18. März 2009: Fall from grace

“Zuletzt bear­bei­tet von Tobias Wol­ter am 30. Novem­ber 1999 um 00:00″ — das stimmt wohl nicht ganz. Aber wegen ande­rer nicht fer­ti­ger Bei­träge fol­gere ich, daß die­ses Post schon 2005 ange­fan­gen wurde, aber nie zu Ende gebracht.

Im Prin­zip sollte es eine Ver­teu­fe­lung von den soge­nann­ten MMOs wer­den, und an mei­ner Kern­hal­tung hat sich seit­dem auch nichts geän­dert. Ich bin immer noch der Mei­nung, daß MMOs von vie­len ein­fach nur als eine bil­lige Zuflucht vor der “ech­ten” Welt bie­ten, so daß sie sich die­ser nicht mehr stel­len müssen.

Ich habe auch genug Bei­spiele, die das bele­gen, und die­ser Bei­trag war auch im expli­zi­ten Gedan­ken an eine Per­son gerich­tet, die sich mir über die Zeit abso­lut ent­frem­det hatte, weil sie sich in diese Welt zurückzog.

Inzwi­schen muss ich jedoch mini­male Kon­zes­sio­nen zu mei­ner ursprüng­li­chen Mei­nung machen. Die da wären:

  • Es ist mög­lich, MMOs auf einem Niveau zu spie­len, wel­ches nicht neu­ro­tisch ist.
  • Es ist, je nach­dem, nicht viel schlim­mer als ein belie­bi­ges ande­res, zeit­in­ten­si­ves Hobby.
  • Nicht jeder MMO-​​Spieler ist auto­ma­gisch zu verteufeln.

Ein wich­ti­ger, und schon fast pein­li­cher, Grund ist, daß ich inzwi­schen sel­ber ein MMO, EVE Online, bei Zei­ten spiele. Und wenn ich jetzt sage, daß es ein ‘bes­se­res’ und ‘erwach­se­ne­res’ MMO als die meis­ten ande­ren wie z.B. World of Warcraft ist, so sind das Junkie-​​Ausreden.

Die Tat­sa­che bleibt, daß ich an mir selbst merke, daß ich pro­blem­los ein MMO spie­len kann, ohne es direkt als Rea­li­täts­er­satz zu benut­zen. Was auch irgend­wie erfreu­lich ist.

Aber nichts desto trotz bleibt die Tat­sa­che, daß es trotz­dem noch zu genann­ten Zweck genutzt wird. Ich hatte (oder habe — man weiß es nie so genau) eine Bekannte, die irgend­wann in einer etwas schwie­ri­ge­ren Phase die­ser Sucht ver­fiel. Dies nahm sogar fast dro­gen­mä­ßige Aus­maße an. Da sie umsonst spie­len kann wurde halt die Frei­zeit kur­zer­hand zur WoW-​​Zeit kon­ver­tiert, mit dem regel­mä­ßi­gen Tri­but, den die­ses Spiel ver­langt. Zu fes­ten Wochen­zei­ten gab’s keine Mög­lich­keit, die Leute anzu­spre­chen, da sie “Raid” haben — und irgend­wann ver­schwan­den sie dann ganz aus der Kommunikation.

Es lehnt sich ein biss­chen an das Pro­blem an, daß sich man­che Leute ‘aus­ein­an­der’ leben. Das ist auch einer der Gründe, warum ich meine Mei­nung etwas rela­ti­viere. Seit­dem habe ich ganz andere Bekannt­schaf­ten ver­lo­ren, weil sich die Umstände änder­ten. Zum einen reden Leute nicht mehr mit einem, weil sie quasi kom­plett den alten “Internetbekanntschaften” abge­sagt haben, und so daher nur noch schlecht erreich­bar sind, obwohl sie quasi um die Ecke woh­nen. Zum ande­ren wird man auch von Leu­ten igno­riert, wenn man sich nicht in der richtigen politischen Randgruppe befindet.

