Linksradikalismus

Eigent­lich habe ich ja über­legt, den Bei­trag “Radi­ka­lis­mus” zu nen­nen. Dann hätte ich aber über Rechts­ra­di­ka­lis­mus schrei­ben müs­sen (wozu ich ein gan­zes Buch voll­schrei­ben könnte), und zum ande­ren über Arten von Radi­ka­lis­mus, die ich bis­her gar nicht näher betrach­tet habe.

Also: Links­ra­di­ka­lis­mus. Auf­grund eines recht aktu­el­len Vor­falls fühle ich mich dar­über genö­tigt, ein biß­chen über die­ses Phä­no­men zu schreiben.

Was bezeich­net man denn so nor­ma­ler­weise als Links­ra­di­ka­lis­mus? Erwähnt man das Wort, so den­ken viele erst­mal an die Cha­os­tage in Han­no­ver, den lus­ti­gen Kom­mu­nis­ten und, wenn man noch etwas Ahnung von Geschichte hat, die RAF oder die Bewe­gung des zwo­ten Juni. Auch das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz hält sich da ähnlich (Wort­laut über­nom­men von Wikipedia):

Als erklärte Geg­ner der von ihnen als kapi­ta­lis­tisch, impe­ria­lis­tisch und ras­sis­tisch dif­fa­mier­ten recht­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land stre­ben Links­ex­tre­mis­ten nach wie vor die ‘revo­lu­tio­näre’, d.h. grund­le­gende Umwäl­zung die­ser Ord­nung an. Alle Links­ex­tre­mis­ten beken­nen sich dabei grund­sätz­lich zur ‘revo­lu­tio­nä­ren Gewalt’. Ihre Akti­vi­tä­ten zie­len je nach ideo­lo­gi­scher Aus­rich­tung – revolutionär-​​marxistisch oder anar­chis­tisch ori­en­tiert – auf die Errich­tung eines sozialistisch/​kommunistischen Sys­tems bzw. einer ‘herr­schafts­freien’ Gesell­schaft (‘Anar­chie’) ab.

Sicher­lich ist diese gewalt­tä­tige und pro­ble­ma­ti­sche Seite nicht zu unter­schät­zen, und ich habe Respekt vor all denen, die sich die­sem genau wie Rechts­ex­tre­mis­mus wider­set­zen; jedoch muß man dif­fe­ren­zie­ren zwi­schen den akti­ven und den pas­si­ven. Fun­da­men­tal­is­la­misch moti­vierte Ter­ro­ris­ten sind eine ähnli­che Äuße­rung: es gibt einige Tritt­brett­fah­rer, die nur dabei sind, weil sie sonst keine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit haben — ein Phä­no­men, unter wel­chem jede Sub­kul­tur lei­det. Der eigent­li­che Kern der Extre­men wie der Ter­ro­ris­ten sind aber die rein poli­tisch (bzw. im Ter­ro­ris­mus­falle reli­giös) über­zeug­ten Men­schen: die fun­da­men­ta­lis­tisch moti­vier­ten Extre­mis­ten sind nur eine Teil­menge der Fun­da­men­ta­lis­ten an sich. Es gibt viele mehr, die ein­fach nur das Gedan­ken­gut tra­gen, und sel­ber nichts machen. Auch hier in Deutsch­land — es gibt Rechts­ex­treme (zu viele), aber es gibt noch mehr Leute, die ein­fach nur poli­tisch radi­kal rechts anzu­ord­nen sind und das Gedan­ken­gut teilen.

So auch bei den Lin­ken. Ich weiß nicht, ob man hier viel­leicht eine Unter­schei­dung zwi­schen “Links­ra­di­ka­lis­mus” als Ein­stel­lung und “Links­ex­tre­mis­mus” als Ver­hal­ten ein­füh­ren sollte; bis auf wei­te­res werde ich die Begriffe unter Vor­be­halt so ver­wen­den wie gerade pos­tu­liert. Es gibt einige, die auf die Straße gehen und gegen den bösen Staat pro­tes­tie­ren, aber viel mehr, die ins­ge­heim mei­nen, daß der Staat böse (und die Men­schen darin) sind.

Schade wird es dann erst, wenn die Leute eigent­lich gute Ziele haben. Es geht ihnen um Gleich­heit unter Men­schen, keine Unter­schei­dung ob Art und Her­kunft, all diese heh­ren Ideale. Ein schö­nes Ziel. Nur lei­der etwas sinnlos.

