Moralnormen

Warum Moralnormen eigentlich total wichtig sind, und warum die Gesellschaft heute den Bach runter geht.

Wenn man gerade so die Entwicklungen des letzten Jahrzehnts – so darf man es ja diesen Monat schreiben – Revue passieren lässt, so stellt sich eine als ganz besonders tragisch da: die fehlende Nähe zum Menschen.

Das klingt jetzt erstmal nach einem schlechten Parteispruch, aber höret mich aus, bevor Ihr den ersten Stein werft.

Damals™, als die Welt noch besser war in der Hinsicht, als daß weitaus mehr Leute sich für eine Gesellschaft einsetzen, statt sie einfach zu dulden oder auszunutzen, da war halt noch einiges anders.

Lassen wir uns einfach mal zurückblicken, und uns mal möglichst vorurteilsfrei ein geschichtliches Buch, wenn nicht gar das geschichtliche Buch schlechthin, betrachten: die Bibel.

Die Bibel wurde schon als Rechtfertigung für extrem viel Unsinn gebraucht, dabei sind da einige teils sehr weise Perlen drin versteckt.

Den ersten Fehler, den man mit diesem Buch so macht: man verbindet es zu stark mit der Kirche. Natürlich wurden die Texte der christlichen Bibel quasi redaktionell von der Kirche ausgewählt, aber die Enstehung der Texte stammt oft genug von ausseits des aktiven Einflusses der Kirche. Kann man alles nachlesen, aber damals war die Kirche noch nicht ganz so schlimm wie heute, wie ich so als Laie feststellen vermag. (Man lese so nette Wikipedia-Artikel wie den Bibelkanon.)

Lässt man also nun das Fakt aus, daß die Bibel ein religiöses Werk und ein von der Kirche gebrauchtes Instrument ist, dann kommt man auf den grundliegenderen Kern des Werkes. Denn eigentlich ist die Bibel sowas wie ein soziokultureller Leitfaden.

Es fängt schon an bei den klassischen, einfachen zehn Geboten. Dies sind der grundlegende Leitfaden für eine Sozialgesellschaft. Ich entreligionisere sie hier mal:

Ich bin der Herr, dein Gott.
Dies ist eine autoratitive Quelle, an der es nichts zu rütteln gibt.
Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.
Dieser Text soll Dein einziger Leitfaden sein. Andere Leitfäden könnten im Konflikt zu diesem stehen und Dich verwirren.
Du sollst Dir kein Bildnis machen.
Kümmer Dich um Deinen Kram und nimm’s hin, daß Dir wer sagt, was richtig ist.
Gedenke, daß Du den Sabbat heiligst.
Arbeitnehmerschutz par excellence: wer nur arbeitet und sich nicht ausruht geht einfach mal viel zu schnell kaputt.
Du sollst Vater und Mutter ehren.
Offensichtlich, will man meinen. Familie ist ultimativ wichtig, und man will sich auch sicher sein, daß der eigene Beitrag zum Fortbehalt der Rasse und der Gesellschaft einem nachher nicht ans Bein kackt.
Du sollst nicht morden.
Logisch, aber nicht synonym mit dem heutigen Grundrecht an Leben. Töten wird nicht verboten, sondern nur der Mord, sprich jemanden geplant aus eigenen/heimtückischen Gründen um die Ecke bringen. Sich gegen jemanden wehren und ihn dabei töten ist nicht schön, wird aber verziehen.
Du sollst nicht ehebrechen.
Die Ehe gilt als sozialer Versicherungsvertrag für den Fortbestand der Gesellschaft in Form der eigenen Kinder. Wer das kaputtmacht wird nicht nur wegen schlechter Integrität geächtet, sondern auch für die Taten gegen die Gesellschaft.
Du sollst nicht stehlen.
Logisch soweit. Menschen brauchen Eigentum, welches durch eigenen Aufwand beschafft wird. Wenn man das wegnimmt isses schlecht, schadet also nicht, daß als richtig böse zu verankern. Insbesondere werden dadurch auch die hart erworbenen Fähigkeiten einer Person, die Gesellschaft aufrecht zu erhalten, in Gefahr gesetzt, wenn man ihn beklaut. Wer aus Faulheit oder schlechter Planung wem anders die Nahrung für den Winter klaut, so daß jemand verhungern muss, ist definitiv nicht tragbar für die Gesellschaft.
Du sollst kein falsches Zeugnis geben.
Auch offensichtlich. Schaffung einer Vertrauensinfrastruktur, was gerade damals in Ermangelung einfacher „Beweise“ für die Verfolgung von Straftaten prinzipiell wichtig war. Auch zersetzen Lügen und Groll wegen falscher Aussagen Gesellschaften effektiv.
Du sollst nicht begehren Deines nächsten Haus und Frau.
Mal wieder so ein offensichtlich-Ding, und kann man auch genau so gut mit der „Erhaltung der Gesellschaft“-Keule erschlagen.

Was wir hier haben sind Grenzpfosten für die persönliche Entfaltung in einer Gesellschaft. Diese sind bei weitem nicht perfekt, denn so Sachen wie „Persönliche Freiheit beginnt da, wo die Freiheit eines anderem aufhört“ fehlen als Leitmotive – aber auch damals hat niemand die perfekte Idee gehabt. Man kam wahrscheinlich auch damals nicht auf den Trichter, daß das ein Problem sein könnte, weil man noch zu sehr damit beschäftigt war, sein Leben zu erhalten, als daß man so viel Freizeit hätte, um damit andere zu bedrängen. Außer man war adlig oder isomorph zum Adel.