Den­noch kann ich in sol­chen Fäl­len eine logi­schere Moti­va­tion ver­ste­hen als “die­ses Spiel nimmt meine Frei­zeit weg”. Natür­lich ist es ein ein­fa­cher Aus­weg, aber es ist mei­nes Ermes­sens ein­fach kein Ersatz. Wie ich schon oft erzählte ersetzt das Inter­net halt kei­nen mensch­li­chen Kon­takt — sobald man jen­seits des rei­nen Infor­ma­ti­ons­aus­tau­sches geht ist man verloren.

Und genau des­we­gen erlaube ich es mir immer noch, MMO-​​Sucht zu ver­teu­feln. Sei es nun das poli­ti­sche Spek­trum oder die ‘echte’ Welt — es sind bei­des reale Gründe, wegen denen man sich aus der Affäre zie­hen kann. Wenn man aber nun sagt, daß man die Leute, die man noch nie real gese­hen hat, all den Leu­ten bevor­zugt, die man wirk­lich kennt, und die gemein­same vir­tu­elle Illu­sion den Kon­takt mit rea­len Men­schen vor­zieht, so ist das für mich neurotisch.

Als CCC-​​Mitglied, wo es nun nicht gerade sel­ten ist, sozial her­aus­ge­for­der­ten Men­schen über den Weg zu lau­fen (natür­lich sam­meln sich die rich­ti­gen Grenz­fälle nicht in irgend­wel­chen Ver­ei­nen) kann ich behaup­ten, Erfah­rung mit Leu­ten zu haben, die sich in nor­ma­ler sozia­ler Inter­ak­tion nicht wohl­füh­len. Für die Populärkultur-​​Fraktion kann man Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory her­an­zie­hen. Obwohl die­ser Cha­rak­ter ziem­lich grenz­wer­tig in sei­nem Ver­hal­ten ist, so spie­gelt er doch zumin­dest zum Teil den typi­schen ‘Nerd’ da, der nicht ganz auf das übli­che Gesell­schafts­mo­dell klar kommt.

Doch auch die­ser bevor­zugt ech­ten mensch­li­chen Kon­takt, und redu­ziert sich nicht dar­auf, nur online tätig zu sein. Wenn man sich hin­ge­gen die Leute her­an­zieht, die unzäh­lige “Freunde” bei MySpace oder StudiVZ haben und dar­auf stolz sind, so schnei­det Shel­don schon gar posi­tiv ab. Mei­ner Sicht nach gibt es teil­weise nicht bedau­erns­wer­te­res als die Men­schen, die rein im Inter­net leben, und glau­ben, echte Freund­schaf­ten mit Leu­ten zu haben, die sie noch nie im Leben gese­hen haben.

Denn, Leute, so sehr man es sich auch ein­re­det: Nie­mand ist der, der er zu sein scheint — außer er ist sowieso schon etwas hohl im Kopf. Es ist so, als würde man ver­su­chen, aus einem Schnapp­schuss in einer Kneipe ver­su­chen, den Men­schen zu ver­ste­hen. Es geht ein­fach nicht.

Und genau des­we­gen bin ich immer noch sehr schlecht gegen­über MMOs ein­ge­stellt. Viele von ihnen ver­su­chen, ein Sozia­ler­satz zu sein, und auch nur die Leute, die ernst­haft ihre Frei­zeit ver­geu­den, wer­den von die­sen Spie­len “belohnt”. Es fällt einem ein­fach schwer, Leute zu loben, die stolz drauf sind, ihren vir­tu­el­len Cha­rak­ter auf “Level 70″ gebracht zu haben.

Im Prin­zip ist dies äqui­va­lent zu allen ande­ren Hob­by­er­fol­gen, die andere Leute erzie­len. Selbst im Sinne der Anfor­de­rung an die eige­nen Fähig­kei­ten kann es teil­weise kom­pli­ziert sein, das will ich nicht ver­leug­nen. Aber es ist nun mal was ande­res, wenn man sagen kann “Ich kann einen Mara­thon lau­fen” oder “Ich habe gerade meine Atemschutz-​​Prüfung bestan­den”, als wenn man sagt “Mein Pala­din ist auf Level 70″. Es ist ein­fach echter.

Daher bleibt mir ein­fach nichts als Bedau­ern und Trauer über die Leute, die ihre Zeit auf rein Vir­tu­el­les verschwenden.

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