4. Dezember 2009: Worte machen Menschen zu Schafen

Über einen nicht öffent­li­chen Twit­ter­ac­count wurde dem Autor ein Link zu einem Zeit-Artikel zuge­spielt, der zum vir­tu­el­len Her­vor­tre­ten der Hals­schlag­ader zusam­men mit Aus­ru­fen von „Ihr dum­men, dum­men Schafe“ führte.

Man sollte den Arti­kel sel­ber lesen, aber sinn­ge­mäß sagt er unge­fähr das Fol­gende: „Social net­works ver­schlin­gen Zeit und sind keine ech­ten Freundschaften.“

ACH.

Wie sinn­ent­leert muss man eigent­lich sein, um je an sowas zu glau­ben? Natür­lich ist nie­mand mein Freund, wenn ich auf einer Web­seite zwei Klicks mache und dann dar­auf warte, daß jemand anders auch drauf­klickt. Egal, wie sehr ich mir das doch bitte ein­re­den will.

Daß fast jeder Betrei­ber von Social Net­works unnö­ti­ger­weise die Nomen­kla­tur „Freund“ benutzt, statt das Kind ein­fach beim Namen („Kon­takt“) zu nen­nen, ist ja jetzt nun nicht gerade die Erkennt­nis der Stunde, son­dern meist der erste Kri­tik­punkt, den Leute anbrin­gen, wenn sie einem SN über­haupt bei­tre­ten. Schein­bar ver­ges­sen die Meis­ten das wieder.

Und dann schlägt das typisch mensch­li­che Sucht­ver­hal­ten zu: wenn man etwas fin­det, was einem ein­fach kurz­wei­li­ger Unter­hal­tung bringt, ohne, daß man sich son­der­lich dafür ein­set­zen muß, dann ist der Hang leicht, dem zu ver­fal­len. Des­we­gen hän­gen Men­schen vor’m Fern­se­her, des­we­gen ver­brin­gen Leute ihr Leben in MMOR­PGs (zzgl. ande­rer Fak­to­ren), des­we­gen gibt es Leute, die Stun­den­lang Bücher lesen kön­nen, und so wei­ter und so fort.

Wenn man dann jetzt nun beim gro­ßen Zeit­ver­schwen­der Face­book zu den Leu­ten gehört, die regel­mä­ßig FarmVille, Mafia Wars und wie sie alle hei­ßen zocken, dann ist das auch nichts ande­res als eine per­sön­li­che Schwä­che gegen­über die­ser Beschäf­ti­gung. Frü­her war der Zugang schwe­rer, aber wenn man das außer Acht lässt wären die­sel­ben Leute ein Kan­di­dat für diverse Brow­ser­spiele wie OGame gewesen.

Um es noch­mal zu wie­der­ho­len: SNs haben nichts mit Freun­den zu tun. Die Haupt­zwe­cke von SNs sind:

  • Tri­viale Kom­mu­ni­ka­tion mit Kontakten
  • Selbst­dar­stel­lung
  • Ana­lyse und Marketing
  • Zeit­ver­treib

Hin­weis: diese Liste ist in ihrer Rei­hen­folge nicht gewichtet.

Tri­viale Kom­mu­ni­ka­tion mit Kontakten

Es ist eigent­lich ganz ein­fach, was sol­che SNs für die Kom­mu­ni­ka­tion mit ande­ren Men­schen bewir­ken: Kom­mu­ni­ka­tion wird tri­via­ler. Es wird viel ein­fa­cher, Grup­pen von Leu­ten irgend­was mit­zu­tei­len. Durch eine hin­rei­chend breite Abde­ckung wird sicher­ge­stellt, daß man sehr viele Leute, denen man etwas sagen will, auch leicht anschreib­bar sind. Im Arti­kel wird dies auch erwähnt:

Wenn aller­dings Tho­mas drei Zim­mer wei­ter tag­ein, tag­aus auf dem­sel­ben Flur sitzt, könnte er auch ein­fach vier Schritte lau­fen, sollte er einen denn wirk­lich ver­mis­sen. Und Julia trifft man, wie vor Beginn der Netzwerk-​​Ära, alle zwei Jahre auf einer Party bei gemein­sa­men Freunden.

Gerade der letzte Absatz stürzt den Autor vor die Frage, wie hir­n­ent­leert die­ses Argu­ment eigent­lich ist. Warum sollte man sich drauf beschrän­ken, jeman­den alle zwei Jahre zu tref­fen, wenn es eine nicht wirk­lich anstren­gende Mög­lich­keit gibt, häu­fi­ger mit den Leu­ten zu kom­mu­ni­zie­ren — außer man mag die Per­son nicht, wo man dann eh nicht mal auf das Tref­fen in zwei Jah­ren eine Vor­freude hat.

