14. November 2007: Neue Unwortverwendungen

Gele­gent­lich fällt es ja einem auf, daß sich schein­bar neue Wör­ter im Sprach­ge­brauch ande­rer mani­fes­tie­ren. Das kann ein sehr erfreu­li­ches Erleb­nis sein, wenn jene andere damit end­lich mal in die Dimen­sion der zwei­sil­bi­gen Wort­ge­stal­tung auf­stei­gen — aber manch­mal ist es doch auch ein­fach nur noch unschön, wie die Leute dann ihre neuen Fund­stü­cke benutzen.

Aktu­ells­tes Bei­spiel bei mir ist da das Wort “dank­bar”, wel­ches sich in Stu­den­ten­krei­sen schein­bar wie ein Lauf­feuer ver­brei­tet. So hört man öfters davon, wie Kom­mi­li­to­nen von “dank­ba­ren Vor­le­sun­gen” reden, und damit mei­nen, daß das ver­wert­bare und brauch­bare Wis­sen, wel­ches die Vor­le­sung ver­mit­telt, (sub­jek­tiv) in guter Rela­tion zum Arbeits­auf­wand steht. Oder auch vom “dank­ba­ren Übungs­blatt”, wel­ches man andern­orts ein­fach als “ein­fach” beschrei­ben würde, oder des­sen Auf­ga­ben die alt­be­kann­ten “geschenk­ten Punkte” sind.

Nun set­zen wir uns ein­mal hin und schauen uns an, was da so mit dem Wort gemacht wird. Die Asso­zia­tion von “dank­bar” mit dem Kon­text ist natür­lich ver­ständ­lich; man sel­ber ist z.B. dem Pro­fes­sor dank­bar, daß er seine Vor­le­sung so inter­es­sant bzw. lehr­reich gestal­tet. Aber wie kann eine Vor­le­sung dank­bar sein — und warum über­haupt? Per­so­ni­fi­ka­tion vor­aus­ge­setzt, warum zum Hen­ker sollte eine Vor­le­sung dem Stu­den­ten, der sich freut, daß er recht wenig arbei­ten muß dafür, sie zu ver­ste­hen, dank­bar sein? Wäre die Vor­le­sung ein Mensch — eine Eigen­schaft, die wir ihr gerade durch Per­so­ni­fi­ka­tion auf­zwin­gen — gäbe es doch kei­nen beson­de­ren Grund für sie, dank­bar zu sein.

Unter der Annahme, die per­so­ni­fi­zierte Vor­le­sung sei von sich aus zutiefst altru­is­tisch, da sie quasi nur für den Lehr­auf­trag exis­tiert, gibt es trotz­dem keine Moti­va­tion für die Dank­bar­keit in die­sem Kon­text. “Danke, daß Du mich ver­stan­den hast” wäre doch gerade eher dann der Fall, wenn die Vor­le­sung ein extrem schwe­res Thema betrifft, wel­ches man nur mit inten­sivs­ter Beschäf­ti­gung ver­ste­hen kann; oder, um etwas nega­ti­ver zu sein, wenn der Pro­fes­sor so schlecht ist, daß es ein Wun­der ist, daß die Stu­den­ten trotz ihm noch etwas verstehen.

Wenn man hin­ge­gen jedoch ein­fach nur mit Leich­tig­keit eine Vor­le­sung ver­steht, so sollte diese doch höchs­tens Freude emp­fin­den — oder viel­leicht eine gewisse Belei­di­gung, wenn sie nicht voll­kom­men altru­is­tisch ist, denn offen­bar scheint sie ja ein­fach genug zu sein, daß man sie ohne gro­ßen Auf­wand ver­steht. Quasi her­ab­las­send, für die Vorlesung.

Ebenso ver­hält es sich mit dem Übungs­blatt, mit ziem­lich genau den glei­chen Argu­men­ten; die Bezeich­nung “dank­bar” für eine Vor­le­sung oder ein Übungs­blatt ist also ein­fach abso­lut fehl­plat­ziert, und somit stu­den­ti­sches Unwort des Semes­ters.

3 Kommentare

  • Jeanne 10. Dezember 2007

    *schüt­tel* Da kom­men Erin­ne­run­gen hoch… mein Pädagogik-​​Lehrer (mag sein, dass ich ihn hier und da erwähnt habe) neigte dazu, von “dank­ba­ren Auf­ga­ben” zu spre­chen… gemeint war denke ich, dass es sich um “loh­nende Auf­ga­ben” han­delte (also, lohend zB im Sinne der Wis­sen­schaft, viel­leicht, dass es einem mal gedankt wird)… aber der Mensch war ohne­hin drch­weg selt­sam. oOx

    ~jea
    aka Mensch der seine Favo­ri­ten durch­geht (statt Haus­auf­ga­ben zu machen)

  • Ama­zeroth 3. Februar 2008

    Ich möchte mich hier nicht groß über etwas aus­las­sen und ich finde es auch toll, wenn sich Men­schen kri­ti­sche Gedan­ken über Dinge machen, aber du soll­test dir dar­über bewusst sein, dass “dank­bar” ein durch­aus gän­gi­ges und tref­fen­des Adjek­tiv ist, auch in Bezug auf deine Beispiele.

    Eine dank­bare Vor­le­sung ist eine Vor­le­sung, die sich lohnt, die den Zuhö­rer zufrie­den­stellt, die ihm etwas bringt.
    Adäquat dazu ver­hält es sich mit dem Aufgabenblatt.

    Wenn es dir wei­ter­hilft: Es ist üblich, wenn man über “dank­bare Ernte” oder “dank­ba­ren Anbau von Gemü­sen” spricht. Viel­leicht fällt es dir dann nicht so schwer, die Brü­cke zur Vor­le­sung zu ziehen.

    Dem­ent­spre­chend ist das Wort “dank­bar” in die­sem Zusam­men­hang weder fehl­pla­ziert, noch ein Unwort.
    Möchte ich meinen.

  • SdK 3. Februar 2008

    Phra­sen die kom­men und oft auch wie­der ver­schwin­den. Dank­bar ist aller­dings kein Unwort. Die Ver­wen­dung in offen­sicht­lich fal­schen Kon­tex­ten fin­det aber sehr oft statt und ver­wirrt haupt­säch­lich jene, die Deutsch nicht ihre Mut­ter­spra­che nen­nen. Mich per­sön­lich stört es aber auch nichts son­der­lich. Aber ich gehöre auch nicht zu jenen, die der Mei­nung sind, dass sich Spra­che nicht ver­än­dern darf.

    Mich per­sön­lich stö­ren Wort­kon­struk­tio­nen wie das gute alte “gedown­loa­ded” viel eher, weil es dafür ja schöne deut­sche und auch noch ein­fa­chere Wör­ter wie “her­un­ter­ge­la­den” gibt.

    “Dank­bar” würde ich in die­sem Falle mit einem guten Preis/​Leistungsverhältnis gleich set­zen. Eine dank­bare Vor­le­sung ist eine Vor­le­sung bei der ich mit wenig Auf­wand gute Ergeb­nisse erzieh­len kann. Und für die­sem Umstand, kann man durch­aus dank­bar sein.

    SdK

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