7. April 2009: Ego

Falls hier jetzt wer hofft, einen klei­nen Auf­satz über “Iden­ti­tät im heu­ti­gen Zeit­al­ter” zu fin­den, also wie man sich als Mensch selbst defi­nie­ren kann in der heu­ti­gen Welt, so ist er falsch. Das hier beschrie­bene Pro­blem ver­hält sich dazu wie Hard­ware zu Software.

Ein The­men­kom­plex, der mich schon seit einer gan­zen Weile öfters beschäf­tigt — vor allem, da ich Leu­ten ein­fach nicht mei­nen Stand­punkt, bzw. meine Befürch­tun­gen, klar machen kann.

Das Pro­blem, wel­ches gerne mal von Sci­ence Fiction-​​Büchern auf­ge­wor­fen wird, ist die Tat­sa­che, daß der Tod rever­si­bel gemacht wird. Dies aber nicht auf her­kömm­li­che Art und Weise, son­dern oft zum Bei­spiel durch die Form eines Back­ups, wel­ches bei fort­schritt­li­chen Kul­tu­ren in einen neuen Kör­per gepflanzt wird.

… Hallo?

“You don’t have a soul. You are a Soul. You have a body.” (C.S. Lewis)

Ich bin jetzt nicht gerade reli­giös oder auch nur spi­ri­tu­ell; eigent­lich abso­lut nicht. Aber ich bin der Über­zeu­gung, daß der Mensch so etwas wie eine Seele hat, dies aber bis­her nur noch nicht beweis­bar ist. Ich will nicht behaup­ten, daß dies eine Seele ist, die auch nach dem Tode wei­ter­lebt — wär’ zwar prak­tisch, aber ich zweifle dran.

Jedoch wei­gere ich mich, zu glau­ben, daß es reicht, die “Infor­ma­tio­nen”, die zu Grunde legen, zu kopie­ren, um genau die selbe — und nicht nur eine glei­che — Seele her­auf­zu­be­schwö­ren. Im Prin­zip ist das wie Quell­code für ein Com­pu­ter­pro­gramm. Nur, weil man es neu com­pi­liert, kommt nicht das selbe Ergeb­nis raus wie beim letz­ten Mal.

Aber auf genau die­sem Kon­zept basiert die meiste Lek­türe: daß es Leute gibt, die mei­nen, sie wür­den “wei­ter­le­ben”, wenn sie ihre Daten als ein Backup irgendwo hin spei­chern. Und bei mir dreht sich bei die­sem Gedan­ken immer der Magen um. Vor allem, da viele Auto­ren dann irgend­wel­che unsin­ni­gen Regeln ein­bauen — daß zum Bei­spiel nur eine “Ver­sion” eines Men­schen auf ein­mal aktiv sein darf. Gerade da merkt man doch, wie kaputt der Gedanke ist — man könnte ein­fach eine neue Ver­sion anschal­ten, und die wäre auch anders.

Inso­fern über­lebt also nur die gene­relle Idee des Men­schen — aber nicht der Mensch an sich. Wenn man stirbt, und das Bewusst­sein den Abgang macht, dann wird die­ses Bewusst­sein sicher­lich nicht danach in einem Klon auf­wa­chen, der gerade aus einem Com­pu­ter ein Backup des Men­schen von vor drei Mona­ten auf­ge­spielt bekom­men hat. Wie auch — schließ­lich kann man ja auch einen Men­schen klo­nen, ohne daß die “Seele” auf ein­mal ein Pro­blem hat, zu ent­schei­den, wer echt ist. (Diese Annahme basiere ich mal dar­auf, daß ein­ei­ige Zwil­linge zwei ver­schie­dene Per­so­nen sind.)

Ebenso irri­tie­rend ist für mich da auch die Idee eines Tele­por­ters á là “Star Trek”. Wenn man davon aus­geht, daß es also ein Bewusst­sein gibt, wel­ches nach jetz­ti­gen Erkennt­nis­sen nicht phy­si­ka­lisch quan­ti­fi­zier­bar ist, wie kann man dann sicher gehen, daß es über­tra­gen wird? Ins­be­son­dere basie­ren die meis­ten Tele­por­ter dar­auf, daß die Infor­ma­tio­nen an den Ziel­ort kopiert und am Ursprungs­ort zer­stört werden.

