Über die Offenheit von Hack(er)spaces

Vor kur­zem haben der herrurbach und der tiefpunkt eine Kritik an aktuellen Hackspaces in Deutschland geübt, und haben es sogar damit nach Golem geschafft.

Ich fasse mal kurz tl;dr zusammen:

  1. Es gäbe zu viel «Abschot­tung» nach Außen, indem Hackspace-​​Fremde meist nur höchs­tens tole­riert werden.
  2. Dis­kus­sio­nen wer­den nur auf mög­lichst inter­nen Medien trans­pa­rent durchgeführt.
  3. Diese Abschot­tung sei ego­is­ti­scher Selbst­schutz zur Erhal­tung des sta­tus quo.
  4. Hack­s­paces sol­len sich doch abso­lut jedes Inter­es­sier­ten anneh­men und ver­su­chen, sie/​ihn zu integrieren.
  5. Viel zu viel cathe­dral, viel zu wenig bazaar. (Erklärung)

Kurz dar­auf hat tante dann über­haupt erst mal in Frage gestellt, was einen sogenannten Hackspace überhaupt ausmacht. Diverse Kri­tik ver­wies auf die Hacker Space Design Patterns, wel­che quasi impli­zit defi­nie­ren, was ein Hack­s­pace sei.

Im Zuge der Wand­lun­gen der letz­ten Jahre hat Pylon dann noch pos­tu­liert, daß es eine Erweiterung um die «Bar»-Pattern geben muss.

Zum Abschluss schlägt Helga noch vor, «Hack­s­paces» statt «Hacker­spaces» zu sagen, da es nicht um die ginge, die da sind, sondern das, was sie tun. (Begrüße ich übri­gens sehr, da es dann nicht in kreb­si­gen Kon­struk­ten «Hacker*innenspace» oder ähnli­ches verfällt.)

Meine grobe Zusam­men­fas­sung: jeder hat so’n biss­chen Recht. Natür­lich ver­schließt sich der gemeine Hack­s­pace ein biss­chen vor der Aus­sen­welt, um sich davor zu schüt­zen. Ste­phan und Seve­rin haben beide den Ver­gleich mit einem Sport­ver­ein gezo­gen, wo jeder inter­es­sierte pro­blem­los bei­tre­ten kann. Das Pro­blem ist, daß die­ser Ver­gleich lei­der hinkt: ein Hack­s­pace ist alles andere als ein Sportverein.

Das mag jetzt so hart daher­ge­sagt sein, aber es ist die Tat­sa­che. Aus per­sön­li­chen Erfah­run­gen im C4 (wel­che auch die HSDP geprägt haben, da alle Ver­fas­ser zu dem Zeit­punkt aktive Mit­glie­der im C4 waren) lernt man, daß ziem­lich viele Leute lei­der nicht die enthu­si­as­ti­schen Hacker-​​Aspiranten sind, die zur Tür reinlaufen.

Dies mag viel­leicht an einer gewis­sen Art «Abschre­ckung» im Vor­feld lie­gen, denn oft genug erlebte ich, wie mich «nor­male» Leute mit einer Mischung aus Ehr­furcht und Arg­wohn anschauen, wenn ich sage, daß ich im C4 aktiv bin. Dabei kön­nen diese nor­ma­len Men­schen auch durch­aus «inter­net­ak­tiv» sein, das ändert nichts an der Tat­sa­che, daß die Ver­men­gung mit dem CCC dazu führt, daß man immer noch als gemei­nes Kel­ler­kind gese­hen wird, wel­ches fremde Rech­ner aufmacht.

Inzwi­schen dringt immer­hin etwas mehr durch, daß wir die «Guten» sind (Anony­mous hin oder her), aber das führt meist dazu, daß das Bild «com­pu­ter­be­gabte Kel­ler­kin­der mit mora­li­scher Ader» fort­ge­pflanzt wird. Das Pro­blem, was wir haben, ist, was wir alles so an «Kund­schaft» des­we­gen bekom­men. Ich sammle hier mal frei Schnauze aus meat space und vir­tual space, was so kommt:

