Meinungsbilder im Internet

Überlegungen zur Vereinfachen von Autor-Leser-Interaktion im Internet.

Das Internet hatte schon immer große Probleme, Bewertung von „der Masse“ zu bekommen.

Postuliere ich jetzt mal so.

Aber die Tatsachen liegen eigentlich sehr deutlich auf der Hand:

  1. Kommentarfunktionen sind öfters „umständlich“.
  2. Gute Kommentare erfordern eine gewisse mentale Leistung.
  3. Einfache Kommentare der Form „me tooo!!!11einself“ sind verpöhnt (und in den meisten Systemen doch „gleichwertig“ zu vollen Kommentaren).

Umständlichkeit

Die meisten Kommentarfunktionen erlauben es einem nicht, schnell und unkompliziert Kommentare zu lassen. Oft braucht man eine gewisse Form der Anmeldung, um seine Meinung kundtun zu dürfen, von den „einfachen“ Modellen, Name und Mailadresse anzugeben, bis hin zum Erstellen von Benutzerkonten.

Natürlich hat die Abwegung dabei auch sehr praktische Ursachen, denn viele Leute wollen nicht unbedingt von jedem Kommentare.

Man mag jetzt kurz innehalten und sich fragen: „Aber wenn sie nicht von jedem Kommentare wollen, warum hätten sie dann Grund, sich zu beschweren?“ Ganz einfach: „Jeder“ im Internet ist eindeutig nicht gleichbedeutet mit „Jeder Mensch“.

Es gibt genug Spammer im Internet, die versuchen, durch Kommentare auf Blogartikel Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Inhalte zu lenken. Mal ist das rein geschäftlich interessant für sie, mal isses ideologisch/egoistisch interessant. Im letzteren Falle ist es halbwegs verzeihbar, da sowas ja zu einer Diskussion gehört; aber der erste Punkt ist die Crux der Sache.

Wenn man sein System für jedermann öffnet, dann ist ein Großteil davon „unsolited commercial content“, also Werbung. Kleine Statistik dazu: seit hier Akismet läuft, hat es 58.142 mal Müll gekillt, und ich habe 348 echte Kommentare. Das führt demnach zu einem Signal-Rausch-Verhältnis im Promillebereich.

Also muß man Abstriche gegenüber der Einfachheit tätigen: man verlangt gewisse Authentifizierung, damit man nicht im Nachhinein irgendwelche Werbung von seiner Seite entfernen muss, und unliebsame Nutzer ausschliessen kann. Also kann man sagen, daß man zum Beispiel einen Namen und eine Mailadresse haben will. Für den gemeinen Spammer, egal welcher Gattung, macht das keinen Unterschied: die sind schnell hingeschrieben, und da das Feld nicht geprüft wird, ist es auch egal, was drin steht.

Nun bestehen zwei verschiedene Eskalationspfade: Moderation oder (zustimmungsbedürftige) Accounterstellung. Ich habe mich für die Moderation zusammen mit einem Spamfilter entschieden, da der Kommentardurchsatz abseits des Spamfilters bewältigbar ist (statistisch: weniger als ein Kommentar am Tag).

Sobald man aber ein höheres Kommentarvolumen erreicht, wird Moderation auch eine Sache. Hier kann man noch skalieren, in dem man nur eine Initialmoderation als erforderlich betrachtet, und alle nachfolgenden Beiträge als genehmigt gelten. Aber auch das skaliert wiederum nur bis zu einer gewissen Größe, und ist auch relativ arbeitsaufwendig.

Aus Gründen der Faulheit also greifen viele zu einer Anmeldungslösung. Dies funktioniert ähnlich wie die Initialmoderation, nur daß man meist einen Mailverkehr initiiert, und eine erfolgreiche Bestätigung der Mailadresse als hinreichend für eine Erstmoderation akzeptiert. Dies funktioniert relativ erfolgreich bei der (kommerziellen) Spamabwehr, da ein koordinierter Mailaustausch nicht kosteneffektiv ist im Vergleich zum stumpfen automatisierten Raushauen von Kommentaren.

Technisch gesehen ist es nicht aufwendig, einen Parser für die Standard-Authorisierungsmails zu schreiben und dann über eine frei zugreifbare Dropbox zu arbeiten, aber das hat sich bisher wahrscheinlich wegen Bedarf einer zentralisierten Minimalstruktur nicht durchgesetzt.

Das Problem hierbei ist es dann, daß es für viele „einmalige“ Kommentare einfach zu umständlich ist, sich dieser Prozedur zu unterziehen. Wenn man unbedingt einen langen Kommentar zu einem Thema loswerden will springt man vielleicht noch durch die Hürden, aber wenn die Wahl zwischen „Usernamen und Passwort ausdenken, Angaben vervollständigen, auf Mail warten und Link klicken, dann Kommentar schreiben“ und „Achseln zucken und Tab schließen“ liegt, so wird doch oft der letztere Fall gewählt.

Und wer kann’s einem verübeln, denn im echten Leben warten man auch nur kurz darauf, seinen Mund zu öffnen, wenn man die Chance hat.

Was also her muss ist eine triviale Art und Weise, Kommentare abzulassen. Hier wittern gerade Social Networks ihre Chance; zum Beispiel Facebook, welches einen „Like“-Button anbietet, der zum trivialen „Ich mag Deinen Beitrag“ mitteilen ideal ist, wenn man denn einen Facebook-Account hat. Solche Methoden haben gewisse Vorteile:

  • Dem Betreiber steht eine viel höhere Beteiligung in Aussicht, da weit mehr Leute schon einen Facebook-Account haben als sein Blog je Benutzer.
  • Ein reines „Like“ führt zu keinem erhöhten Schutzbedarf vor Spam. Für positive und negative Bewertung wäre es auch simpel, Stimmabgaben von einem bestimmten Benutzer für ungültig zu erklären.
  • Für den Leser bietet es den Vorteil, daß er keinen weiteren Account braucht, und automagisch als authentifiziert gilt.

