Wertung und Gewichtung von Aussagen

Es gibt kei­nen Zwei­fel daran, daß viele Men­schen sehr reak­tio­när sind, was gewisse The­men angeht. Sobald man von Deutsch­land als einem Staat mit Geschichte redet, die älter als ein paar Jahre ist, und man die Idee des Binnen-​​I für eine Sprach­ver­ge­wal­ti­gung hält, hat man sofort die Links­ex­tre­men an der Tür ste­hen, wel­che einem sehr freund­lich und tole­rant den Kopf abrei­ßen wollen.

Wenn man hin­ge­gen klar­stellt, daß ein Arier eigent­lich nicht der typi­sche Ger­mane, son­dern ein Begriff für eine indische/​persische Volks­gruppe war, von denen der kau­ka­si­sche Geno­typ abstam­men solle, und daß die schwarz-​​weiss-​​rote Strei­fen­flagge des Kai­ser­rei­ches dem dama­li­gen Regime ab 1935 als zu alt­mo­disch galt, was deren Glo­ri­fi­zie­rung heute als Sym­bol der Neonazi-​​Bewegung ein­fach unsin­nig macht, so hat man halt ein paar recht kahl­ge­scho­rene Gesel­len vor der Haus­tür stehen.

Das kann man ja noch irgend­wie ver­ste­hen, denn die meis­ten ver­nünf­ti­gen Men­schen schüt­teln den Kopf, wenn es um diese Extre­men geht.

Dann aber gibt es noch das Pro­blem, wenn Leute aus dem ver­meint­li­chen ver­nünf­ti­gem Feld reak­tio­när und über­trie­ben reagieren.

Es dreht sich hier­bei um die aktu­ell so umstrit­te­nen Aus­sa­gen des Bodo Thiesen zu sei­nen diver­sen Theorien.

Um eins Vor­weg klar­zu­stel­len: der Typ hat einen an der Meise. Viele der in dem Artikel "Quo vadis, Piratenpartei?" von Christian Sickendieck dar­ge­stell­ten Punkte sei­ner Mei­nung zum zwei­ten Welt­krieg zeu­gen von einer gewis­sen Welt­fremde und einer rosa­ge­färb­ten Unschulds­sicht­weise. Ein Beispiel:

Wenn Polen Deutsch­land den Krieg erklärt hat (und das hat Polen indi­rekt durch die Gene­ral­mo­bil­ma­chung), dann hatte Deutsch­land *jede* Legi­ti­ma­tion, Polen anzu­grei­fen. In die­sem Fall wäre Deutsch­land mög­li­cher­weise Schuld. Aber dum­mer­weise war da kein Über­fall. Polen war Schuld.

Diese Aus­sage ist, wenn man sie wert­frei auf dem Papier betrach­tet, viel­leicht theo­re­tisch rich­tig. Natür­lich its eine Gene­ral­mo­bi­li­sie­rung ein Zei­chen von Kriegs­be­reit­schaft — aber diese Bereit­schaft kann schließ­lich auch nur eine Reak­tion dar­auf sein, daß jen­seits der Grenze schon die andere Armee ihre Gewehre ein­schießt. Es war genau­so­we­nig eine Kriegs­er­klä­rung wie es eine gewe­sen wäre, wenn Japan die nord­ko­rea­ni­schen Marsch­flug­kör­per, die sie bei ihren Tests die­ses Jahr quasi ein­mal in Rich­tung Japan schie­ßen, zer­le­gen wür­den. Selbst wenn das von Nord­ko­rea behaup­tet wird.

