Ego

Identitätsproblematik im Individuum.

Falls hier jetzt wer hofft, einen kleinen Aufsatz über „Identität im heutigen Zeitalter“ zu finden, also wie man sich als Mensch selbst definieren kann in der heutigen Welt, so ist er falsch. Das hier beschriebene Problem verhält sich dazu wie Hardware zu Software.

Ein Themenkomplex, der mich schon seit einer ganzen Weile öfters beschäftigt – vor allem, da ich Leuten einfach nicht meinen Standpunkt, bzw. meine Befürchtungen, klar machen kann.

Das Problem, welches gerne mal von Science Fiction-Büchern aufgeworfen wird, ist die Tatsache, daß der Tod reversibel gemacht wird. Dies aber nicht auf herkömmliche Art und Weise, sondern oft zum Beispiel durch die Form eines Backups, welches bei fortschrittlichen Kulturen in einen neuen Körper gepflanzt wird.

… Hallo?

“You don’t have a soul. You are a Soul. You have a body.” (C.S. Lewis)

Ich bin jetzt nicht gerade religiös oder auch nur spirituell; eigentlich absolut nicht. Aber ich bin der Überzeugung, daß der Mensch so etwas wie eine Seele hat, dies aber bisher nur noch nicht beweisbar ist. Ich will nicht behaupten, daß dies eine Seele ist, die auch nach dem Tode weiterlebt – wär‘ zwar praktisch, aber ich zweifle dran.

Jedoch weigere ich mich, zu glauben, daß es reicht, die „Informationen“, die zu Grunde legen, zu kopieren, um genau die selbe – und nicht nur eine gleiche – Seele heraufzubeschwören. Im Prinzip ist das wie Quellcode für ein Computerprogramm. Nur, weil man es neu compiliert, kommt nicht das selbe Ergebnis raus wie beim letzten Mal.

Aber auf genau diesem Konzept basiert die meiste Lektüre: daß es Leute gibt, die meinen, sie würden „weiterleben“, wenn sie ihre Daten als ein Backup irgendwo hin speichern. Und bei mir dreht sich bei diesem Gedanken immer der Magen um. Vor allem, da viele Autoren dann irgendwelche unsinnigen Regeln einbauen – daß zum Beispiel nur eine „Version“ eines Menschen auf einmal aktiv sein darf. Gerade da merkt man doch, wie kaputt der Gedanke ist – man könnte einfach eine neue Version anschalten, und die wäre auch anders.

Insofern überlebt also nur die generelle Idee des Menschen – aber nicht der Mensch an sich. Wenn man stirbt, und das Bewusstsein den Abgang macht, dann wird dieses Bewusstsein sicherlich nicht danach in einem Klon aufwachen, der gerade aus einem Computer ein Backup des Menschen von vor drei Monaten aufgespielt bekommen hat. Wie auch – schließlich kann man ja auch einen Menschen klonen, ohne daß die „Seele“ auf einmal ein Problem hat, zu entscheiden, wer echt ist. (Diese Annahme basiere ich mal darauf, daß eineiige Zwillinge zwei verschiedene Personen sind.)

Ebenso irritierend ist für mich da auch die Idee eines Teleporters á là „Star Trek“. Wenn man davon ausgeht, daß es also ein Bewusstsein gibt, welches nach jetztigen Erkenntnissen nicht physikalisch quantifizierbar ist, wie kann man dann sicher gehen, daß es übertragen wird? Insbesondere basieren die meisten Teleporter darauf, daß die Informationen an den Zielort kopiert und am Ursprungsort zerstört werden.

Im Prinzip also ein äquivalenter Austausch, nur wird halt nicht echt verschoben, sondern kopiert und gelöscht. Wer sagt, daß dabei das „Bewusstsein“ richtig verschoben wird – und nicht einfach nur kopiert? Wie kann man sich sicher sein, daß am Ende der selbe Mensch rauskommt, und nicht der Mensch, der reingeht, quasi „stirbt“ (da sein Bewusstsein den Abgang macht) und am anderen Ende nur ein gleicher Mensch auftaucht?

Was die Sache noch viel mehr problematisiert ist die Tatsache, daß man ja die Person dann nicht mal fragen kann – sie wird es sicherlich nicht unterscheiden können, ob sie gerade ein frisches oder altes Bewusstsein ist.

Von daher ist schon fast die Pflicht der Wissenschaft, vor solchen potentiellen Entdeckungen sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man Bewusstsein echt quantifizieren kann. Denn so cool es auch sein könnte, wenn wir uns in Zukunft teleportieren, ich werde nicht einen Schritt in so ein Teil machen ohne Unbedenklichkeitserklärung diverser ethischer Behörden.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

6 Gedanken zu „Ego“

  1. Da sind wir aber massiv geteilter Meinungen. Ich bin Radikalmaterialist. Es gibt keine Seele als etwas vom Körper Getrenntes. Vielmehr ist der Mensch in etwa das Gleiche wie ein Stau auf der Autobahn: eine stehende Welle elektrochemischer Prozesse in einem Medium aus organischer Chemie namens Körper.

