25. September 2007: Vesteckte Perlen

Der auf­merk­same Leser wird natür­lich wis­sen, daß der Autor sich hier gerne über diverse ihm zuwi­der sei­en­den Aspekte von Men­schen und der Gesell­schaft auf­regt. Soviel zum Pro­gramm. Aber die Irri­ta­tion nimmt nicht immer nur im direk­ten Kon­flikt mit der phy­si­ka­li­schen oder sozio­lo­gi­schen Essenz ande­rer Men­schen, son­dern auch mit ihren Erzeug­nis­sen, Aus­druck. So, zum Bei­spiel, der Literatur.

Ich kann ziem­lich wenig mit der meis­ten Lite­ra­tur anfan­gen. “Welt­li­te­ra­tur” ist oft ein­fach nur Müll in mei­nen Augen — da pas­siert sel­ten etwas, was man sich nicht schnell erschlie­ßen kann, und die Dar­brin­gungs­for­men sind zwar gele­gent­lich krea­tiv, oft aber ein­fach nur anders bis schlecht und wenig auf­merk­sam­keits­er­re­gend. Was inter­es­siert es mich, wie ein Junge von zu Hause aus­reisst und unter exis­ten­zia­lis­ti­schen Ängs­ten lei­det? Oder wie ein Kerl im Sog von einem Par­ty­mons­ter mit­ge­zo­gen wird? Wie ein ver­blö­de­ter Sol­dat betriebs­blind gegen­über sei­ner Umge­bung ist, oder ein Reichs­rit­ter sich es mit der Obrig­keit ver­scherzt? Da ist sel­ten etwas bei, was sich ein intel­li­gen­ter Mensch nicht selbst den­ken kann, und bis auf wenige Details wird auch nicht viel über die Zei­ten beschrie­ben, in denen das jewei­lige Buch spielt, und hat damit nicht­mal his­to­ro­lo­gi­schen Wert.

Des­we­gen sieht der Autor sich oft dazu ver­le­gen, zur Fan­tasy und zur Sci­ence Fic­tion zu grei­fen. Diese wirft näm­lich an vie­len Stel­len jed­wede Vor­stel­lung von Bezug zur His­to­rie oder Gegen­wart weg und setzt sich voll­kom­men ab, so daß man nur noch bedingt bis gar nicht logi­sche, erfah­rungs­be­grün­dete Schluß­fol­ge­run­gen über Fort­ver­lauf und Aus­gang der Geschichte machen. Man kann zwar Par­al­le­len zie­hen, aber nur bei schlech­ten Auto­ren ist es, zum Bei­spiel, ein­fach ein zwo­ter Welt­krieg mit Ten­ta­kel­mons­tern statt Nazis.

Aber nicht nur Prosa ist betrof­fen; auch Poe­sie geht oft an mir vor­bei. Sie erweckt sel­ten etwas beson­de­res; wenn ich mir von selbst belie­big Fabel­haf­tes und Schö­nes an der Welt vor­stel­len kann, dann hat Roman­tik nur noch sel­ten etwas Berei­chern­des; wer Emo­tio­nen logisch zer­legt, wenn er nicht betrof­fen ist, geht auch leer aus.

Des­we­gen war es für den Autor umso erfreu­li­cher, daß er in Neil Gai­mans “Fra­gile Things”, einer Geschich­ten­samm­lung, wel­che für den Groß­teil der ers­ten Hälfte eher ent­täu­schend war, mit­ten­drin eine nette Geschichte namens “Other People” fand. Der Autor will nicht zu viel ver­ra­ten, und da der Urhe­ber­schutz Pro­bleme damit hat, ganze Geschich­ten wie­der­zu­ge­ben, muss der Leser sich lei­der sel­ber das Buch kau­fen, um die­ses inter­es­sante phi­lo­so­phi­sche Kunst­stück zu lesen.

Ich habe Zeit, denn time is fluid here.

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