28. August 2009: Privatsphäre in der Neuzeit

Wir leben in einer Zeit, wo ein nicht gerin­ger Teil der Leute ihr Leben in mil­li­ar­den­fa­cher Aus­füh­rung online dar­le­gen. Seien es die aktu­ells­ten Updates auf Face­book, wo Chan­talle seit ges­tern wie­der sin­gle ist und seit eben auf Bil­dern ver­linkt wurde, wo sie mit ihrem neuen Date rum­knutscht, oder das Blog, wo sie dann von Pro­ble­men in der Bezie­hung erzählt hatte.

Die „junge Gene­ra­tion“ der tech­ni­kaf­fi­nen Deut­schen lebt Hand in Hand mit ihren Freun­den nicht nur über echte Bekannt­schaft, son­dern auch online, und tauscht da rege Infor­ma­tio­nen aus.

Was ihnen dabei ver­lo­ren geht, und was viele vom „älte­ren“ Kali­ber kri­ti­sie­ren ist hier­bei das man­gelnde Gefühl für die eigene Pri­vat­sphäre. Der Begriff scheint desöf­te­ren heute nicht mehr wirk­lich prä­sent zu sein bei denen, die er am meis­ten etwas ange­hen sollte.

Ich kann nur ver­mu­ten, daß es daran liegt, daß die Leute glau­ben, daß es ja nicht anders ist, als würde man den Freun­den davon erzäh­len. Man­geln­des tech­ni­sches Ver­ständ­nis ist oft der Grund, warum so viele Fehl­in­for­ma­tio­nen kur­sie­ren. Einige wis­sen schlicht nicht, daß ihre Pro­file stan­dard­mä­ßig offen ein­sicht­lich sind, und andere wie­derum nicht, wie leicht sie auf­zu­fin­den sind.

Wenn man ihnen dann noch erzählt, daß es nicht wei­ter schwer sei, alles mög­li­che über sie her­aus­zu­be­kom­men, sträu­ben sie sich. Wenn sie dann sagen, dass ihre Seite nur Freun­den zugäng­lich ist, zeigt man ihnen, was man fin­det, indem man ein­fach ihren Schat­ten in den Pro­fi­len von Freun­den betrachtet.

Kom­men­tare, die man dann öfter hört, sind so Sachen wie „Ich habe doch nichts zu verbergen“ — welches nicht nur bei jun­gen Leu­ten ein Pro­blem ist, son­dern auch bei älte­ren Leu­ten, die es bes­ser wis­sen sollten.

Der gemeine, pri­vat­sphä­ren­be­wussste Bür­ger, im Kon­trast, ist meist recht kri­tisch gegen­über dem Staat ein­ge­stellt. Viele der poli­ti­schen Maß­nah­men der letz­ten Jahre las­sen eigent­lich nur zwei Schluß­fol­ge­run­gen zu:

  1. Die Regie­ren­den ver­su­chen dem Staat immer mehr Mög­lich­kei­ten zu geben, die eige­nen Bür­ger noch effek­ti­ver zu kontrollieren.
  2. Die Regie­ren­den sind schlicht und ergrei­fend inkom­pe­tent und glau­ben an die eigene Pro­pa­ganda, die sie da verbreiten.

Und bei­des sind lei­der keine Punkte, die einen dazu brin­gen, beson­de­res Ver­trauen in die Regie­rung zu legen. Daher herrscht natür­li­ches Miss­trauen, und man ist der Mei­nung, daß der Staat impli­zit in sei­ner Hin­sicht als Kon­troll­or­gan kri­tisch ist, und daß es nicht eine Frage des ob, son­dern des wann ist, wenn es um die dunkle Seite der Über­wa­chung geht.

Manch­mal wird natür­lich ver­sucht, mit „logi­sche­ren“ Argu­ment der Lage Herr zu wer­den. Zum Bei­spiel ver­sucht man, den jun­gen Leu­ten zu sagen, daß Fir­men­chefs die StudiVZ-​​Profile und ähnli­ches durch­su­chen. Die­ses Argu­ment ist umstrit­ten, da es sowohl Anzeichen dagegen gibt, aber auch (wenn auch nicht so gewich­tige) Beispiele dafür.

Das ändert aber nichts daran, daß sich das Grund­ver­ständ­nis ändert. Nur durch eine gewisse Auf­gabe der Pri­vat­sphäre ist es sol­chen Leu­ten mög­lich, über­haupt noch ihr gro­ßes Kon­takt­netz­werk zu ver­wal­ten. Da es sich hier nicht um pro­fes­sio­nelle Kon­takte, son­dern Bekannt­schaf­ten, han­delt, zählt auch ein gewis­ser bila­te­ra­ler Infor­ma­ti­ons­aus­tausch dazu, die­sen Sta­tus zu erhalten.

Und jetzt betrach­tet man mal die Rea­li­tät: wenn man schon mal zwei Dut­zend Leu­ten von Neue­run­gen im eige­nen Leben erzäh­len will, und dabei ein Medium wäh­len will, was halb­wegs sicher gegen­über der eige­nen Pri­vat­sphäre ist, muß man schon viel arbeiten.