Im Prin­zip also ein äqui­va­len­ter Aus­tausch, nur wird halt nicht echt ver­scho­ben, son­dern kopiert und gelöscht. Wer sagt, daß dabei das “Bewusst­sein” rich­tig ver­scho­ben wird — und nicht ein­fach nur kopiert? Wie kann man sich sicher sein, daß am Ende der selbe Mensch raus­kommt, und nicht der Mensch, der rein­geht, quasi “stirbt” (da sein Bewusst­sein den Abgang macht) und am ande­ren Ende nur ein glei­cher Mensch auftaucht?

Was die Sache noch viel mehr pro­ble­ma­ti­siert ist die Tat­sa­che, daß man ja die Per­son dann nicht mal fra­gen kann — sie wird es sicher­lich nicht unter­schei­den kön­nen, ob sie gerade ein fri­sches oder altes Bewusst­sein ist.

Von daher ist schon fast die Pflicht der Wis­sen­schaft, vor sol­chen poten­ti­el­len Ent­de­ckun­gen sich mit der Frage zu beschäf­ti­gen, wie man Bewusst­sein echt quan­ti­fi­zie­ren kann. Denn so cool es auch sein könnte, wenn wir uns in Zukunft tele­por­tie­ren, ich werde nicht einen Schritt in so ein Teil machen ohne Unbe­denk­lich­keits­er­klä­rung diver­ser ethi­scher Behörden.

6 Kommentare

  • Da sind wir aber mas­siv geteil­ter Mei­nun­gen. Ich bin Radi­kal­ma­te­ria­list. Es gibt keine Seele als etwas vom Kör­per Getrenn­tes. Viel­mehr ist der Mensch in etwa das Glei­che wie ein Stau auf der Auto­bahn: eine ste­hende Welle elek­tro­che­mi­scher Pro­zesse in einem Medium aus orga­ni­scher Che­mie namens Körper.

    Da gibt es kei­nen Geist, der sich von die­ser ste­hen­den Welle unter­schei­det. Der Lebens­pro­zess der den Kör­per in Gang hält und der Geist des Men­schen sind ein und das­selbe, untrenn­bar mit dem Medium ver­bun­den, des­sen Schwin­gun­gen sie dar­stel­len. Man kann den Geist nicht unab­hän­gig vom Kör­per kopie­ren. Könnte man den Kör­per – das Trä­ger­me­dium – 1:1 kopie­ren *und* die Kopie auch noch *genauso* in »Schwin­gun­gen« ver­set­zen wie das Ori­gi­nal, dann hätte man auch tat­säch­lich eine exakte Kopie. Aber man kann kei­nen Trä­ger, der sich vom Ori­gi­nal unter­schei­det, zu genau dem­sel­ben »Klang« anre­gen, um etwa »sich« »selbst« in einen jün­ge­ren Kör­per zu kopie­ren. Das ist Unsinn. Man kann auch erst gar keine aus­rei­chend exakte Kopie des Kör­pers erstellen.

  • Jan Krü­ger 8. April 2009

    Die Frage, was ein Bewusst­sein eigent­lich genau aus­macht, lässt sich, soweit ich das sehen kann, wis­sen­schaft­lich noch nicht beant­wor­ten. Dazu fehlt das exakte Ver­ständ­nis des mensch­li­chen Gehirns. Würde man ver­ste­hen, wie das Gehirn funk­tio­niert (und ich behaupte, das wird höchs­tens irgend­wann in sehr fer­ner Zukunft pas­sie­ren), könnte man fest­stel­len, ob das Bewusst­sein eine Art algo­rith­mi­sche Funk­tion des Gehirns ist oder nicht. Bis dahin kann man nur Ver­mu­tun­gen anstellen.