Die Bibel war nun eine ganze Weile lang eine moralische Instanz, selbst wenn sie vielerorts missbraucht wurde.

Der fortschreitende Missbrauch führte dazu, daß sich Leute von dieser (und anderen) moralischen Instanzen so langsam abwendeten – eine grob verallgemeinerte Zusammenfassung, versteht sich. Das war sicher nicht der einzige Grund, aber die Aufklärung in Europa war meiner Meinung nach schon eine Auflehnung gegen ein von der Kirche gesteuertes Weltbild. Die Bewegung konterte dies durch ihre Berufung auf die Vernunft als moralische Norm eines jeden.

Dies geht natürlich davon aus, daß der gemeine Mensch ein vernünftiges Wesen ist. Daß er „vernunftbegabt“ ist, wissen wir ja schon vor Aristoteles.

Jetzt schaue man sich mal um, und mal so sein akutes Umfeld, und dann ein bisschen weiter dahinter.

Und dann denke man noch mal darüber nach, daß auch diese Menschen ihre eigene Vernunft als moralische Norm nehmen sollen.

Ja, genau das ist das Problem. Auch Aristoteles behauptete nur, daß der Mensch die Befähigung zur Vernunft hat. Niemals sprach jemand davon, daß jeder Mensch inhärent vernünftig sei. Und es wäre auch leichtsinnig, sowas zu behaupten.

Das Problem ist jetzt nur, daß die Gesellschaft nur noch wenig dafür tut, die Vernunft im Menschen auszuprägen. Es gibt keine hinreichende Bestrafung mehr für Unvernunft. Pädagogischere Seelen als ich würden sagen, daß dies auch nur recht sei, denn man dürfe sowas nicht brutal forcieren, sondern müsse Leute von selbst dazu bewegen, die Vernunft zu erkennen.

Dies ist meiner Meinung nach aber ein hoffnungsloser Kampf. Viele unvernünftige Menschen wären vielleicht prinzipiell zur Vernunft bekehrbar gewesen, aber die Zeit wurde verspielt. Schlechte Erziehung der Eltern, wechselnde, oft nicht sehr ernst genommene Rollenfiguren in der schulischen Erziehungen und ein generell mangelnder permanenter Einfluß von vernünftigen Idealen in der ganzen formativen Zeit führen am Ende dazu, daß nie eine vernüntfige Basis gewonnen wird.

Manche mögen jetzt meinen, daß dies gut und richtig sei, denn jeder solle lernen, zu zweifeln und nicht alles hinzunehmen, was einem vorgesetzt wird – sapere aude, und so.

Stimmt. sapere aude ist ein gutes Beispiel. Man soll lernen, daß, was einem vorgesetzt wird, kontrastiert zu betrachten. Die Sache ist aber, daß es meist nicht mal zu einem vernünftigen, vorgesetztem Gesellschaftsbild kommt, bevor die Zeit des vorgesetztem Lernens vorbei ist. Oft wird dies außerhalb angeeignet, in einer Welt, die nicht selten von genau so vielen anderen Irrenden populiert ist.

Indes findet in gewisser Weise eine Reduzierung auf animalischere Aspekte zurück – ein Recht des Stärkeren ist in der Jugendzeit Gang und Gebe, selbst wenn es vielleicht nichts mit körperlicher Gewalt zu tun hat. Man frage jeden Jugendlichen, um eine Bestätigung dieser Annahme zu finden. Und hier findet die eigentliche Formung statt: die „Stärkeren“ werden positiv bestätigt, weil ihr Leben so wunderbar funktioniert und ihnen niemand wirklich dazwischenredet, daß das, was sie machen, unfair – oder unvernünftig – ist. Keiner Autorität wird ultimativ vertraut, gerade durch die Grundlage des Zweifels.

Und darauf zu hoffen, daß jemand von selbst aus ein netter Mensch wird, ist ja schon fast utopisch. Man reduziere den Mensch auf daß, was er biologisch ist, und wie lange der homo sapiens brauchte, um zu etwas wie einer Kultur und Zivilisation zu kommen, die dem heutigen Stand ähnelt, und man kann sich denken, daß eine faire und vernünftige Gesellschaft nicht etwas ist, was dem Menschen inhärent innewohnt, sondern was hart erkämpft werden muss.

Die Frage bleibt nur: was kann man heute noch als Moralnorm nehmen? Religionen sind verpönt, und auf einen einzelnen Menschen hören ist zwar immer wieder in Mode, endet aber meist nur im Elend.

Vielleicht sollte man einige Grundideen wie Menschenrechte, Knigge und diverses andere mal in einem großen Werk zusammenfassen, und zum Wohlwollen derer, die immer zweifeln müssen, einfach mit wissenschaftlichen Fakten aufdröseln. Die Vernunft sollte doch dort trumpfen können.

Dann hat man auch wieder was, was man im Unterricht unter „Ethik“ anbieten kann. Und Spieltheoretiker freuen sich.