Worte machen Menschen zu Schafen

Über die Bedeutung und den Mißbrauch von Wörtern.

Über einen nicht öffentlichen Twitteraccount wurde dem Autor ein Link zu einem Zeit-Artikel zugespielt, der zum virtuellen Hervortreten der Halsschlagader zusammen mit Ausrufen von „Ihr dummen, dummen Schafe“ führte.

Man sollte den Artikel selber lesen, aber sinngemäß sagt er ungefähr das Folgende: „Social networks verschlingen Zeit und sind keine echten Freundschaften.“

ACH.

Wie sinnentleert muss man eigentlich sein, um je an sowas zu glauben? Natürlich ist niemand mein Freund, wenn ich auf einer Webseite zwei Klicks mache und dann darauf warte, daß jemand anders auch draufklickt. Egal, wie sehr ich mir das doch bitte einreden will.

Daß fast jeder Betreiber von Social Networks unnötigerweise die Nomenklatur „Freund“ benutzt, statt das Kind einfach beim Namen („Kontakt“) zu nennen, ist ja jetzt nun nicht gerade die Erkenntnis der Stunde, sondern meist der erste Kritikpunkt, den Leute anbringen, wenn sie einem SN überhaupt beitreten. Scheinbar vergessen die Meisten das wieder.

Und dann schlägt das typisch menschliche Suchtverhalten zu: wenn man etwas findet, was einem einfach kurzweiliger Unterhaltung bringt, ohne, daß man sich sonderlich dafür einsetzen muß, dann ist der Hang leicht, dem zu verfallen. Deswegen hängen Menschen vor’m Fernseher, deswegen verbringen Leute ihr Leben in MMORPGs (zzgl. anderer Faktoren), deswegen gibt es Leute, die Stundenlang Bücher lesen können, und so weiter und so fort.

Wenn man dann jetzt nun beim großen Zeitverschwender Facebook zu den Leuten gehört, die regelmäßig FarmVille, Mafia Wars und wie sie alle heißen zocken, dann ist das auch nichts anderes als eine persönliche Schwäche gegenüber dieser Beschäftigung. Früher war der Zugang schwerer, aber wenn man das außer Acht lässt wären dieselben Leute ein Kandidat für diverse Browserspiele wie OGame gewesen.

Um es nochmal zu wiederholen: SNs haben nichts mit Freunden zu tun. Die Hauptzwecke von SNs sind:

  • Triviale Kommunikation mit Kontakten
  • Selbstdarstellung
  • Analyse und Marketing
  • Zeitvertreib

Hinweis: diese Liste ist in ihrer Reihenfolge nicht gewichtet.

Triviale Kommunikation mit Kontakten

Es ist eigentlich ganz einfach, was solche SNs für die Kommunikation mit anderen Menschen bewirken: Kommunikation wird trivialer. Es wird viel einfacher, Gruppen von Leuten irgendwas mitzuteilen. Durch eine hinreichend breite Abdeckung wird sichergestellt, daß man sehr viele Leute, denen man etwas sagen will, auch leicht anschreibbar sind. Im Artikel wird dies auch erwähnt:

Wenn allerdings Thomas drei Zimmer weiter tagein, tagaus auf demselben Flur sitzt, könnte er auch einfach vier Schritte laufen, sollte er einen denn wirklich vermissen. Und Julia trifft man, wie vor Beginn der Netzwerk-Ära, alle zwei Jahre auf einer Party bei gemeinsamen Freunden.

Gerade der letzte Absatz stürzt den Autor vor die Frage, wie hirnentleert dieses Argument eigentlich ist. Warum sollte man sich drauf beschränken, jemanden alle zwei Jahre zu treffen, wenn es eine nicht wirklich anstrengende Möglichkeit gibt, häufiger mit den Leuten zu kommunizieren – außer man mag die Person nicht, wo man dann eh nicht mal auf das Treffen in zwei Jahren eine Vorfreude hat.

