Neue Unwortverwendungen

Verwässerung des Sprachschatzes.

Gelegentlich fällt es ja einem auf, order daß sich scheinbar neue Wörter im Sprachgebrauch anderer manifestieren. Das kann ein sehr erfreuliches Erlebnis sein, wenn jene andere damit endlich mal in die Dimension der zweisilbigen Wortgestaltung aufsteigen – aber manchmal ist es doch auch einfach nur noch unschön, wie die Leute dann ihre neuen Fundstücke benutzen.

Aktuellstes Beispiel bei mir ist da das Wort „dankbar“, welches sich in Studentenkreisen scheinbar wie ein Lauffeuer verbreitet. So hört man öfters davon, wie Kommilitonen von „dankbaren Vorlesungen“ reden, und damit meinen, daß das verwertbare und brauchbare Wissen, welches die Vorlesung vermittelt, (subjektiv) in guter Relation zum Arbeitsaufwand steht. Oder auch vom „dankbaren Übungsblatt“, welches man andernorts einfach als „einfach“ beschreiben würde, oder dessen Aufgaben die altbekannten „geschenkten Punkte“ sind.

Nun setzen wir uns einmal hin und schauen uns an, was da so mit dem Wort gemacht wird. Die Assoziation von „dankbar“ mit dem Kontext ist natürlich verständlich; man selber ist z.B. dem Professor dankbar, daß er seine Vorlesung so interessant bzw. lehrreich gestaltet. Aber wie kann eine Vorlesung dankbar sein – und warum überhaupt? Personifikation vorausgesetzt, warum zum Henker sollte eine Vorlesung dem Studenten, der sich freut, daß er recht wenig arbeiten muß dafür, sie zu verstehen, dankbar sein? Wäre die Vorlesung ein Mensch – eine Eigenschaft, die wir ihr gerade durch Personifikation aufzwingen – gäbe es doch keinen besonderen Grund für sie, dankbar zu sein.

Unter der Annahme, die personifizierte Vorlesung sei von sich aus zutiefst altruistisch, da sie quasi nur für den Lehrauftrag existiert, gibt es trotzdem keine Motivation für die Dankbarkeit in diesem Kontext. „Danke, daß Du mich verstanden hast“ wäre doch gerade eher dann der Fall, wenn die Vorlesung ein extrem schweres Thema betrifft, welches man nur mit intensivster Beschäftigung verstehen kann; oder, um etwas negativer zu sein, wenn der Professor so schlecht ist, daß es ein Wunder ist, daß die Studenten trotz ihm noch etwas verstehen.

Wenn man hingegen jedoch einfach nur mit Leichtigkeit eine Vorlesung versteht, so sollte diese doch höchstens Freude empfinden – oder vielleicht eine gewisse Beleidigung, wenn sie nicht vollkommen altruistisch ist, denn offenbar scheint sie ja einfach genug zu sein, daß man sie ohne großen Aufwand versteht. Quasi herablassend, für die Vorlesung.

Ebenso verhält es sich mit dem Übungsblatt, mit ziemlich genau den gleichen Argumenten; die Bezeichnung „dankbar“ für eine Vorlesung oder ein Übungsblatt ist also einfach absolut fehlplatziert, und somit studentisches Unwort des Semesters.