “Besitz” sein dür­fen. Das ist ähnlich und daher auch “kom­pa­ti­bel”, aber bitte nicht zu ver­wech­seln oder zu vermengen.

Und jetzt ist mein Shitstorm-​​Bingo auch voll aus­ge­füllt, schön.

Virtueller Striptease

Eine der inter­es­san­ten Sachen, die einem manch­mal vor­ge­wor­fen wer­den, wenn man bei so vielen verschiedenen "social" Diensten ange­mel­det ist, stellt der “vir­tu­elle Strip­tease” da, den man angeb­lich mit sei­nem Leben macht.

Aus diver­sen Krei­sen errei­chen mich da Reak­tio­nen von Stirn­run­zeln bis zu offe­ner Kri­tik am Verhalten.

Mei­ner Ansicht nach gibt es aber nicht viel zu dem Thema zu sagen. Man kann zum Bei­spiel nur genau die per­sön­li­chen Daten quan­ti­fi­zier­bar ange­ben, die sowieso schon im Netz sind — ich nehme da gerne mei­nen GPG-​​Schlüssel als Ver­gleich. Die Mail­adres­sen dar­auf sagen eini­ges über mich und meine Situa­tion aus.

Aber die Frage, die sich kei­ner stellt: Selbst wenn man davon aus­geht, daß alles, was ich schreibe, wahr ist, so muß man sich doch fra­gen, ob ich auch wirk­lich alles schreibe.

Klei­nes, aber fei­nes, Detail.