Aber eine sei­ner Aus­sa­gen hat tat­säch­lich einen sehr wah­ren Kern. Somit muss ich diese hier noch ein­mal im Detail wiedergeben:

Meine Ansich­ten dar­über, was in Deutsch­land tat­säch­lich gesche­hen ist, hat kei­nen Ein­fluss auf meine poli­ti­schen For­de­run­gen. Ob nun die Juden (und die nicht-​​jüdischen Opfer, die ich in Folge nicht jedes mal sepa­rat auf­zäh­len werde) in Ausch­witz ver­gast wur­den oder auf ande­rem Wege getö­tet wur­den, spielt für die Ent­schei­dung, jedes Men­schen­le­ben unab­hän­gig von der Haut­farbe, Reli­gion usw. schüt­zen zu müs­sen, keine Rolle. Sie spielt auch keine Rolle in der Bewer­tung, ob die Juden­ver­fol­gung ein Ver­bre­chen war, oder nicht. Die Ver­fol­gung war ein Ver­bre­chen und jeder ein­zelne Mensch, der ver­folgt und getö­tet wurde, war einer zuviel. Das lässt sich nicht schön reden — das ver­su­che ich auch gar­nicht. Auf der ande­ren Seite sehen wir uns heute vor dem Pro­blem, daß es unglaub­lich viele Par­al­le­len zwi­schen dem Nazi-​​Deutschland und unse­rem heu­ti­gen Deutsch­land gibt. Gerade die Tabui­sie­rung des Nazi-​​Deutschlands aber lähmt uns heute, diese Par­al­le­len wahr haben zu wol­len, denn jeder sol­cher Ver­such wird gerne sofort als »Rela­ti­vie­rung des Holo­causts« fehl­in­ter­pre­tiert. Auch aus die­sem Grunde wäre es wich­tig gewe­sen, eine neu­tra­lere Sicht­weise in Bezug auf die Deut­sche Geschichte an den Tag zu legen, und nicht jeden, der eine Mei­nung gegen den Main­stream hat, sofort als Nazi zu brandmarken.

Was hier von Vie­len her­aus­ge­le­sen wird, nen­nen die meis­ten, wie er es schon sagt, eine “Rela­ti­vie­rung des Holo­causts”, und somit hat man in aktu­el­ler Dis­kus­si­ons­kul­tur in der Form eines erwei­ter­ten Godwin's Law auto­ma­gisch verloren.

Doch genau das ist ja auch sein Kri­tik­punkt: daß es The­men gibt, über die es genau eine Mei­nung geben darf, und sobald jemand es auch nur andeu­tet, nicht auf Par­tei­li­nie zu mar­schie­ren, ist er böse. Genau das ist das Problem.

Und wie immer ist es etwas, was mit Emo­tio­nen ver­bun­den ist. Es ist nicht mehr ganz die klas­si­che Methode der Unter­drü­ckung von oben herab, bei der man als Ver­rä­ter gebrand­markt wurde, sobald man nicht die Par­tei­ideo­lo­gie ver­tritt, und dann wird Mor­gens um 6 Uhr die Tür auf­ge­bro­chen und das war’s dann.

Inzwi­schen ist dies eine viel soziale Erschei­nung — man hat erfolg­reich einige Auf­fas­sun­gen so tief in das Volk indok­tri­niert, daß es kei­ner “dis­zi­pli­na­ren” Maß­nahme mehr eine obi­gen Auto­ri­tät braucht, son­dern daß man schon auf p2p–Basis unter allen ande­ren Men­schen an Anse­hen ver­liert und auto­ma­tisch dis­kre­di­tiert wird, weil man eine so unmensch­li­che Hal­tung vertrete.

Von daher schlage ich einige andere Rela­ti­vie­run­gen vor. Die rela­ti­vier­ten The­men sind ein­deu­tig nicht so emo­ti­ons­be­haf­tet wie sechs Mil­lio­nen Men­schen­op­fer, aber eine Ver­teu­fe­lung fin­det statt:

  • Rela­ti­vie­rung der Bedro­hung durch Terrorismus
  • Rela­ti­vie­rung der Gefahr von Kinderpornographie

Dies sind doch zwei Punkte, wo man doch ein­fach keine Kom­pro­misse machen kann? Wer will denn bitte abstrei­ten, daß Ter­ro­ris­mus eine Gefahr ist nach den Anschlä­gen von 2001 und den Fol­ge­jah­ren in ver­schie­de­nen Län­dern? Jeder, der nicht ein­se­hen will, daß die Sicher­heit des deut­schen Bür­gers in Gefahr ist, der ist gegen den Staat! Es sollte doch selbst­ver­ständ­lich sein, daß man ein paar Ein­schrän­kun­gen der Frei­heit hin­nimmt zum Wohle aller!1