Leute mit Computerproblemen
«Wir sind nicht der Computer-​​ADAC» ist unser Leit­motto, wel­ches wir lei­der sehr oft anbrin­gen müs­sen, da wir schon trotz unse­rer har­ten Abwei­sun­gen genug ner­vige Anfra­gen der Form «Mein Rech­ner ist so lang­sam, er ist von einem Virus befal­len, helft mir!» bekom­men. Natür­lich wis­sen wir grob (Win­dows halt, benutzt ja kei­ner) was zu tun sei, aber das wäre genau so, als würde jemand zu einem Sport­ver­ein kom­men und sich dar­über beschwe­ren, daß seine Sport­schuhe regel­mä­ßig kaputt­ge­hen. Da wüsste man im Sport­ver­ein auch eine Lösung und könnte damit hel­fen, aber es ist weder inter­es­sant noch för­der­lich, Leu­ten ihre Weh­weh­chen hinterherzutragen.
Leute, die etwas gehackt haben wollen
Davon gibt es echt zu viele. “Ich glaube, meine Freun­din betrügt mich, könn­tet ihr mir hel­fen, ihr Mai­lac­count zu hacken?” und ähnli­ches. Die Stan­dard­ant­wort da ist natür­lich, daß man keine Straf­ta­ten unter­stützt, und man sich doch mal über­le­gen sollte, ob das der rich­tige Schritt ist, etc. Lei­der kom­men diese Anfra­gen auch viel zu oft.
Para­no­ide Verschwörungstheoretiker
Hier bräuch­ten wir tat­säch­lich mal einen Draht zu psy­cho­lo­gi­schen Not­diens­ten. Was da alles rein­kommt ist teil­weise höchst amü­sant, aber auch extrem trau­rig. Wir hat­ten schon alles, kom­plett mit “Kann ich mich bei euch ver­ste­cken” und “Ich habe euch eine CD mit Bewei­sen in die Post geworfen”.
Leute, die Hilfe/​Mithelfer/​Mitarbeit für ihr Projekt/​Arbeit suchen
Auch gibt es öfter mal Leute, die mei­nen, daß sie ein total coo­les Pro­jekt haben — was in eini­gen weni­gen Fäl­len sogar stimmt — und dann noch nach Leu­ten suchen, die ihnen hel­fen oder mit ihnen arbei­ten wol­len. Oft kom­men die Leute aber lei­der so an, als wären wir eine Ver­mitt­lungs­agen­tur — als gäbe es eine defi­nierte Schnitt­stelle oder Pro­zess, wo wir hin­ge­hen und sagen “da ist wer, mel­det euch”. Und, so kommt es rüber, soll die­ser Pro­zess auch noch nahezu instan­tan sein. Wenn sich nicht sofort wer enthu­si­as­tisch mel­det schauen die meis­ten die­ser Leute schon ent­täuscht. Wenn man ihnen dann sagt, daß wir ein anar­chis­ti­scher Hau­fen sind, und das man am Bes­ten ein­fach mal rum­frägt, wir­ken sie schon wie­der demotiviert.
Das OpenChaos-​​Publikum
Wir haben echt viele Gäste, die zum Open­Chaos kom­men und sich regel­mä­ßig unser Vor­trags­pro­gramm anschauen. Diese blei­ben dann nach dem Open­Chaos auch mal eine Stunde oder zwei — und gehen dann. Hier sind lei­der sehr viele bei, die ein­fach nur Kon­su­men­ten sind — und die sind somit lei­der auch nicht son­der­lich kom­pa­ti­bel mit dem Club.
U23-​​Teilnehmer
Unser klas­si­sches Jugend­bil­dungs­pro­gramm, das U23. Es fin­det meist jähr­lich statt und stellt eine Mög­lich­keit für ange­hen­der Hacker und Häck­sen unter 23 Jah­ren dar, sich mal mit einem Fuß in das Umfeld zu trauen und zu schauen, ob es ihnen da gefällt. Wir bil­den uns ein, daß die meis­ten Men­schen als bes­sere Men­schen weg­ge­hen, und freuen uns um die (lei­der nicht all zu hohe Zahl) derer, die tat­säch­lich bei uns bleiben.
Pro­jekt­grup­pen
Im C4 ist momen­tan nur die Freifunk-​​Gruppe son­der­lich aktiv, aber diese inte­griert sich her­vor­ra­gend und es herrscht ein inter­es­sier­ter Austausch.
Inter­es­sierte Zufallsbesucher
Oft haben wir auch Leute, die ein­fach mal vor­bei­schauen, weil sie nach einem inter­es­san­ten Umfeld suchen, und mal schauen, was im Club so abläuft, und ähnli­che Geschich­ten. Viel­leicht haben sie ein eige­nes Pro­jekt, viel­leicht auch nicht, aber genau diese Leute sind meist kom­pa­ti­bel und fügen sich gut ein. Hier haben wir eine Kon­ver­sion von geschätzt über 80%.