Zurück zum Argu­ment: Wenn man nun einer ver­walt­ba­ren Gruppe von, z.B. acht Leu­ten irgend­eine Infor­ma­tion mit­tei­len will, wo man nicht unbe­dingt einen tief­ge­hen­den Dia­log anschla­gen muß — zum Bei­spiel eine Ein­la­dung zu einer Party — warum sollte man dann nicht einen SN-​​Dienst nut­zen kön­nen? Natür­lich gibt es die Mög­lich­keit, alle Leute ein­zeln anzu­ru­fen, aber allein das Anru­fen hat viele Nachteile:

  1. Es bin­det die Zeit von bei­den Betei­lig­ten für einige Minuten.
  2. Der Ange­ru­fene wird viel­leicht bei etwas gestört, wo er gar nicht gestört wer­den will.
  3. Der Ange­ru­fene hat viel­leicht gar nicht mal Zeit, ran­zu­ge­hen, und so ver­bringt man dann meh­rere Wähl­ver­su­che damit, auf ihn zu warten.
  4. Dies wie­der­holt sich für jeden Angerufenen.

Dann hat man natür­lich die Option der e-​​Mail. Die, wie­derum, setzt aber vor­aus, daß man allein von jeder Per­son, die man ein­la­den will, über­haupt die Mail­adresse über­haupt hat. Alter­na­tiv muss man umständ­lich ent­we­der hin­ge­hen und diese erst­mal her­aus­fin­den, oder jemand ande­ren beauf­tra­gen, die Ein­la­dung weiterzuleiten.

Und hier sprin­gen dann SNs in die Bre­sche, wo man eben nach dem Namen der Per­son in einer Gegend sucht, und dann anhand Photo mal schnell die Per­son fin­det. Voilà, Kon­takt­mög­lich­keit geschaf­fen und man braucht nicht mal wirk­lich viel Zeit für.

Selbst­dar­stel­lung

Die­ser Punkt sollte offen­sicht­lich sein: Men­schen haben einen Hang dazu, sich gerne sel­ber zu prä­sen­tie­ren. Und es ist auch hier wie­der eine sim­ple „Zeit­er­spar­nis“, sozu­sa­gen, daß man nicht jedem Men­schen ein­zeln irgend­eine Geschichte erzäh­len, die Videos zei­gen und so wei­ter muß. Hoch­la­den, klick, fertig.

Ana­lyse und Marketing

Dies ist jetzt kein wirk­li­cher Nutz­wert für den gemei­nen Benut­zer, aber es ist halt auch etwas, wofür es gebraucht wird, und darum sollte man sich keine fal­schen, opti­mis­ti­schen Trug­bil­der machen. Diese Platt­for­men wer­den genutzt, um das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten zwi­schen Men­schen zu ana­ly­sie­ren, und das nicht unbe­dingt aus rein aka­de­mi­schen Inter­esse. Zusätz­lich wird es (wenn auch amü­sant inef­fek­tiv) genutzt, um Pro­dukte zu bewer­ben und Mar­ke­ting ein­zu­streuen. Man kann nur froh sein, daß die meis­ten Star­tups keine Ideen von Psy­cho­lo­gie zu haben scheinen.

Zeit­ver­treib

Eigent­lich schon oben abge­deckt. Man kann, je nach SN, sehr viel Zeit dadrin ver­brin­gen und ein­fach nichts tun — und man muß dafür nichts ande­res tun als vor’m Rech­ner hocken. Selbst File­sha­ring ist komplizierter.

Fazit

Auf der Seite ausgestiegen.com gibt es tat­säch­lich recht viele sinn­volle Gründe, die ange­ben wur­den als Grund, SNs zu ver­las­sen. Die meis­ten davon las­sen sich dar­auf zurück­füh­ren, daß es kein Ver­trauen gegen­über Social Network-​​Betreibern gibt, wel­ches man zurecht nach­ver­fol­gen kann, wenn man sich so Kaschem­men wie Holtz­brinck anschaut.

Amü­san­ter­weise hat der Autor gerade einen Bei­trag gese­hen, der sei­ner Mei­nung entspricht:

Immer-​​Noch-​​Nutzer ist von Face­book am 04.12.2009 aus­ge­stie­gen, weil “Jeder Benut­zer muss ler­nen mit den sozia­len Netz­wer­ken umzu­ge­hen. IHR müsst nicht eure pri­va­tes­ten Infor­ma­tio­nen frei­ge­ben. IHR ent­schei­det ob ihr eure Freunde und guten Bekannte hin­zu­fügt. IHR ent­schei­det wie­viel Zeit ihr am PC ver­bringt. IHR seid jemand! Wenn ihr euch ver­füh­ren lasst ist das mehr als schwach! Seid euch selbst bewusst!”

Das, wor­über sich der Arti­kel und die darin zitier­ten Beschwer­den auf­re­gen, hin­ge­gen, ist ein abso­lu­tes Nicht­ar­gu­ment: daß Leute schein­bar zu dumm sind, von irgend­wel­chen Sachen zu tren­nen, die sie online machen, und was ihr ech­tes Leben angeht. Nie­mand schreibt einem vor, wer ein „Freund“ zu sein hat, obwohl sich drü­ber beschwert wird. Wer bei Face­book Stun­den­lang rum­kli­cken kann, daß es zum Pro­blem wird, der wird auch sonst im Leben Pro­bleme haben, irgend­wel­chen tri­via­len Süch­ten zu widerstehen.

Wer sich von Wor­ten ande­rer sein eige­nes Ver­hal­ten unre­flek­tiert vor­schrei­ben lässt, der hat das Inter­net ein­fach nicht verstanden.

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