Abso­lut sicher wäre es natür­lich, sich mit jedem zu tref­fen und es ihm zu erzäh­len. Bei zwei Dut­zend Leu­ten kann das schon mal je nach­dem, wie man und die ande­ren Zeit haben, meh­rere Wochen dau­ern. Vor allem wenn man nicht meh­rere gleich­zei­tig abfer­ti­gen kann.

Also denkt man wei­ter: Tele­phon würde gehen, ist aber ziem­lich sin­gle­tas­kig. E-​​Mail geht, aber ist ziem­lich lang­sam und indi­rekt, und nicht so per­sön­lich wie direkte Kommunikation.

Der nächste Schritt ist dann also Instant Mes­sen­ging. Damit kann man schon recht viel abde­cken, bei zwei Dut­zend Leu­ten, und halb­wegs Inter­ak­ti­vi­tät garan­tie­ren. Da ist man dann in weni­gen Tagen durch mit allem, muss aber auch viel Zeit reinstecken.

Und jetzt kom­men wir zu einer der Ein­schrän­kun­gen, die bis­her gefal­len waren: zwei Dut­zend Leute. Heut­zu­tage aber unter­hal­ten die Leute aber nicht mehr nur zwei Dut­zend Leute in ihren Kon­tak­ten… Das dop­pelte, drei­fa­che, vier­fa­che und so wei­ter sind viel häu­fi­ger. Zusam­men mit Mit­schü­lern und Bekannt­schaf­ten von Par­ties, zum Bei­spiel, haben wohl recht viele Schü­ler bei Schü­lerVZ über hun­dert Bekannte.

Da bleibt es ein­fach nicht mehr erschwing­lich, alle Leute manu­ell zu infor­mie­ren. Natür­lich kann man jetzt sagen, daß es viel­leicht gar nicht nötig ist, so viele Bekannte zu haben, die auf dem lau­fen­den sein müs­sen. Und die Tat­sa­che allein, daß man alle stän­dig auf dem lau­fen­den hält, ganz eigene Probleme mit sich bringt.

Aber wer will man sel­ber sein, daß man ande­ren Leu­ten ver­bie­tet, wie sie sich ent­fal­ten sol­len? Ich erwi­sche mich oft dabei, zu glau­ben, daß ich alles bes­ser weiß — bezie­hungs­weise: ich weiß, daß ich alles bes­ser weiß. Und genau des­we­gen darf ich mei­nen eige­nen Urtei­len nicht zu hun­dert Pro­zent trauen.

Ges­tern hieß es auf einem Vor­trag über Wahl­com­pu­ter, daß das BVerfG in sei­ner kur­zen, ein­sei­ti­gen Erklä­rung schrieb, daß es nicht „tech­no­lo­gie­feind­lich“ sei. Dies war eigent­lich eine Reak­tion auf eine große Schlamm­schlacht im Vor­feld, aber es stellt auch mei­nes Erach­tens eine Selbst­er­kennt­nis dar. Die Aus­sage, die dahin­ter­steht, lau­tet „Ja, wir wis­sen, daß wir alle kon­ser­va­tiv sind und unsere Mei­nung gene­rell zurück­hal­tend geprägt sind. Wir sind uns des­sem im volls­ten bewusst und wol­len klar­stel­len, daß wir über den Tel­ler­rand hinausschauen.“

Und in genau so einer Situa­tion finde ich mich auch wie­der. Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, daß die ganze „junge“ Gene­ra­tion von Tuten und Bla­sen keine Ahnung hat, und ihr eige­nes Leben wie ein offe­nes Buch zur Schau stellt.

Den­noch will ich eben nicht aus Prin­zip feind­lich gegen­über den Neue­run­gen sein, und hof­fen, daß es so „positiv“ wie in den Wer­ken vie­ler SF-​​Autoren aus­geht, und daß meine Beden­ken nur in den Fuß­no­ten mei­ner Bio­gra­phie als über­vor­sich­tig und kon­ser­va­tiv dar­ge­stellt werden.

Was nichts dran ändert, daß ich nicht den Teu­fel dafür tun werde, zu gewähr­leis­ten, daß es auch wirk­lich so wird.

Ein Kommentar

  • smiss 31. August 2009

    Die kri­ti­sche Masse, was Privatzeug-​​im-​​Netz-​​verbreiten angeht, ist mM bereits über­schrit­ten. Appelle von außen hel­fen da nicht mehr, son­dern nur noch Selbst­er­kennt­nis durch schlechte Erfah­run­gen des Ein­zel­nen, der zuviel preis gege­ben hat.

    Aber wie du schon sagst: *Viel­leicht* ist das ja auch alles über­trie­ben und es gibt gar keine negativ-​​unwiderruflichen Kon­se­quen­zen. Ich ten­diere mitt­ler­weile eher dazu…

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