Und zur Kin­der­por­no­gra­phie sei gesagt, daß kein Mit­tel zu gering sein sollte, die Schän­dung von Kin­dern zu ver­hin­dern! Das Ver­bot des Zugriffs auf Kin­der­por­no­gra­phie darf doch kein ver­nünf­ti­ger Mensch bean­stan­den, außer, er ist sel­ber jemand, der auf Kin­der­por­no­gra­phie zugrei­fen will! Sol­chen Leu­ten darf man nicht zuhö­ren, denn sie ver­su­chen nur, sicher hin­ter dem Man­tel von Frei­heit zu ver­ste­cken!2

Ich hoffe, daß meine obi­gen bei­den Bei­spiele doch die Gefahr deut­lich machen, die dahin­ter lau­ert, jede belie­bige Aus­sage sofort reak­tio­när abzu­stem­peln und jeg­li­che Art von ratio­na­ler Dis­kus­sion pole­misch abzu­weh­ren, weil es ein Gebiet sei, auf dem es nie und nim­mer etwas zu dis­ku­tie­ren gäbe.

Denn manch­mal kön­nen selbst Nar­ren und Idio­ten recht haben.

  1. Ent­hält Spu­ren rol­len­der Iro­nie.
  2. Ent­hält Spu­ren kon­ser­va­ti­ver Ideo­lo­gie.

Veröffentlicht von

Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

8 Gedanken zu „Wertung und Gewichtung von Aussagen“

  1. Mehr als “Danke” kann ich dazu nicht sagen. Hof­fent­lich lesen viele Hitz­köpfe die­sen Bei­trag und sprin­gen wie­der vom don­nern­den emo­ti­ons­ge­la­de­nen Holocaustleugner-​​Zug ab…

  2. Sorry, man kann nicht von kon­kre­ten Fäl­len aufs Prin­zip schlies­sen. Und die rela­ti­vie­rung von Holo­caust ist genauso dane­ben wie die Rela­ti­vie­rung von Kin­des­miss­brauch oder rea­len Terrorfällen.

  3. Was vie­len an Bodos Stel­lung­nahme sauer auf­stösst ist denke ich dass sie ein­fach sehr wischi­wa­schi for­mu­liert ist. Nir­gends dis­tan­ziert er sich klar von sei­nen Aus­sa­gen. Der Tenor die­ses State­ments ist dass seine dama­li­gen Aus­sa­gen uner­heb­lich sind für seine poli­ti­sche Arbeit.

    Nimm z.B. mal die Aus­sage “Ob nun die Juden … in Ausch­witz ver­gast wur­den oder auf ande­rem Wege getö­tet wur­den, spielt für die Ent­schei­dung, jedes Men­schen­le­ben … schüt­zen zu müs­sen, keine Rolle.” Ja nett gesagt, aber die Juden wur­den nun­mal in Aus­schwitz ver­gast, und es spielt sehr wohl eine Rolle ob der Holo­caust ein geplan­ter und indus­tri­ell orga­ni­sier­ter Mas­sen­mord war, oder ob Hit­ler die Juden “eigtl. nur in Arbeits­la­ger ein­lie­fern wollte” (Zitat BT). Und für mich spie­len sol­che Aus­sa­gen auch ganz klar eine Rolle für seine poli­ti­sche Arbeit.

    Zum Punkt der Rela­ti­vie­rung des Ter­ro­ris­mus — wenn jemand sagt “Die 911 Atten­tä­ter haben genau das rich­tige getan” dann denke ich nicht dass er dafür bestraft gehört. Trotz­dem will ich den­je­ni­gen nicht als Amts­trä­ger mei­ner Par­tei haben. Ob BTs Aus­sa­gen jetzt straf­bar waren oder nicht spielt doch garkeine Rolle.

  4. Unab­haen­gig von Bodo und sei­nen Aus­sa­gen kann ich mich dem Inhalt die­ses Posts nur anschlies­sen… sehr schoen for­mu­liert, danke.

    [Ja, ist etwas spaet, aber ich bin erst jetzt drauf gestossen.]

Kommentar verfassen