    Da gibt es keinen Geist, der sich von dieser stehenden Welle unterscheidet. Der Lebensprozess der den Körper in Gang hält und der Geist des Menschen sind ein und dasselbe, untrennbar mit dem Medium verbunden, dessen Schwingungen sie darstellen. Man kann den Geist nicht unabhängig vom Körper kopieren. Könnte man den Körper – das Trägermedium – 1:1 kopieren *und* die Kopie auch noch *genauso* in »Schwingungen« versetzen wie das Original, dann hätte man auch tatsächlich eine exakte Kopie. Aber man kann keinen Träger, der sich vom Original unterscheidet, zu genau demselben »Klang« anregen, um etwa »sich« »selbst« in einen jüngeren Körper zu kopieren. Das ist Unsinn. Man kann auch erst gar keine ausreichend exakte Kopie des Körpers erstellen.

  2. Die Frage, was ein Bewusstsein eigentlich genau ausmacht, lässt sich, soweit ich das sehen kann, wissenschaftlich noch nicht beantworten. Dazu fehlt das exakte Verständnis des menschlichen Gehirns. Würde man verstehen, wie das Gehirn funktioniert (und ich behaupte, das wird höchstens irgendwann in sehr ferner Zukunft passieren), könnte man feststellen, ob das Bewusstsein eine Art algorithmische Funktion des Gehirns ist oder nicht. Bis dahin kann man nur Vermutungen anstellen.

    Aus diesem Grund will ich mich gar nicht auf eine der beiden Sichtweisen festlegen. Wenn es jedenfalls möglich wäre, einen Menschen komplett und exakt zu kopieren (was ich stark bezweifle), hätte man in der Kopie auf eine gewisse Weise eine neue Person, da ab diesem Moment die Kopie andere Sinneseindrücke hat als das „Original“.

    Wenn man das Original vernichtet, wird die Frage komplizierter. Wenn Bewusstsein und Materie wirklich auf verschiedenen Ebenen existieren, wäre eine solche Kopie vermutlich von vornherein unmöglich (es sei denn, es fände sich eine Möglichkeit, auch die andere Ebene zu kopieren).

    Sollte es wirklich möglich sein, eine perfekte Kopie so anzufertigen, dass sie korrekt „funktioniert“, hat man es jedenfalls nach meiner Definition geschafft, auch das Bewusstsein zu kopieren. Die einzige Möglichkeit, Unterschiede zu erkennen, besteht in der Beobachtung. Wenn also jeder Beobachter (einschließlich die Kopie selbst) keinen Unterschied feststellen kann, dann sehe ich keinen Grund, von einem Unterschied auszugehen.

    Ein Buch, das hier bei mir rumsteht, nennt das das Konzept der psychologischen Kontinuität: wenn das subjektive Erleben lückenlos in die Kopie (bei Vernichtung des Originals) übergeht, ist das prinzipiell für alle Beteiligten „gut genug“.

    Gruselig ist natürlich immer noch die Frage, was passiert, wenn der Kopierer winzige Fehler macht, oder wenn er „versehentlich“ irgendwo heimlich Klone deponiert…

  3. Aristoteles, vielleicht hast Du mich ja auch ein bisschen falsch verstanden. Ich meine von mir aus auch quasi genau sowas, wie diese stehende Welle; ich bin mir halt nicht sicher, ob es etwas übertragbares ist, oder nicht. Aber genau das ist ja mein Problem: man kriegt das Ding nirgendswo hin, auch nicht, wenn man „teleportiert“ oder ein Backup anstellt. Und das finde ich halt immer erschreckend vernachlässigt in irgendwelcher Lektüre.

    Jan, das ist ja genau die Sache. Die Texte gehen alle davon, dass diese subjektive Fortsetzung kein Problem sein. Was mich aber immer daran stört, wie ich auch in der einen IRC-Diskussion erläutert habe, ist die Tatsache, daß die meisten Leute meinen, daß ein unmittelbarer Fortsatz „gut genug“ ist. Ich persönlich kann nicht urteilen, ob die aktuelle „Instanz“ meines Bewusstseins immer beendet wird, wenn ich mal wieder unter Vollnarkose bin, oder auch nur wenn ich schlafe. Das ist ja irgendwie logisch, daß ich das nicht beurteilen kann. Ich bin mir aber recht sicher, daß ich seit all der Zeit immer „das selbe“ Bewusstsein bin, und ich habe schreckliche Angst davor, einfach irgendwann mal „still“ zu verschwinden.

  4. Towo: Tja, so ist das halt mit dem Geworfen sein – wer sich seiner eigenen Existenz bewusst ist, ist sich auch ihrer Endlichkeit bewusst…

    Jan: Eine perfekte Kopie ist nach unserem bisherigen Verständnis der Quantenmechanik sowieso prinzipell unmöglich.

Kommentar verfassen