1. Dezember 2009: Netiquette — oder eben auch nicht

Vor der Wahl kam ja die große Dis­kus­sion darum auf, daß das Netz soge­nannte „Benimm­re­geln“ bräuchte, damit Leute mal einen ordent­li­chen Umgang mit­ein­an­der pflegen.

Die Netz­ge­mein­schaft ant­wor­tete süf­fi­sant, daß es doch schon die Neti­quette gebe — sowohl im eng­li­schen ver­all­ge­mei­ner­ten Ori­gi­nal in der Form von RFC 1855. Es gibt zum Bei­spiel auch spe­zi­elle Über­set­zun­gen bzw. Fest­le­gun­gen, wie zum Bei­spiel die Netiquette des deutschen Usenet, bei wel­cher man aber schon sieht, daß es mehr eine Benut­zungs­an­lei­tung ist alles andere. (Der gemeine Use­net­ter würde es “gesun­der Men­schen­ver­stand” nennen.)

Wir pre­di­gen diese Neti­quette auch noch im Umgang mit und bei Frem­den, aber das Pro­blem ist, das sich eigent­lich kei­ner mehr an der Benimm-​​Teil hält. Einige ver­nünf­tige Grund­sätze wer­den von den alten Hasen noch befolgt (zum Bei­spiel das vor­he­rige Mit­le­sen, um sich klar zu wer­den, in wel­ches Dis­kus­si­ons­klima man ein­steigt), aber auch dort sieht man zuneh­mends, wie sich die Sprach– und Ver­hal­tens­kul­tur mit der der Gesell­schaft verändert.

Die Sit­ten heut­zu­tage sind nun mal ein­fach rau­her, damit muß man eben klar­kom­men — Fremde sind manch­mal freund­lich, aber meis­tens neu­tral bis nega­tiv gelaunt. Dies gilt aber nicht nur im Inter­net, son­dern auch im nor­ma­len Leben. Man gönnt sich die klei­nen Lügen der Freund­lich­keit — wenn jemand lieb fragt, dann wird auch ver­sucht, die­ser Per­son ent­ge­gen­zu­kom­men — aber ins­ge­heim denkt nie­mand freu­dig dadrü­ber, gerade der alten Frau Platz gemacht zu haben, die einen durch geballte Par­fü­mat­ta­cken und eine Unfä­hig­keit, nur ihren Sitz­platz zu bele­gen, quasi vom Sitz schieben.

Damals hat man die Neti­quette ein­ge­führt, um inhä­ren­ten Miß­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen, die nun mal ent­ste­hen, wenn man sich über lange Ent­fer­nung unter­hält. Hier gibt es zwar natür­lich schon die Erfah­rung aus dem Brief­ver­kehr, aber dort ver­kehrt man sel­ten auf Basis von Glei­chen mit frem­den Leu­ten in einer der­ar­ti­gen Häu­fig­keit, wie es einem das Inter­net ermög­licht. Beim nor­ma­len Brief ach­tet man sehr auf For­mu­lie­rung, und er geht vom Inhalt eher in einen Mono­log rein.

Im Inter­net hin­ge­gen ist es üblich, sich Nach­rich­ten über viel belang­lo­sere Sachen zu schrei­ben, ein­fach weil es kei­nen rele­van­ten, direk­ten Kos­ten­punkt gibt, der es uner­schwing­lich macht, jeman­den nach sei­nem Befin­den zu fra­gen. In einem Brief, mit sei­nen bes­ten­falls Wochen an Rund­lauf­zeit, wel­che das Fra­gen schon inhä­rent sinn­los gestal­ten, und einem Kos­ten­punkt weit jen­seits einer ein­zel­nen Email, ist dies ein­fach nicht praktikabel.

Zu den häu­figs­ten Pro­blem von digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­tion habe ich bereits was geschrieben. Und genau darum geht es hier­bei auch — es fällt schwer, einen nicht mit Smi­lies, Tags oder ähnlich ver­zier­ten Text anzu­se­hen, ob es denn jetzt nun ein Scherz war oder bit­te­rer Ernst. Wenn eine Signa­tur „ceterum cen­seo Micro­sof­tam esse delen­dam“ ent­hält, dann weiß man, was man davon zu hal­ten hat.

Wenn hin­ge­gen ein Frem­der in eine Dis­kus­sion „… und tötet alle Juden!“ ein­wirft, fällt es einem manch­mal schwer zu ent­schei­den, ob dies nur ein Ein­wurf war, um die Dis­kus­sion zu spren­gen, oder viel­leicht ein ein­sich­ti­ger, wenn auch obsku­rer, Kom­men­tar über die logi­schen Feh­ler eini­ger der Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer, oder tat­säch­lich ein­fach nur wie­der so’n dum­mer Nazi.

Da selbst Neti­quet­te­ve­te­ra­nen sol­che For­mu­lie­run­gen nut­zen wur­den die Usenet-Laws ein­ge­führt. So kann man dann wenigs­tens auf Zuruf jeman­den als Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer dequa­li­fi­zie­ren. Nicht schön, aber ein Fall von “Selbst Schuld” — und nicht mal bin­dend, denn es steht ja immer noch frei, sich danach zum Nar­ren zu machen, damit man wirk­lich igno­riert wird.

Aber auch sol­che Unacht­sam­kei­ten zei­gen halt das eigent­li­che Pro­blem bei der Sache: weil der Mensch ana­loge Kom­mu­ni­ka­tion instink­tiv nutzt geht er ein­fach davon aus, daß er bei man­chen ele­men­ta­ren Sachen ein­fach ver­stan­den wird — egal, wie erfah­ren er nun doch damit sein mag, sowas zu vermeiden.

Und gerade in einer Gesell­schaft, wo es inzwi­schen jedem leicht fällt, ein Dut­zend Men­schen­grup­pen zu nen­nen, die ihn bes­ten­falls ner­ven, wird dies zu einem sich selbst hoch­schau­keln­den Pro­blem der sozia­len Insel­bil­dung und geschei­ter­ter Anpas­sung an die „Norm­zu­stände“. Man fin­det sehr viele Dis­kus­si­ons­platt­for­men, wo der Umgangs­ton bes­ten­falls rauh ist, und nur, wenn das eigene Fell dick genug ist, die­sen rau­hen Umgangs­ton zu über­ste­hen, fin­det man Zugang zu der Gruppe.

Ähnlich ver­hält es sich schließ­lich auch in der Rea­li­tät: der Trend zur sozia­len Uni­form ist gerade heut­zu­tage bei den Jugend­li­chen voll im Kom­men. Es gibt nach Mei­nung des Autors eine hand­voll “Stile”, deren jugend­li­che Heute noch frö­nen, und prak­tisch keine Aus­nah­men. So sieht man oft wel­che, die ver­zwei­felt ver­su­chen, sich durch Klei­dung und Ver­hal­ten einer Gruppe anzu­pas­sen, aber wenn sie irgendwo allein sind sich um so angreif­li­cher füh­len, weil ihre selbst­ge­wählte Iden­ti­tät ihnen kei­nen Schutz bietet.

So auch im Inter­net: „Eli­ten­bil­dung“ ist hier das von Aus­ge­schlos­se­nen gern benutzte Stich­wort, aber auch hier bil­den sich harte Grä­ben: „die komi­schen Nerds“, „die dum­men Blog­ger“, „ach diese Pira­ten“, „ver­fickte Gamer“ und „macfags“.

Ist es bei die­ser Über­tra­gung von rea­len Gra­ben­krie­gen wirk­lich noch ein Wun­der, daß Höf­lich­keit einen eher hin­te­ren Rang in der Liste der Prio­ri­tä­ten ein­ge­nom­men hat?

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