Kategorie: Das Leben, das Universum, und der ganze Rest

“A human being should be able to change a diaper, plan an invasion, butcher a hog, conn a ship, design a building, write a sonnet, balance accounts, build a wall, set a bone, comfort the dying, take orders, give orders, cooperate, act alone, solve equations, analyze a new problem, pitch manure, program a computer, cook a tasty meal, fight efficiently, die gallantly. Specialization is for insects.”
- Robert Heinlein, “Time enough for love”

ASCII-Art "Troll nicht füttern!"

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wir haben ein Generationenproblem.

Wir haben die­ses Pro­blem nicht auf die übli­che Weise, wie es sonst über­denkt wird. Es hat zwar immer noch mit den Lebens­um­stän­den zu tun, aber es wirkt sich ganz anders aus.

Damals, als das Inter­net noch ein biss­chen jün­ger war und noch nicht so voll, als Web­sei­ten mit Java­Script noch etwas waren, was man rou­ti­niert mit NoScript blockte ohne Funk­tio­na­li­tät ein­zu­bü­ßen. Viel­leicht etwas nach­voll­zieh­ba­rer für neuere Gene­ra­tio­nen: als es Chrome noch nicht gab, als Touchscreen-​​Smartphones noch keine Farbe hat­ten, nicht tele­pho­nie­ren konn­ten und mit Stift bedient wer­den muss­ten, als Ubuntu noch gar nicht exis­tierte, als man über die kos­ten­pflich­tige Beta von MacOS X noch Witze machte, als Debian potato noch tes­ting war.

Damals, da gab es das Use­net. Das gibt es heute immer noch. Aber damals, da hat man da noch mit­ein­an­der gere­det. Dateien tau­schen war über die Lei­tun­gen damals noch zu ner­vig und gene­rell führte eigent­lich kein Ser­ver alt.binaries.*.

In die­sem Use­net wurde man eigent­lich groß, wenn man mit dem Inter­net anfing. Es gab die ers­ten Web­fo­ren, aber die waren als Hort der man­geln­den Sit­ten ver­schrien. Man chat­tete im IRC, aber man unter­hielt sich im Use­net. Even­tu­ell hatte man einen ICQ-​​Account, aber das kam auch meis­tens Hand in Hand mit einem Qua­ke­World– oder HL-​​Binary auf der Festplatte.

Das Use­net damals würde aus heu­ti­ger Sicht pedan­tisch wir­ken. Es gab die Men­schen, die auf die For­ma­lia ach­te­ten wie Habichte.

  • Wer TOFU — Text oben, Full­quote unten — zitierte, der wurde zurecht­ge­wie­sen. Es war schließ­lich nicht leserlich.
  • Wer es nicht schaffte, seine Signa­tur ordent­lich mit "-- " (man beachte das Leer­zei­chen) auf einer eige­nen Zeile abzu­tren­nen, der wurde zurecht­ge­wie­sen. Es war schließ­lich der seit 20 Jahren vereinbarte Quasi-Standard.
  • Wer seine Signa­tur nicht auf maxi­mal 4 Zei­len x 80 Zei­chen beschränkte, wurde zurecht­ge­wie­sen. Es war schließ­lich Bandbreitenverschwendung.
  • Wer Out­look Express nutzte, hatte eh ver­lo­ren. Es war schließ­lich ein grot­ti­ges Stück Dreckssoftware.

Aus einer zyni­schen Sicht mag man also die von den Trol­len soge­nann­ten “Netz­she­riffs” mit Com­pi­lern ver­glei­chen, die nie­man­den mit schlech­ter Syn­tax tole­rier­ten. Das mag pedan­tisch wir­ken, ist es auch. Im End­ef­fekt hatte alles auch einen Zweck: jeder ordent­li­che Cli­ent konnte eine Nach­richt neh­men, wenn man dar­auf ant­wor­tete, Signa­tur abschnei­den, Quo­tes erken­nen und mar­kie­ren und die all­ge­meine Les­bar­keit erhö­hen. Wenn alle Nach­rich­ten ordent­li­chen waren, stellte es kein Pro­blem dar, hun­derte in einer Stunde kom­plett zu lesen, ohne den Faden zu verlieren.

Diese Kon­form­anz war ein wich­ti­ger Aspekt der Dis­kus­si­ons­kul­tur — man hatte eine Art gestal­te­ri­schen und tech­ni­schen Stan­dard, an den man sich hielt, und der allen das Leben leich­ter machte.

