Verschwörungstheorien

Inspiriert durch William Gibson.

Ich war gestern Abend auf einer Lesung von William Gibson, shop und er warf da eine ziemlich interessante Theorie auf: als es um Verschwörungstheorien ging, erläuterte er, daß Verschwörungstheorien (seiner Meinung nach) darum entstehen, weil Leute eine einfache Erklärung brauchen, warum die Welt ist, wie sie ist. Sie kämen nicht damit klar, daß es einfach nur durch den Zusammenspiel von Zufällen zu einigen Sachen kommen kann, und bedienen sich einer Verschwörungstheorie für eine simple Erklärung der aktuellen Zustände. Man hat einen Schuldigen, der das geplant hat, und gut ist.

Was er damit quasi propagiert: Verschwörungstheorien sind eine Art Religionsersatz. In der heutigen, „wissenschaftlichen“ Zeit gilt es für viele als Fakt, daß man keinen Gott und Teufel hat, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann, irgendetwas zu verursachen. Leute sehen die tatsächlichen Ursachen, und betrachten die Wirkung. Ein Problem, was dabei entsteht: Man muss die Möglichkeit haben, alles rationell begründen zu können. Sobald Faktoren ins Spiel kommen, die man sich einfach nicht erschließen kann, wird die ganze Sache wieder sehr theologisch. Den meisten Leuten sei es dann zu theoretisch, einfach zu sagen, daß der „Zufall“ Schuld ist. Gerade Leute, die daran glauben, daß es sowas wie Schicksal gibt, werden sich hier herausgefordert fühlen: wenn man weiß, daß etwas einen Grund hat, wie kann man dann sagen „es gibt keinen besonderen Grund, warum das so ist?“

Und in diesen Einschnitt treten dann konstruierte Verschwörungstheorien: sie geben die einfache Erklärung da, wo der Zufall zu herrschen scheint. Sie sind der Lückenfüller für die, die immer Gründe brauchen. Verschwörungstheorien vereinfachen das Modell, und nehmen „Zufall“ (im Sinne von: ein Produkt aus vielen Faktoren) einfach aus der Gleichung raus, und werden durch was einfaches ersetzt. Der Strom, welcher aus abermilliarden kleinen Wassertröpfchen besteht, wird einfach zu einem Fluß, der aus Wasser ist; diese Abstraktion ist es, die angeboten wird.

Eigentlich keine so schlechte Theorie.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

3 Gedanken zu „Verschwörungstheorien“

  1. Verschwörungstheoretiker könnten jetzt behaupten, dass diese Theorie eine Verschwörung der Verschwörenden ist, um die Vermutung von Verschwörungen zu unterdrücken und sich selbst zu schützen.

  2. Hmm – und jetzt denk mal genauer über Religionen nach. Enthalten sie nicht alle Elemente einer Verschwörung? Und ist das jetzt ein verschwörerischer Gedanken?

    Menschen brauchen Gründe, weil sie nicht verstehen können, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht verstehen kann oder muss. Eigentlich paradox. Aber richtig oder falsch?

    Eine Verschörung ist eher das, was aus diesen Gründen entsteht. Wenn man Fakten beliebig (falsch oder mit mangelndem Wissen oder Wunschdenken) interpretiert kommt eine Geschichte heraus die man teilweise sogar belegen kann. Mal sind diese Geschichten lustig. Manchmal geben sie ärger. Und manchmal stürzen sie ganze Völker ins Verderben.

    Menschen wollen glauben. Oder warum sonst kann man vor 30 Leuten eine Präsentation halten, die auf völlig falschen Annahmen basiert und alle glauben es, wenn es nur überzeugend genug vorgetragen wurde?

    Hier könnte man jetzt sehr schön den Bogen von der Verschwörung zur Politik ziehen. Das lass ich jetzt aber besser bleiben. Denn wir wissen ja: Schäuble liest mit. Oder?

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