Fall from grace

MMOs und ihre Rolle als Fluchtrealität.

„Zuletzt bearbeitet von Tobias Wolter am 30. November 1999 um 00:00“ – das stimmt wohl nicht ganz. Aber wegen anderer nicht fertiger Beiträge folgere ich, daß dieses Post schon 2005 angefangen wurde, aber nie zu Ende gebracht.

Im Prinzip sollte es eine Verteufelung von den sogenannten MMOs werden, und an meiner Kernhaltung hat sich seitdem auch nichts geändert. Ich bin immer noch der Meinung, daß MMOs von vielen einfach nur als eine billige Zuflucht vor der “echten” Welt bieten, so daß sie sich dieser nicht mehr stellen müssen.

Ich habe auch genug Beispiele, die das belegen, und dieser Beitrag war auch im expliziten Gedanken an eine Person gerichtet, die sich mir über die Zeit absolut entfremdet hatte, weil sie sich in diese Welt zurückzog.

Inzwischen muss ich jedoch minimale Konzessionen zu meiner ursprünglichen Meinung machen. Die da wären:

  • Es ist möglich, MMOs auf einem Niveau zu spielen, welches nicht neurotisch ist.
  • Es ist, je nachdem, nicht viel schlimmer als ein beliebiges anderes, zeitintensives Hobby.
  • Nicht jeder MMO-Spieler ist automagisch zu verteufeln.

Ein wichtiger, und schon fast peinlicher, Grund ist, daß ich inzwischen selber ein MMO, EVE Online, bei Zeiten spiele. Und wenn ich jetzt sage, daß es ein ‚besseres‘ und ‚erwachseneres‘ MMO als die meisten anderen wie z.B. World of Warcraft ist, so sind das Junkie-Ausreden.

Die Tatsache bleibt, daß ich an mir selbst merke, daß ich problemlos ein MMO spielen kann, ohne es direkt als Realitätsersatz zu benutzen. Was auch irgendwie erfreulich ist.

Aber nichts desto trotz bleibt die Tatsache, daß es trotzdem noch zu genannten Zweck genutzt wird. Ich hatte (oder habe – man weiß es nie so genau) eine Bekannte, die irgendwann in einer etwas schwierigeren Phase dieser Sucht verfiel. Dies nahm sogar fast drogenmäßige Ausmaße an. Da sie umsonst spielen kann wurde halt die Freizeit kurzerhand zur WoW-Zeit konvertiert, mit dem regelmäßigen Tribut, den dieses Spiel verlangt. Zu festen Wochenzeiten gab’s keine Möglichkeit, die Leute anzusprechen, da sie „Raid“ haben – und irgendwann verschwanden sie dann ganz aus der Kommunikation.

Es lehnt sich ein bisschen an das Problem an, daß sich manche Leute ‚auseinander‘ leben. Das ist auch einer der Gründe, warum ich meine Meinung etwas relativiere. Seitdem habe ich ganz andere Bekanntschaften verloren, weil sich die Umstände änderten. Zum einen reden Leute nicht mehr mit einem, weil sie quasi komplett den alten „Internetbekanntschaften“ abgesagt haben, und so daher nur noch schlecht erreichbar sind, obwohl sie quasi um die Ecke wohnen. Zum anderen wird man auch von Leuten ignoriert, wenn man sich nicht in der richtigen politischen Randgruppe befindet.

Dennoch kann ich in solchen Fällen eine logischere Motivation verstehen als „dieses Spiel nimmt meine Freizeit weg“. Natürlich ist es ein einfacher Ausweg, aber es ist meines Ermessens einfach kein Ersatz. Wie ich schon oft erzählte ersetzt das Internet halt keinen menschlichen Kontakt – sobald man jenseits des reinen Informationsaustausches geht ist man verloren.

Und genau deswegen erlaube ich es mir immer noch, MMO-Sucht zu verteufeln. Sei es nun das politische Spektrum oder die ‚echte‘ Welt – es sind beides reale Gründe, wegen denen man sich aus der Affäre ziehen kann. Wenn man aber nun sagt, daß man die Leute, die man noch nie real gesehen hat, all den Leuten bevorzugt, die man wirklich kennt, und die gemeinsame virtuelle Illusion den Kontakt mit realen Menschen vorzieht, so ist das für mich neurotisch.

Als CCC-Mitglied, wo es nun nicht gerade selten ist, sozial herausgeforderten Menschen über den Weg zu laufen (natürlich sammeln sich die richtigen Grenzfälle nicht in irgendwelchen Vereinen) kann ich behaupten, Erfahrung mit Leuten zu haben, die sich in normaler sozialer Interaktion nicht wohlfühlen. Für die Populärkultur-Fraktion kann man Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory heranziehen. Obwohl dieser Charakter ziemlich grenzwertig in seinem Verhalten ist, so spiegelt er doch zumindest zum Teil den typischen ‚Nerd‘ da, der nicht ganz auf das übliche Gesellschaftsmodell klar kommt.

Doch auch dieser bevorzugt echten menschlichen Kontakt, und reduziert sich nicht darauf, nur online tätig zu sein. Wenn man sich hingegen die Leute heranzieht, die unzählige „Freunde“ bei MySpace oder StudiVZ haben und darauf stolz sind, so schneidet Sheldon schon gar positiv ab. Meiner Sicht nach gibt es teilweise nicht bedauernswerteres als die Menschen, die rein im Internet leben, und glauben, echte Freundschaften mit Leuten zu haben, die sie noch nie im Leben gesehen haben.

Denn, Leute, so sehr man es sich auch einredet: Niemand ist der, der er zu sein scheint – außer er ist sowieso schon etwas hohl im Kopf. Es ist so, als würde man versuchen, aus einem Schnappschuss in einer Kneipe versuchen, den Menschen zu verstehen. Es geht einfach nicht.

Und genau deswegen bin ich immer noch sehr schlecht gegenüber MMOs eingestellt. Viele von ihnen versuchen, ein Sozialersatz zu sein, und auch nur die Leute, die ernsthaft ihre Freizeit vergeuden, werden von diesen Spielen „belohnt“. Es fällt einem einfach schwer, Leute zu loben, die stolz drauf sind, ihren virtuellen Charakter auf „Level 70“ gebracht zu haben.

Im Prinzip ist dies äquivalent zu allen anderen Hobbyerfolgen, die andere Leute erzielen. Selbst im Sinne der Anforderung an die eigenen Fähigkeiten kann es teilweise kompliziert sein, das will ich nicht verleugnen. Aber es ist nun mal was anderes, wenn man sagen kann „Ich kann einen Marathon laufen“ oder „Ich habe gerade meine Atemschutz-Prüfung bestanden“, als wenn man sagt „Mein Paladin ist auf Level 70“. Es ist einfach echter.

Daher bleibt mir einfach nichts als Bedauern und Trauer über die Leute, die ihre Zeit auf rein Virtuelles verschwenden.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

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