Was hier viel­leicht gut erkenn­bar ist, ist auch wie­der das Defi­ni­ti­ons­pro­blem: Es wird gerne argu­men­tiert, daß man diese Abweisungs-​​Firewalls hat, um nur schon im Vor­aus «kom­pa­ti­ble» Leute zu zie­hen. Ver­meint­lich könnte man mehr tun, um Leute, die noch nicht kom­pa­ti­bel sind, kom­pa­ti­bler zu machen. Das stimmt, aber wir sind lei­der auch nur Nerds und daher nicht immer die sozial begab­tes­ten Men­schen aller Zeiten.

Dies wird auch kri­ti­siert, im Sinne davon, daß nie­mand aktiv auf einen Neu­ling zugeht und ihn in sein Pro­jekt ein­bin­det — lei­der ist dies auch meist nicht prak­ti­ka­bel. Die meis­ten Club­ber haben wenige Pro­jekte, die wirk­lich mul­ti­taskbar sind, und öfters gleich der C4 auch eher einem Coworking-​​Space: jeder macht sein Ding, und drum­herum sind Leute, die ähnlich ticken, hin und wie­der dafür bereit­ste­hen, Ideen an ihnen zu reflek­tie­ren, und gene­rell für ange­nehme Atmo­sphäre sorgen.

Ich kann ver­ste­hen, daß kri­ti­siert wird, daß es interne und intrans­pa­rente Kom­mu­ni­ka­tion gibt. Den­noch gibt es genug Gründe, interne Dis­kus­sion zu füh­ren, die halt nicht nach außen getra­gen wer­den muss, weil sie halt nicht wirk­lich rele­vant ist. Im C4 sind Gäste beim Ple­num tole­riert, solange es nicht plötz­lich um was extrem sen­si­bles wo Finan­zen geht («weg­hö­ren bitte!»).

Dies liest sich jetzt alles mehr wie eine Ent­schul­di­gung. Das mag sein. Vor allem soll es aber als Erklä­rung die­nen, warum die CCC-​​nahen Hack­s­paces sich gerne so nach außen hin ver­meint­lich «feind­lich» geben: man hat es mit gebrann­ten Kin­dern zu tun, die schon oft genug mit dem «Feuer» von Frem­den gespielt haben.

  1. Her­aus­for­de­rung: finde einen älte­ren C4ler, der nicht im Vor­stand ist, und frei­wil­lig ans Tele­phon geht, wenn es mal klingelt.
  2. Spaß­fakt: wir sind seit letz­tem Quar­tal in der H6a und haben das Tele­phon noch gar nicht angeschlossen.

Daß es in nicht-​​CCCigen Hack­s­paces ähnlich abgeht, ist nicht wei­ter ver­wun­der­lich — schließ­lich ori­en­tie­ren sich viele davon daran, was die CCC-​​ErfAs quasi vor­ge­macht haben.

Meine Ver­bes­se­rungs­vor­schläge, die ich jetzt auch mal in der nächs­ten Zeit imple­men­tie­ren werde, und andere gerne imi­tie­ren dürfen:

  1. Eine Besucher-​​FAQ — “Dos” and “don’ts” — auf die man als prä­ven­tiv generv­ter Nerd erst­mal ver­wei­sen kann.
  2. Sel­ber ver­su­chen, etwas freund­li­cher gegen­über poten­ti­el­ler Kund­schaft zu sein.
  3. Mehr bei den nicht-​​integrierten Nach­fra­gen, wel­ches «Pro­gramm» man im C4 bie­ten könnte, um sie zu interessieren.

6 comments

  1. netkalledonn (Ralf Schneider)

    Inter­es­sant finde ich jetzt, das über meh­re­ren Sei­ten hin­weg dis­ku­tiert wird. Mit die­ser hier, soll­ten es min­des­tens schon 5 oder 6 sein. Ob das hilf­reich ist, bezwei­fel ich.