    Aus die­sem Grund will ich mich gar nicht auf eine der bei­den Sicht­wei­sen fest­le­gen. Wenn es jeden­falls mög­lich wäre, einen Men­schen kom­plett und exakt zu kopie­ren (was ich stark bezweifle), hätte man in der Kopie auf eine gewisse Weise eine neue Per­son, da ab die­sem Moment die Kopie andere Sin­nes­ein­drü­cke hat als das “Original”.

    Wenn man das Ori­gi­nal ver­nich­tet, wird die Frage kom­pli­zier­ter. Wenn Bewusst­sein und Mate­rie wirk­lich auf ver­schie­de­nen Ebe­nen exis­tie­ren, wäre eine sol­che Kopie ver­mut­lich von vorn­her­ein unmög­lich (es sei denn, es fände sich eine Mög­lich­keit, auch die andere Ebene zu kopieren).

    Sollte es wirk­lich mög­lich sein, eine per­fekte Kopie so anzu­fer­ti­gen, dass sie kor­rekt “funk­tio­niert”, hat man es jeden­falls nach mei­ner Defi­ni­tion geschafft, auch das Bewusst­sein zu kopie­ren. Die ein­zige Mög­lich­keit, Unter­schiede zu erken­nen, besteht in der Beob­ach­tung. Wenn also jeder Beob­ach­ter (ein­schließ­lich die Kopie selbst) kei­nen Unter­schied fest­stel­len kann, dann sehe ich kei­nen Grund, von einem Unter­schied auszugehen.

    Ein Buch, das hier bei mir rum­steht, nennt das das Kon­zept der psy­cho­lo­gi­schen Kon­ti­nui­tät: wenn das sub­jek­tive Erle­ben lücken­los in die Kopie (bei Ver­nich­tung des Ori­gi­nals) über­geht, ist das prin­zi­pi­ell für alle Betei­lig­ten “gut genug”.

    Gru­se­lig ist natür­lich immer noch die Frage, was pas­siert, wenn der Kopie­rer win­zige Feh­ler macht, oder wenn er “ver­se­hent­lich” irgendwo heim­lich Klone deponiert…

  • Tobias Wol­ter 8. April 2009

    Aris­to­te­les, viel­leicht hast Du mich ja auch ein biss­chen falsch ver­stan­den. Ich meine von mir aus auch quasi genau sowas, wie diese ste­hende Welle; ich bin mir halt nicht sicher, ob es etwas über­trag­ba­res ist, oder nicht. Aber genau das ist ja mein Pro­blem: man kriegt das Ding nir­gendswo hin, auch nicht, wenn man “tele­por­tiert” oder ein Backup anstellt. Und das finde ich halt immer erschre­ckend ver­nach­läs­sigt in irgend­wel­cher Lektüre.

    Jan, das ist ja genau die Sache. Die Texte gehen alle davon, dass diese sub­jek­tive Fort­set­zung kein Pro­blem sein. Was mich aber immer daran stört, wie ich auch in der einen IRC-​​Diskussion erläu­tert habe, ist die Tat­sa­che, daß die meis­ten Leute mei­nen, daß ein unmit­tel­ba­rer Fort­satz “gut genug” ist. Ich per­sön­lich kann nicht urtei­len, ob die aktu­elle “Instanz” mei­nes Bewusst­seins immer been­det wird, wenn ich mal wie­der unter Voll­nar­kose bin, oder auch nur wenn ich schlafe. Das ist ja irgend­wie logisch, daß ich das nicht beur­tei­len kann. Ich bin mir aber recht sicher, daß ich seit all der Zeit immer “das selbe” Bewusst­sein bin, und ich habe schreck­li­che Angst davor, ein­fach irgend­wann mal “still” zu verschwinden.

  • Towo: Tja, so ist das halt mit dem Gewor­fen sein – wer sich sei­ner eige­nen Exis­tenz bewusst ist, ist sich auch ihrer End­lich­keit bewusst…

    Jan: Eine per­fekte Kopie ist nach unse­rem bis­he­ri­gen Ver­ständ­nis der Quan­ten­me­cha­nik sowieso prin­zi­pell unmöglich.

  • Ein Buch­tip dazu: Das Thema wird sehr tief­schür­fend in dem Buch “Dia­loge” von Sta­nis­law Lem abgehandelt.

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