6. März 2009: Warum lange Bahnwartezeiten schlecht sein können
Manchmal kommt es ja vor, daß man sich an einer Straßenbahnhaltestelle wiederfindet und die Bahn erst in ferner Zukunft (sprich mehr als 20 Minuten) mal an der eigenen Position vorbeibequemt.
Dies sind im Prinzip hervorragende Gelegenheiten, neue Leute kennenzulernen. Zu den Zeiten, wo Bahnen so selten kommen, ist es entweder spät, oder man ist am Arsch der Welt. Also ist man meist recht allein da, vielleicht mit ein, zwei anderen Personen.
Nun kommt es natürlich auf den Zufall an. Vielleicht ist jemand da, der nett scheint. Dann kann man eventuell ins Gespräch kommen. So sollen schon Freundschaften entstanden sein.
Meistens hingegen sitzt man da, schaut sich um, und schlägt wie der Autor ein Buch auf. Der routinierte Bahnfahrgast hat immer eins dabei, insbesondere sozial herausgeforderte wie der Autor. So kann man die Wartezeit bei vorteilhafter Witterung beliebig irrelevant gestalten.
In seltenen Fällen jedoch tritt das Problem auf, dass der nach Alkohol stinkende Haufen abgelegter Kleidung und Lumpen sich in Bewegung setzt. Manchmal geschieht das unauffällig — unangenehm oft jedoch meldet überlautes Gegröhle von begrenzter Artikulation das Erwachen des Löwen an. Oder wie man das stinkende hinkende Tier nochmal nennt.
Dies kann natürlich glimpflich enden, und er wechselt nur Position oder verlässt ganz die Haltestelle. In der nächsten Eskalationsstufe werden andere Wartende um Geld angehauen. Wenn man Pech hat, dann belässt derjenige es nicht bei einer einfachen Abfuhr, und belagert einen mehr oder weniger aggressiv für eine Weile. Kenntnisse der Deeskalation auf sozialem Wege ist ab hier dringend erforderlich.
Und wenn man so richtig von der Welt verarscht wird, dann ruft der Mensch schon beim Aufstehen “Sieg Heil!”, und löst bei Anderen diverse Reaktionen aus, diplomatisch gesagt.
Während der Autor also scheinbar höchst konzentriert Buch lesend, unter dem sozialen Schutzmantel eines MP3-Players, den langsam heranwankenden Mitteljährigen betrachtet, fragt er sich glechzeitig, ob aus Prinzip Eskalation angebracht ist. Und, um ehrlich zu sein, ob das ein nennenswertes Hindernis sein wird, wenn demnächst die Bahn eintrifft.
Interessanterweise war der Herannahende offenbar wiederum so betrunken, daß er mit ein paar gehässigen Kommentaren über die Jugend von heute abzog. Während er dann weiterzog und andere belästigte, kam natürlich auch der Erzfeind an — ein jüngerer Mitbürger mit vermutlich doppeltem Pass.
In der folgenden Litanei wurde mit rollendem R vom Krieg erzählt, und nebst Abscheu setzte sich etwas Mitleid an. Ein 50jähriger, der mit Stolz von einem Krieg und einer Zeit erzählt, zu der er noch nicht mal am leben war, gibt ein so armseeliges Bild ab, daß es schwer wird, Leute zu verabscheuen.
Also eine Bitte an die KVB: weniger Wartezeit. Danke.
P.S.: Man kann sich auch die Zeit in der Bahn totschlagen, indem man auf seinem kleinen Tablet mit zwei Daumen einen Blogeintrag tippt. Just a thought.

Einen Kommentar hinterlassen