Denn sie wissen nicht, was sie tun

Damals war alles besser. Oder so.

Wir haben ein Generationenproblem.

Wir haben dieses Problem nicht auf die übliche Weise, wie es sonst überdenkt wird. Es hat zwar immer noch mit den Lebensumständen zu tun, aber es wirkt sich ganz anders aus.

Damals, als das Internet noch ein bisschen jünger war und noch nicht so voll, als Webseiten mit JavaScript noch etwas waren, was man routiniert mit NoScript blockte ohne Funktionalität einzubüßen. Vielleicht etwas nachvollziehbarer für neuere Generationen: als es Chrome noch nicht gab, als Touchscreen-Smartphones noch keine Farbe hatten, nicht telephonieren konnten und mit Stift bedient werden mussten, als Ubuntu noch gar nicht existierte, als man über die kostenpflichtige Beta von MacOS X noch Witze machte, als Debian potato noch testing war.

Damals, da gab es das Usenet. Das gibt es heute immer noch. Aber damals, da hat man da noch miteinander geredet. Dateien tauschen war über die Leitungen damals noch zu nervig und generell führte eigentlich kein Server alt.binaries.*.

In diesem Usenet wurde man eigentlich groß, wenn man mit dem Internet anfing. Es gab die ersten Webforen, aber die waren als Hort der mangelnden Sitten verschrien. Man chattete im IRC, aber man unterhielt sich im Usenet. Eventuell hatte man einen ICQ-Account, aber das kam auch meistens Hand in Hand mit einem QuakeWorld- oder HL-Binary auf der Festplatte.

Das Usenet damals würde aus heutiger Sicht pedantisch wirken. Es gab die Menschen, die auf die Formalia achteten wie Habichte.

  • Wer TOFU – Text oben, Fullquote unten – zitierte, der wurde zurechtgewiesen. Es war schließlich nicht leserlich.
  • Wer es nicht schaffte, seine Signatur ordentlich mit "-- " (man beachte das Leerzeichen) auf einer eigenen Zeile abzutrennen, der wurde zurechtgewiesen. Es war schließlich der seit 20 Jahren vereinbarte Quasi-Standard.
  • Wer seine Signatur nicht auf maximal 4 Zeilen x 80 Zeichen beschränkte, wurde zurechtgewiesen. Es war schließlich Bandbreitenverschwendung.
  • Wer Outlook Express nutzte, hatte eh verloren. Es war schließlich ein grottiges Stück Dreckssoftware.

Aus einer zynischen Sicht mag man also die von den Trollen sogenannten „Netzsheriffs“ mit Compilern vergleichen, die niemanden mit schlechter Syntax tolerierten. Das mag pedantisch wirken, ist es auch. Im Endeffekt hatte alles auch einen Zweck: jeder ordentliche Client konnte eine Nachricht nehmen, wenn man darauf antwortete, Signatur abschneiden, Quotes erkennen und markieren und die allgemeine Lesbarkeit erhöhen. Wenn alle Nachrichten ordentlichen waren, stellte es kein Problem dar, hunderte in einer Stunde komplett zu lesen, ohne den Faden zu verlieren.

Diese Konformanz war ein wichtiger Aspekt der Diskussionskultur – man hatte eine Art gestalterischen und technischen Standard, an den man sich hielt, und der allen das Leben leichter machte.

Viel wichtiger – und ausschlaggebender – war aber das Einhalten eines Verhaltenskodex, der meist einfach nur Netiquette genannt wurde. Das verlinkte Dokument ist hier nicht allumfassend, da viel implizites Wissen, welches man unterwegs aufsammelte, auch eben die „Netiquette“ genannt wurde.

Aber ein Grundsatz, der heutzutage oft abhanden zu kommen scheint, kommt drin vor: Vergessen Sie niemals, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt!

Inzwischen ist es zur allgemeinen Kultur geworden, jemanden mit einer anderen Meinung im Internet automatisch zu entmenschlichen. Sollte es um Überzeugungen gehen, so wird der vermeintliche Diskutant marginalisiert und entwertet, zu einem abstrakten Feindobjekt erklärt, welches es zu vernichten gilt. Viele Gespräche, gerade um hitzige Themen, sind keine Gespräche mehr, sondern sind meist nur noch ein Schauer von persönlichen Angriffen, der auf eine These folgt.

Manche mögen jetzt meinen, daß doch Flamewars Teil der Internet-Kultur seien. Ja, sind sie – aber es sind keine Flamewars mehr! Flamewars, wie es die alte Garde versteht, sind erhitzte Diskussionen um ein Thema. Benutzen von emacs und vim schlagen sich heutzutage noch die Köpfe ein, in dem Versuch, den anderen Editor als schlechte Software und Teufelswerks darzustellen, und den eigenen in höchsten Tönen zu löben.

Doch der Unterschied ist, dass man sich dabei immer noch an gewisse Grundregeln hielt. Natürlich darf erbost und erhitzt Themen diskutieren – aber wer persönlich wird, der hat verloren. Und dann wurde auch nicht mehr mit ihm diskutiert.

Inzwischen ist „Beleidigung, Prädikat, Objekt“ aber zum Usus geworden, und das zersetzt einen. Niemand hat Lust, sich von anderen anschimpfen zu lassen, nur, weil man eine andere Meinung hat. Die Enstehung von Begriffe wie „feminazi“ sind logische Schlussfolgerung dieser Diskussionskultur, weil beide Seiten es nicht mehr schaffen, wie erwachsene Menschen miteinander zu diskutieren. Oder die flamebaits dabei zu ignorieren.

Gerade im Zeitalter der unmittelbaren und sofortigen Empörung ist es en vogue, gar nicht erst drüber nachzudenken, was man schreibt. Weniger als 140 Zeichen auf Twitter sind schneller geschrieben als man braucht, um eine wohlgeformte Antwort auf ein Posting zu verpassen. In jene 140 Zeichen passt natürlich auch keine Diskussion ein, obwohl das viele nicht davon abhält. Sie eignen sich höchstens für Deklarationen oder kurze Erläuterungen. Wie Leute auf die Idee kommen, dieses Medium als Diskussionsort zu nutzen, ist jenseits meines Verständnisses.

Ganz nebensächlich hat einem die School of Hard Knocks knows as the Usenet™ damals auch beigebracht, dass Humor und ähnliches sich nicht unbedingt in Text übersetzt. Es ist manchmal schwer genug, in mehreren Absätzen klar zu machen, wie humorvoll man sich gerade auszudrücken versuchte. Dies in einem einzelnen Satz zu tun gelingt den wenigsten.

Was ich damit sagen will? Einfach mal durchatmen, wenn irgendwer Unsinn schreibt. Eben was anderes machen, sich ’n Tee machen, mal auf’s Klo gehen, eine rauchen. Wenn’s dann immer noch stört – erzähl dem anderen, warum es Unsinn ist. Und nicht, dass er ein Idiot sei, weil er jenen Unsinn schreibt.

Denn immer dran denken: am anderen Ende der Leitung sitzt auch ein Mensch.

P.S.: Mir fiel da noch ein lustige Video zum Thema ein: