Privatsphäre in der Neuzeit

Eine kleine Abhandlung darüber, was heute als Privatsphäre betrachtet wird.

Wir leben in einer Zeit, decease wo ein nicht geringer Teil der Leute ihr Leben in milliardenfacher Ausführung online darlegen. Seien es die aktuellsten Updates auf Facebook, health wo Chantalle seit gestern wieder single ist und seit eben auf Bildern verlinkt wurde, pill wo sie mit ihrem neuen Date rumknutscht, oder das Blog, wo sie dann von Problemen in der Beziehung erzählt hatte.

Die „junge Generation“ der technikaffinen Deutschen lebt Hand in Hand mit ihren Freunden nicht nur über echte Bekanntschaft, sondern auch online, und tauscht da rege Informationen aus.

Was ihnen dabei verloren geht, und was viele vom „älteren“ Kaliber kritisieren ist hierbei das mangelnde Gefühl für die eigene Privatsphäre. Der Begriff scheint desöfteren heute nicht mehr wirklich präsent zu sein bei denen, die er am meisten etwas angehen sollte.

Ich kann nur vermuten, daß es daran liegt, daß die Leute glauben, daß es ja nicht anders ist, als würde man den Freunden davon erzählen. Mangelndes technisches Verständnis ist oft der Grund, warum so viele Fehlinformationen kursieren. Einige wissen schlicht nicht, daß ihre Profile standardmäßig offen einsichtlich sind, und andere wiederum nicht, wie leicht sie aufzufinden sind.

Wenn man ihnen dann noch erzählt, daß es nicht weiter schwer sei, alles mögliche über sie herauszubekommen, sträuben sie sich. Wenn sie dann sagen, dass ihre Seite nur Freunden zugänglich ist, zeigt man ihnen, was man findet, indem man einfach ihren Schatten in den Profilen von Freunden betrachtet.

Kommentare, die man dann öfter hört, sind so Sachen wie „Ich habe doch nichts zu verbergen“ – welches nicht nur bei jungen Leuten ein Problem ist, sondern auch bei älteren Leuten, die es besser wissen sollten.

Der gemeine, privatsphärenbewussste Bürger, im Kontrast, ist meist recht kritisch gegenüber dem Staat eingestellt. Viele der politischen Maßnahmen der letzten Jahre lassen eigentlich nur zwei Schlußfolgerungen zu:

  1. Die Regierenden versuchen dem Staat immer mehr Möglichkeiten zu geben, die eigenen Bürger noch effektiver zu kontrollieren.
  2. Die Regierenden sind schlicht und ergreifend inkompetent und glauben an die eigene Propaganda, die sie da verbreiten.

Und beides sind leider keine Punkte, die einen dazu bringen, besonderes Vertrauen in die Regierung zu legen. Daher herrscht natürliches Misstrauen, und man ist der Meinung, daß der Staat implizit in seiner Hinsicht als Kontrollorgan kritisch ist, und daß es nicht eine Frage des ob, sondern des wann ist, wenn es um die dunkle Seite der Überwachung geht.

Manchmal wird natürlich versucht, mit „logischeren“ Argument der Lage Herr zu werden. Zum Beispiel versucht man, den jungen Leuten zu sagen, daß Firmenchefs die StudiVZ-Profile und ähnliches durchsuchen. Dieses Argument ist umstritten, da es sowohl Anzeichen dagegen gibt, aber auch (wenn auch nicht so gewichtige) Beispiele dafür.

Das ändert aber nichts daran, daß sich das Grundverständnis ändert. Nur durch eine gewisse Aufgabe der Privatsphäre ist es solchen Leuten möglich, überhaupt noch ihr großes Kontaktnetzwerk zu verwalten. Da es sich hier nicht um professionelle Kontakte, sondern Bekanntschaften, handelt, zählt auch ein gewisser bilateraler Informationsaustausch dazu, diesen Status zu erhalten.

Und jetzt betrachtet man mal die Realität: wenn man schon mal zwei Dutzend Leuten von Neuerungen im eigenen Leben erzählen will, und dabei ein Medium wählen will, was halbwegs sicher gegenüber der eigenen Privatsphäre ist, muß man schon viel arbeiten.

Absolut sicher wäre es natürlich, sich mit jedem zu treffen und es ihm zu erzählen. Bei zwei Dutzend Leuten kann das schon mal je nachdem, wie man und die anderen Zeit haben, mehrere Wochen dauern. Vor allem wenn man nicht mehrere gleichzeitig abfertigen kann.

Also denkt man weiter: Telephon würde gehen, ist aber ziemlich singletaskig. E-Mail geht, aber ist ziemlich langsam und indirekt, und nicht so persönlich wie direkte Kommunikation.

Der nächste Schritt ist dann also Instant Messenging. Damit kann man schon recht viel abdecken, bei zwei Dutzend Leuten, und halbwegs Interaktivität garantieren. Da ist man dann in wenigen Tagen durch mit allem, muss aber auch viel Zeit reinstecken.

Und jetzt kommen wir zu einer der Einschränkungen, die bisher gefallen waren: zwei Dutzend Leute. Heutzutage aber unterhalten die Leute aber nicht mehr nur zwei Dutzend Leute in ihren Kontakten… Das doppelte, dreifache, vierfache und so weiter sind viel häufiger. Zusammen mit Mitschülern und Bekanntschaften von Parties, zum Beispiel, haben wohl recht viele Schüler bei SchülerVZ über hundert Bekannte.

Da bleibt es einfach nicht mehr erschwinglich, alle Leute manuell zu informieren. Natürlich kann man jetzt sagen, daß es vielleicht gar nicht nötig ist, so viele Bekannte zu haben, die auf dem laufenden sein müssen. Und die Tatsache allein, daß man alle ständig auf dem laufenden hält, ganz eigene Probleme mit sich bringt.

Aber wer will man selber sein, daß man anderen Leuten verbietet, wie sie sich entfalten sollen? Ich erwische mich oft dabei, zu glauben, daß ich alles besser weiß – beziehungsweise: ich weiß, daß ich alles besser weiß. Und genau deswegen darf ich meinen eigenen Urteilen nicht zu hundert Prozent trauen.

Gestern hieß es auf einem Vortrag über Wahlcomputer, daß das BVerfG in seiner kurzen, einseitigen Erklärung schrieb, daß es nicht „technologiefeindlich“ sei. Dies war eigentlich eine Reaktion auf eine große Schlammschlacht im Vorfeld, aber es stellt auch meines Erachtens eine Selbsterkenntnis dar. Die Aussage, die dahintersteht, lautet „Ja, wir wissen, daß wir alle konservativ sind und unsere Meinung generell zurückhaltend geprägt sind. Wir sind uns dessem im vollsten bewusst und wollen klarstellen, daß wir über den Tellerrand hinausschauen.“

Und in genau so einer Situation finde ich mich auch wieder. Ich bin der festen Überzeugung, daß die ganze „junge“ Generation von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, und ihr eigenes Leben wie ein offenes Buch zur Schau stellt.

Dennoch will ich eben nicht aus Prinzip feindlich gegenüber den Neuerungen sein, und hoffen, daß es so „positiv“ wie in den Werken vieler SF-Autoren ausgeht, und daß meine Bedenken nur in den Fußnoten meiner Biographie als übervorsichtig und konservativ dargestellt werden.

Was nichts dran ändert, daß ich nicht den Teufel dafür tun werde, zu gewährleisten, daß es auch wirklich so wird.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

Ein Gedanke zu „Privatsphäre in der Neuzeit“

  1. Die kritische Masse, was Privatzeug-im-Netz-verbreiten angeht, ist mM bereits überschritten. Appelle von außen helfen da nicht mehr, sondern nur noch Selbsterkenntnis durch schlechte Erfahrungen des Einzelnen, der zuviel preis gegeben hat.

    Aber wie du schon sagst: *Vielleicht* ist das ja auch alles übertrieben und es gibt gar keine negativ-unwiderruflichen Konsequenzen. Ich tendiere mittlerweile eher dazu…

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