Zurück zum Argument: Wenn man nun einer verwaltbaren Gruppe von, z.B. acht Leuten irgendeine Information mitteilen will, wo man nicht unbedingt einen tiefgehenden Dialog anschlagen muß – zum Beispiel eine Einladung zu einer Party – warum sollte man dann nicht einen SN-Dienst nutzen können? Natürlich gibt es die Möglichkeit, alle Leute einzeln anzurufen, aber allein das Anrufen hat viele Nachteile:

  1. Es bindet die Zeit von beiden Beteiligten für einige Minuten.
  2. Der Angerufene wird vielleicht bei etwas gestört, wo er gar nicht gestört werden will.
  3. Der Angerufene hat vielleicht gar nicht mal Zeit, ranzugehen, und so verbringt man dann mehrere Wählversuche damit, auf ihn zu warten.
  4. Dies wiederholt sich für jeden Angerufenen.

Dann hat man natürlich die Option der e-Mail. Die, wiederum, setzt aber voraus, daß man allein von jeder Person, die man einladen will, überhaupt die Mailadresse überhaupt hat. Alternativ muss man umständlich entweder hingehen und diese erstmal herausfinden, oder jemand anderen beauftragen, die Einladung weiterzuleiten.

Und hier springen dann SNs in die Bresche, wo man eben nach dem Namen der Person in einer Gegend sucht, und dann anhand Photo mal schnell die Person findet. Voilà, Kontaktmöglichkeit geschaffen und man braucht nicht mal wirklich viel Zeit für.

Selbstdarstellung

Dieser Punkt sollte offensichtlich sein: Menschen haben einen Hang dazu, sich gerne selber zu präsentieren. Und es ist auch hier wieder eine simple „Zeitersparnis“, sozusagen, daß man nicht jedem Menschen einzeln irgendeine Geschichte erzählen, die Videos zeigen und so weiter muß. Hochladen, klick, fertig.

Analyse und Marketing

Dies ist jetzt kein wirklicher Nutzwert für den gemeinen Benutzer, aber es ist halt auch etwas, wofür es gebraucht wird, und darum sollte man sich keine falschen, optimistischen Trugbilder machen. Diese Plattformen werden genutzt, um das Kommunikationsverhalten zwischen Menschen zu analysieren, und das nicht unbedingt aus rein akademischen Interesse. Zusätzlich wird es (wenn auch amüsant ineffektiv) genutzt, um Produkte zu bewerben und Marketing einzustreuen. Man kann nur froh sein, daß die meisten Startups keine Ideen von Psychologie zu haben scheinen.

Zeitvertreib

Eigentlich schon oben abgedeckt. Man kann, je nach SN, sehr viel Zeit dadrin verbringen und einfach nichts tun – und man muß dafür nichts anderes tun als vor’m Rechner hocken. Selbst Filesharing ist komplizierter.

Fazit

Auf der Seite ausgestiegen.com gibt es tatsächlich recht viele sinnvolle Gründe, die angeben wurden als Grund, SNs zu verlassen. Die meisten davon lassen sich darauf zurückführen, daß es kein Vertrauen gegenüber Social Network-Betreibern gibt, welches man zurecht nachverfolgen kann, wenn man sich so Kaschemmen wie Holtzbrinck anschaut.

Amüsanterweise hat der Autor gerade einen Beitrag gesehen, der seiner Meinung entspricht:

Immer-Noch-Nutzer ist von Facebook am 04.12.2009 ausgestiegen, weil „Jeder Benutzer muss lernen mit den sozialen Netzwerken umzugehen. IHR müsst nicht eure privatesten Informationen freigeben. IHR entscheidet ob ihr eure Freunde und guten Bekannte hinzufügt. IHR entscheidet wieviel Zeit ihr am PC verbringt. IHR seid jemand! Wenn ihr euch verführen lasst ist das mehr als schwach! Seid euch selbst bewusst!“

Das, worüber sich der Artikel und die darin zitierten Beschwerden aufregen, hingegen, ist ein absolutes Nichtargument: daß Leute scheinbar zu dumm sind, von irgendwelchen Sachen zu trennen, die sie online machen, und was ihr echtes Leben angeht. Niemand schreibt einem vor, wer ein „Freund“ zu sein hat, obwohl sich drüber beschwert wird. Wer bei Facebook Stundenlang rumklicken kann, daß es zum Problem wird, der wird auch sonst im Leben Probleme haben, irgendwelchen trivialen Süchten zu widerstehen.

Wer sich von Worten anderer sein eigenes Verhalten unreflektiert vorschreiben lässt, der hat das Internet einfach nicht verstanden.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

Ein Gedanke zu „Worte machen Menschen zu Schafen“

Kommentar verfassen