Bedarf an immersiver Augmented Reality
Wir leben im Jahr 2011, und leider ist es immer noch zu großen Teilen Zukunftsmusik aus Cyberpunk-Romanen und einigen wenigen Filmen. “Augmented Reality”, zu Deutsch am besten mit “angereicherter Realität” übersetzt, ist ein Oberbegriff für den Versuch, die eigene Wahrnehmung durch digitale Informationen anzureichern.
Im Cyberpunk nimmt dies die diversesten Formen an, oft in der Form von über das normale Blickfeld gelegte Informationen. So erscheinen von Personen die Daten aus sozialen Netzwerken als Quasi-Popup dazu, Waren werden mit Preisen und Vergleichen versehen, die aktuelle Wettervorhersage ist quer über den Himmel geschrieben und Werbung nimmt neue Dimensionen von penetrant ein.
Die bisherigen Realitätsversuche sind da bisher kläglich. Es gibt ein paar Forschungsprojekte, die sich mit dem äquivalent eines HUD für Menschen beschäftigen. Das realste Beispiel für schwache AR sind Snowboardbrillen von einer Firma, deren Name mir schon wieder entfallen ist, welche einem in den Brillen selber die aktuellen GPS-Koordinaten und die Geschwindigkeit anzeigen.
Ansonsten gibt es noch die ganzen Sachen, die sich als AR vermarkten: Wikitude und ähnliche Anwendungen für Smartphones, die die Kamera durschleifen auf’s Display und nebenbei aus dem Internet geo-basierte Informationen beziehen, welche sie dann überlagern — zum Beispiel den Link zum Wikipedia-Artikel des Kölner Doms.
Dann gibt es noch schwächere Anwendungsfälle wie Barcode-Scanner und ähnliches, die es einem erlauben, zumindest Informationen aus dem meatspace pseudo-synchron zu beziehen.
Aber ein Problem an der ganzen Sache ist die fehlende Direktheit der Integration — bisher beschränken wir uns auf mehr oder weniger kleine Displays. Eine AR-Brille, die das ganze Sichtfeld erweitert, wäre zwar in dem Sinne auch nur ein recht großes Display, aber zweifelsohne immersiver.
Und dann ist natürlich das Problem der eigentlichen Datenkontrolle. Bisher gibt’s einfach zu wenig verwertbare Daten, um’s brauchbar zu machen. Beispiel aus dem Leben:
Ich wollte mir einen Rucksack, online gefunden, real anschauen — habe zwar dank Informationsüberschuss sogar Video-Reviews zu dem Gerät gefunden (erstaunlich, was es alles gibt), aber das ersetzt natürlich nicht das haptische Begutachten eines Gerätes.
Reihenfolge also:
- Online Händler in Köln raussuchen
- Zum Händler fahren
- Versuchen, zu finden, wo der Rucksack sein könnte
- Durch gutes Raten Rucksackecke gefunden
- Rucksäcke durchwühlen nach dem gesuchten Modell
- Gesuchtes Modell nicht finden
Natürlich kann man mir hier jetzt vorwerfen, daß ich mit einem biologischen agent (aka Verkäufer) hier Arbeit sparen kann, aber darum geht’s ja gerade: beim digitalen Beziehen der Informationen brauche ich auch keinen agent.
Was man hier alles verbessern könnte ist unzählig. Zum einen sollte man nicht suchen müssen, wo es ist. Desweiteren sollte man auch sehen können, ob der Rucksack überhaupt da ist, oder ob er vielleicht aus dem Lager geholt werden kann.
Desweiteren sollte man, wenn man nicht gezielt da ist, auch problemlos Zugriff aus Reviews aus dem Web haben. Aber da isses ja schon ein Meisterakt, Informationen verschiedener Review-Seiten zu vereinen.
Zukunft ist das nicht.
Also… mach mal wer AR. For science.
“Natürlich kann man mir hier jetzt vorwerfen, daß ich mit einem biologischen agent (aka Verkäufer) hier Arbeit sparen kann, aber darum geht’s ja gerade: beim digitalen Beziehen der Informationen brauche ich auch keinen agent.”
Das ist schlichtweg falsch. Diese eine falsche Aussage macht dein komplettes Beispiel hinfällig.
Wie wärs wenn du das Beispiel entsprechend anpasst, damit es “richtiger” und vor allem vergleichbarer wird:
Anstatt auf Suchmaschinen, Online-Shops o.ä. zuzurückzugreifen bekommst du einen Order auf irgendeinem Server zur Verfügung gestellt in dem Informationen zu Rucksäcken gespeichert sind. Selbstverständlich sind die Informationen weder vorsortiert noch indiziert (zum Beispiel durch alphabetisch sortierte Namen). Das heisst in dem Ordner liegen 250 Bilder, 250 Textdateien und 250 Videos — jede Datei hat jeweils einen Hash ihres Inhalts als Dateinamen. Und nun viel Spaß beim manuellen Suchen. Du wolltest ja auf Agenten verzichten, richtig?
Ich erlaube mir, das “biologisch” vor dem letzten Agent als Implizit anzusehen. Natürlich braucht es einen Agent, vielleicht sogar mal einen biologischen, der irgendwan vorsortiert hat — aber zur konkreten, aktuellen Abfrage braucht es keinen biologischen agent.
Aber danke für’s Mitdenken. :)