Der Nachteil, natürlich, ist hierbei mal wieder die Privatsphäre, denn so kriegt der Social Network-Provider genau mit, was man in (gewissen Teilen des) Internet macht. Und das will man eigentlich nicht.

Etwas mehr Details zum „Spaß“ des Likebuttons gibt’s auf Basic Thinking. Wer einen Facebook-Account hat sollte sich einfach mal „Das gefällt uns“ anschauen und sich gruselig schütteln.

Es gibt wiederum andere Authentifizierungsmethoden, die relativ trivial sind und eine etwas geringere Einschränkung der Privatsphäre mit sich führen, nämlich Dienste wie OAuth und OpenID.

Diese ermöglichen es einem, quasi per Klick (wenn von der Webseite unterstützt) oder mit dem Eingeben eines URL sich mit einem Account zu authentifizieren, wobei die Authorisierung nicht über den Benutzer geht, sondern über die jeweiligen Webseiten.

Dabei kann man die meisten seiner „großen“ offenen Accounts benutzten, zum Beispiel seinen Google-Account, Facebook, Yahoo oder sogar MySpace, wenn ich mich nicht irre, aber man kann auch einfach seinen eigenen Authentifikator hochziehen, wenn man Bedenken zur Privatsphäre dabei hat. Die meisten Blogs können inzwischen einfach zu OpenID-Providern umgestrickt werden, sprich man gibt als „OpenID-URL“ den URL seines Blogs an, und das reicht.

Der „authentication provider“ (Google, etc., oder z.B. das eigene Blog) erhält hierbei den URL der aufrufenden Seite – mindestens also wo man sich anmeldet (z.B. sozial-herausgefordert.de), im ungeschickteren Falle auch den jeweiligen Inhalt, z.B. den URL zum Blogpost. Weitere personbezogene Informationen werden aber nicht ausgetauscht, also schon mal ein Fortschritt.

Der Vorteil hierbei ist, daß es ähnlich gut skaliert wie eine Mailregistrierung, aber einfacher für alle Seiten ist. Der Nachteil wiederum ist die mangelnde Verbreitung des Wissens über die Technik. Browser-Plugins, die eventuelle Informationen automagisch eintragen, so daß man schnell abstimmen kann, sind nicht weit verbreitet, und die wenigsten Menschen mit z.B. einer Yahoo-Mailadresse wüssten weder, was OpenID ist, und insbesondere nicht, daß sie auch schon OpenID haben.

Von daher ist die Facebook-Methode halt von der Umständlichkeit her ideal, da sie ein bereits bekanntes Konzept nimmt und einfach logisch fortsetzt. Der nächste Schritt wäre, OpenID oder OAuth so intuitiv klar in Blogs einzubauen, daß es jeder benutzen kann, ohne Anleitung.

Weitere Nachforschung in der Richtung ist auf meiner TODO-Liste.

Kommentarqualität

Für viele Leute ist es oft zu umständlich, einen längeren und ausführlichen Kommentar zu schreiben. Oft reicht die Muße nicht mal dazu, selbst einen kurzen Satz zu verfassen, vor allem wenn man nicht glaubt, daß der eigene Kurzkommentar von besonderem Wert wäre.

Daher gibt man sich gemeinhin dann nicht die Blöße und schreibt einfach gar nichts.

Das ist zwar Jedermanns gutes Recht, aber gerade wenn man irgendwelche Inhalte anbietet hat man doch ein relativ großes Interesse, genau herauszufinden, wie jeder Besucher über diesen denkt.

Daher satteln auch langsam viele populärere Dienste auf Kommentare im „Grunzlaute“-Niveau hin. Facebook hat seinen Like-Button eingeführt, um zu sagen, daß man Inhalt interessant fand. YouTube hat nebst seiner Kommentarfunktion unlängst ein einfaches „Daumen hoch/Daumen runter“-Rating eingeführt (und damit sein Sterne-Rating abgelöst), welches um ein Vielfaches beliebter ist als das Schreiben von Kommentaren. Und das auf YouTube, welches nicht gerade wegen seiner gepflogenen Kommentarkultur bekannt ist.

Dazu gibt es natürlich auch noch andere Methoden, die sich vielleicht sogar für den Betreiber mehr lohnen. Inzwischen habe ich zum Beispiel auch Flattr hier eingebunden, halte mich aber noch davon zurück, einfach Inhalt zu scheißen und auf’s Beste zu hoffen. Wie der Herr Urbach anmerkt ist Flattr natürlich ein ideales Medium, um neben dem „gefällt mir“ noch ein „Danke“ auf einen Artikel zu setzen.

Von daher sieht es so aus, als müsste man die Kommentarfunktionen auf Blogs und Webseiten mal grundsätzlich vereinfachen, am besten annähernd vereinheitlichen durch eine gemeinsam nutzbare Bibliothek.

Die Punkte, die zu erfüllen sind:

  1. Integration und kinderleichte Bedienung von einfachen Authentifikationsverfahren wie OAuth/OpenID.
  2. Unterstützung von „einfachen“ Kommentaren wie „Gefällt mir“/“Gefällt mir nicht“.
  3. Option auf Zuwendung an den Autor bzw. halt Contentvergütung.

Jetzt muss es nur noch wer machen.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

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