Viel wich­ti­ger — und aus­schlag­ge­ben­der — war aber das Ein­hal­ten eines Ver­hal­tens­ko­dex, der meist ein­fach nur Netiquette genannt wurde. Das ver­linkte Doku­ment ist hier nicht all­um­fas­send, da viel impli­zi­tes Wis­sen, wel­ches man unter­wegs auf­sam­melte, auch eben die “Neti­quette” genannt wurde.

Aber ein Grund­satz, der heut­zu­tage oft abhan­den zu kom­men scheint, kommt drin vor: Ver­ges­sen Sie nie­mals, dass auf der ande­ren Seite ein Mensch sitzt!

Inzwi­schen ist es zur all­ge­mei­nen Kul­tur gewor­den, jeman­den mit einer ande­ren Mei­nung im Inter­net auto­ma­tisch zu ent­mensch­li­chen. Sollte es um Über­zeu­gun­gen gehen, so wird der ver­meint­li­che Dis­ku­tant mar­gi­na­li­siert und ent­wer­tet, zu einem abs­trak­ten Fein­d­ob­jekt erklärt, wel­ches es zu ver­nich­ten gilt. Viele Gesprä­che, gerade um hit­zige The­men, sind keine Gesprä­che mehr, son­dern sind meist nur noch ein Schauer von per­sön­li­chen Angrif­fen, der auf eine These folgt.

Man­che mögen jetzt mei­nen, daß doch Flame­wars Teil der Internet-​​Kultur seien. Ja, sind sie — aber es sind keine Flame­wars mehr! Flame­wars, wie es die alte Garde ver­steht, sind erhitzte Dis­kus­sio­nen um ein Thema. Benut­zen von emacs und vim schla­gen sich heut­zu­tage noch die Köpfe ein, in dem Ver­such, den ande­ren Edi­tor als schlechte Soft­ware und Teu­fels­werks dar­zu­stel­len, und den eige­nen in höchs­ten Tönen zu löben.

Doch der Unter­schied ist, dass man sich dabei immer noch an gewisse Grund­re­geln hielt. Natür­lich darf erbost und erhitzt The­men dis­ku­tie­ren — aber wer per­sön­lich wird, der hat verloren. Und dann wurde auch nicht mehr mit ihm diskutiert.

Inzwi­schen ist “Belei­di­gung, Prä­di­kat, Objekt” aber zum Usus gewor­den, und das zer­setzt einen. Nie­mand hat Lust, sich von ande­ren anschimp­fen zu las­sen, nur, weil man eine andere Mei­nung hat. Die Enste­hung von Begriffe wie “femi­nazi” sind logi­sche Schluss­fol­ge­rung die­ser Dis­kus­si­ons­kul­tur, weil beide Sei­ten es nicht mehr schaf­fen, wie erwach­sene Men­schen mit­ein­an­der zu dis­ku­tie­ren. Oder die flame­baits dabei zu ignorieren.

Gerade im Zeit­al­ter der unmit­tel­ba­ren und sofor­ti­gen Empö­rung ist es en vogue, gar nicht erst drü­ber nach­zu­den­ken, was man schreibt. Weni­ger als 140 Zei­chen auf Twit­ter sind schnel­ler geschrie­ben als man braucht, um eine wohl­ge­formte Ant­wort auf ein Pos­ting zu ver­pas­sen. In jene 140 Zei­chen passt natür­lich auch keine Dis­kus­sion ein, obwohl das viele nicht davon abhält. Sie eig­nen sich höchs­tens für Dekla­ra­tio­nen oder kurze Erläu­te­run­gen. Wie Leute auf die Idee kom­men, die­ses Medium als Dis­kus­si­ons­ort zu nut­zen, ist jen­seits mei­nes Verständnisses.

Ganz neben­säch­lich hat einem die School of Hard Knocks knows as the Use­net™ damals auch beige­bracht, dass Humor und ähnli­ches sich nicht unbe­dingt in Text über­setzt. Es ist manch­mal schwer genug, in meh­re­ren Absät­zen klar zu machen, wie humor­voll man sich gerade aus­zu­drü­cken ver­suchte. Dies in einem ein­zel­nen Satz zu tun gelingt den wenigsten.

Was ich damit sagen will? Ein­fach mal durch­at­men, wenn irgend­wer Unsinn schreibt. Eben was ande­res machen, sich ‘n Tee machen, mal auf’s Klo gehen, eine rau­chen. Wenn’s dann immer noch stört — erzähl dem ande­ren, warum es Unsinn ist. Und nicht, dass er ein Idiot sei, weil er jenen Unsinn schreibt.

Denn immer dran den­ken: am ande­ren Ende der Lei­tung sitzt auch ein Mensch.

P.S.: Mir fiel da noch ein lus­tige Video zum Thema ein:

Wie, Arbeit ist anstrengend?