Netiquette – oder eben auch nicht

Warum die Netiquette nicht mehr wirkt.

Vor der Wahl kam ja die große Diskussion darum auf, daß das Netz sogenannte „Benimmregeln“ bräuchte, damit Leute mal einen ordentlichen Umgang miteinander pflegen.

Die Netzgemeinschaft antwortete süffisant, daß es doch schon die Netiquette gebe – sowohl im englischen verallgemeinerten Original in der Form von RFC 1855. Es gibt zum Beispiel auch spezielle Übersetzungen bzw. Festlegungen, wie zum Beispiel die Netiquette des deutschen Usenet, bei welcher man aber schon sieht, daß es mehr eine Benutzungsanleitung ist alles andere. (Der gemeine Usenetter würde es „gesunder Menschenverstand“ nennen.)

Wir predigen diese Netiquette auch noch im Umgang mit und bei Fremden, aber das Problem ist, das sich eigentlich keiner mehr an der Benimm-Teil hält. Einige vernünftige Grundsätze werden von den alten Hasen noch befolgt (zum Beispiel das vorherige Mitlesen, um sich klar zu werden, in welches Diskussionsklima man einsteigt), aber auch dort sieht man zunehmends, wie sich die Sprach- und Verhaltenskultur mit der der Gesellschaft verändert.

Die Sitten heutzutage sind nun mal einfach rauher, damit muß man eben klarkommen – Fremde sind manchmal freundlich, aber meistens neutral bis negativ gelaunt. Dies gilt aber nicht nur im Internet, sondern auch im normalen Leben. Man gönnt sich die kleinen Lügen der Freundlichkeit – wenn jemand lieb fragt, dann wird auch versucht, dieser Person entgegenzukommen – aber insgeheim denkt niemand freudig dadrüber, gerade der alten Frau Platz gemacht zu haben, die einen durch geballte Parfümattacken und eine Unfähigkeit, nur ihren Sitzplatz zu belegen, quasi vom Sitz schieben.

Damals hat man die Netiquette eingeführt, um inhärenten Mißverständnissen vorzubeugen, die nun mal entstehen, wenn man sich über lange Entfernung unterhält. Hier gibt es zwar natürlich schon die Erfahrung aus dem Briefverkehr, aber dort verkehrt man selten auf Basis von Gleichen mit fremden Leuten in einer derartigen Häufigkeit, wie es einem das Internet ermöglicht. Beim normalen Brief achtet man sehr auf Formulierung, und er geht vom Inhalt eher in einen Monolog rein.

Im Internet hingegen ist es üblich, sich Nachrichten über viel belanglosere Sachen zu schreiben, einfach weil es keinen relevanten, direkten Kostenpunkt gibt, der es unerschwinglich macht, jemanden nach seinem Befinden zu fragen. In einem Brief, mit seinen bestenfalls Wochen an Rundlaufzeit, welche das Fragen schon inhärent sinnlos gestalten, und einem Kostenpunkt weit jenseits einer einzelnen Email, ist dies einfach nicht praktikabel.

Zu den häufigsten Problem von digitaler Kommunikation habe ich bereits was geschrieben. Und genau darum geht es hierbei auch – es fällt schwer, einen nicht mit Smilies, Tags oder ähnlich verzierten Text anzusehen, ob es denn jetzt nun ein Scherz war oder bitterer Ernst. Wenn eine Signatur „ceterum censeo Microsoftam esse delendam“ enthält, dann weiß man, was man davon zu halten hat.

Wenn hingegen ein Fremder in eine Diskussion „… und tötet alle Juden!“ einwirft, fällt es einem manchmal schwer zu entscheiden, ob dies nur ein Einwurf war, um die Diskussion zu sprengen, oder vielleicht ein einsichtiger, wenn auch obskurer, Kommentar über die logischen Fehler einiger der Diskussionsteilnehmer, oder tatsächlich einfach nur wieder so’n dummer Nazi.

Da selbst Netiquetteveteranen solche Formulierungen nutzen wurden die Usenet-Laws eingeführt. So kann man dann wenigstens auf Zuruf jemanden als Diskussionsteilnehmer dequalifizieren. Nicht schön, aber ein Fall von „Selbst Schuld“ – und nicht mal bindend, denn es steht ja immer noch frei, sich danach zum Narren zu machen, damit man wirklich ignoriert wird.

Aber auch solche Unachtsamkeiten zeigen halt das eigentliche Problem bei der Sache: weil der Mensch analoge Kommunikation instinktiv nutzt geht er einfach davon aus, daß er bei manchen elementaren Sachen einfach verstanden wird – egal, wie erfahren er nun doch damit sein mag, sowas zu vermeiden.

Und gerade in einer Gesellschaft, wo es inzwischen jedem leicht fällt, ein Dutzend Menschengruppen zu nennen, die ihn bestenfalls nerven, wird dies zu einem sich selbst hochschaukelnden Problem der sozialen Inselbildung und gescheiterter Anpassung an die „Normzustände“. Man findet sehr viele Diskussionsplattformen, wo der Umgangston bestenfalls rauh ist, und nur, wenn das eigene Fell dick genug ist, diesen rauhen Umgangston zu überstehen, findet man Zugang zu der Gruppe.

Ähnlich verhält es sich schließlich auch in der Realität: der Trend zur sozialen Uniform ist gerade heutzutage bei den Jugendlichen voll im Kommen. Es gibt nach Meinung des Autors eine handvoll „Stile“, deren jugendliche Heute noch frönen, und praktisch keine Ausnahmen. So sieht man oft welche, die verzweifelt versuchen, sich durch Kleidung und Verhalten einer Gruppe anzupassen, aber wenn sie irgendwo allein sind sich um so angreiflicher fühlen, weil ihre selbstgewählte Identität ihnen keinen Schutz bietet.

So auch im Internet: „Elitenbildung“ ist hier das von Ausgeschlossenen gern benutzte Stichwort, aber auch hier bilden sich harte Gräben: „die komischen Nerds“, „die dummen Blogger“, „ach diese Piraten“, „verfickte Gamer“ und „macfags“.

Ist es bei dieser Übertragung von realen Grabenkriegen wirklich noch ein Wunder, daß Höflichkeit einen eher hinteren Rang in der Liste der Prioritäten eingenommen hat?

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

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