    Inter­es­sant ist auch, das sich Tief­punkt und Hr. Urbach noch nicht genau zu den Kom­men­ta­ren im Blog rich­tig geäu­ßert haben. Und nicht nur der Ver­gleich mit einem Sport­ver­ein hinkt, son­dern es wird die lapi­dare Arte des schrei­ben kri­ti­siert. Wenn das favo­ri­siert, um in einem Arti­kel in Golem zu schaf­fen, kann ich da nur iro­ni­scher Weise zu schrei­ben: Applaus!

    Da Hr, Urbach keine Zeit hat, wird es sicher­lich noch etwas dau­ern, bis man eine Ant­wort bekommt.

    Ich finde dei­nen Arti­kel um eini­ges bes­ser beschrie­ben, wie den Ursprung-​​Artikel über die­ses Thema.

    Zu Dei­nem 1. Ver­bes­se­rungs­vor­schlag, das liest sich wie ein RTFM ;)

    Alles andere ist sicher­lich umsetzbar.

    Gruß,
    Ralf.

  2. nazco

    hi,
    ich bin zufäl­lig aus dem glei­chen Hacker­space wie tief­punkt, dem Raum­Zeit­La­bor in Mann­heim. Ich kann aus mei­ner sich nur beschrei­ben, dass wir eigent­lich kei­nes deine beschrie­be­nen Pro­blem haben. Wen­der klin­gelt bei uns das Tele­fon wegen hil­fe­su­chen­der die Pro­bleme mit ihrem Com­pu­ter haben noch kom­men sie zu uns in den Hacker­space. Sollte doch jemand mal ein Pro­blem haben, ist es bei uns kein Pro­blem Hilfe zu fin­den. Auch ein “Hack mal die­sen E-​​Mail Account” habe ich bei uns noch nie gehört. Wenn bei uns jemand neues vor­bei kommt sind wir jeder­zeit offen und freund­lich und freuen uns über eine neue Per­son mit neuen Fähig­kei­ten. Daher ist es mir nicht ver­ständ­lich warum andere Hacker­spaces diese Abschot­tungs­po­li­tik betrei­ben. An den vor­he­ri­gen Kom­men­ta­tor gewand. -> Ja, der ein oder andere Ver­gleich ist viel­leicht nicht direkt so zutref­fend, aber im RZL trifft das meiste, was genannt wurde zu. Ich finde daher das es ein Pro­blem der Selbsti­den­ti­fi­zie­rung der Hacker­spaces und zum Teil auch der Hacker ist die die­ses Pro­blem schaffen.

    nazco

    p.s. Ach ja und die Alu­hüte hab ich bei uns auch noch nicht gesehen.

  3. nazco

    Ach ja, das hatte ich bei mei­nem ers­ten Kom­men­tar ver­ges­sen. Du bist herz­lich ein­ge­la­den mal im RZL http://raumzeitlabor.de vor­bei­zu­schauen und sel­ber zu sehen das es auch anders sein kann. Ich muss auch zuge­ben trotz der Dif­fe­ren­zen des Golem Arti­kels und dei­nem hier ist ein sol­cher der Sache nur wenig nütz­lich da ich finde, dass die­ser die Ableh­nung allen ande­ren gegen­über nur noch­mal unterstreicht.

    Gruß nazco

  4. Ping: Protokoll vom 09. Juni 2012beiTrackback
  5. Ping: TRB 282: Anti-Acta, Schufacebook, IPv6, Hackerspaces, Lilly MistressbeiTrackback
  6. Tobias Wolter

    Bei dem Arti­kel hier ging es nicht darum, wei­ter einen Zwist zu för­dern. Es geht um Auf­klä­rung. Sich ein­fach mal aus­zu­spre­chen warum man Pro­bleme hat, denn das pas­siert viel zu wenig.

    Im Gegen­tum ist Dein “Wir sind das RZL, wir sind voll cool und haben eure Pro­bleme nicht” bringt genau gar nichts — außer zu beto­nen, wie uner­fah­ren und opti­mis­tisch ihr eigent­lich noch seid. ;) Das RZL hat auch seine eige­nen Pro­bleme, auf die hier ein­ge­hen aber jetzt auch nicht wei­ter för­der­lich wäre.

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