Das Pro­blem ist halt, daß wir Men­schen dafür gar nicht gebaut sind. Man­che Links­ra­di­kale mögen nicht erken­nen, daß jeder Mensch auto­ma­gisch in “wir” und “die” ein­teilt. Daß sie einen in der Argu­men­ta­tion dabei auto­ma­tisch als “die” wegsto­ßen und ein “wir” auf­bauen geht den wenigs­ten auf, und der Rest ver­schiebt die Lösung des Pro­blem auf den Zeit­punkt, wo eh alle in Frie­den und Har­mo­nie mit­ein­an­der leben. qed.

Aber trotz­dem ver­su­chen sie immer wie­der, in ihrem radi­ka­len Ega­lis­mus allen gleich­zei­tig recht zu machen. Und das geht nun­mal ein­fach nicht. Die Welt ist unter­schied­lich, und das muß man erken­nen; man kann nicht ein­fach sagen, daß man eine tolle Aktion machen kann, die Über­all um einen arbi­tra­ti­schen Punkt Zufrie­den­heit auf die Skala hin­zu­fügt. Man kann auch nicht uni­ver­sell dafür sor­gen, daß jeder Mensch um einen Punkt tole­ran­ter gegen­über all sei­nen Mit­men­schen wird. Wenn das ginge, wäre ich an ers­ter Front dabei, dort zu helfen.

Dem­nach bleibt einem nicht ande­res übrig, als sich erst­mal auf die loka­len Gege­ben­hei­ten zu kon­zen­trie­ren. Wenn jeder dar­auf hin arbei­tet, die Bedin­gun­gen vor Ort zu ver­bes­sern, kommt man effek­ti­ver voran, als wenn jeder ver­sucht, über­all die Lücken zu stop­fen. Das ver­stößt natür­lich gegen den links­ra­di­ka­len Grund­ge­dan­ken — warum sollte man einem Land wie Deutsch­land, dem es noch rela­tiv gut geht, Vor­zug geben über einem ande­ren Land? Ganz ein­fach: weil man dort wohnt. Wie die Wer­be­kam­pa­gne es schon sagte: “Du bist Deutschland” — jeder Mensch trägt zum Staat bei. Die Men­schen sind der Staat. Man kann nicht erwar­ten, daß der Staat wie eine gött­li­che Hand ein­fach ohne Gegen­leis­tung alles gleich­schal­tet, wenn man nur laut genug pro­tes­tiert. Die letzte Gleich­schal­tung ver­lief schon nicht gut.

Daher kann man nicht gegen den Staat sein, wenn es darum geht, den Leu­ten zu hel­fen. Man sel­ber formt den Staat mit, man wählt die Regie­rung, man pro­tes­tiert gegen die Ent­schei­dun­gen, wenn sie einem nicht gefal­len, man sagt seine Mei­nung, man stürzt die Regie­rung, wenn sie scheiße ist. Man trägt dem Staat bei. Schließ­lich würde man doch auch einem Men­schen, der einem hilft, nicht kate­go­risch die Gegen­hilfe ver­wei­gern, nur, weil der Mensch sich nicht auf­op­fert und auch jedem ande­ren Men­schen immer hilft, oder?

Dies war übri­gens der Auf­hän­ger des Ereig­nis­ses, wel­ches mich dazu ver­an­lasste, die­sen Bei­trag zu schrei­ben. Ich unter­stütze den Slo­gan “Du bist Deutsch­land!”, viel­leicht weni­ger im Rah­men der Wer­be­kam­pa­gne als eher eine Tatsachenfeststellung.

Du bist Deutsch­land — mach’ was draus.

Danke an M. für die in der Dis­kus­sion gewon­nen Erkennt­nisse. Viel Erfolg auf Dei­nen Wegen.

6 comments

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  2. Aristoteles Pagaltzis

    Schon allein die Fest­stel­lung, dass der Mensch ein sozia­les Wesen ist, bedingt, dass wir das inhä­rente Bestre­ben haben, Ran­ghier­ar­chien zu bil­den. Es ist völ­lig zweck­los, das her­ab­zu­wer­ten, weil wir Men­schen als Men­schen nicht anders kön­nen, als Men­schen die­ses Bedürf­nis haben. Eine ver­nünf­tige Aus­ein­an­der­set­zung mit den im Gros­sen durch die­ses Ver­lan­gen ent­ste­hen­den Pro­ble­men kann erst begin­nen, nach­dem man akzep­tiert, dass der Staat Wir­kung und nicht Ursa­che ist.

  3. Linksradikal

    Wie immer wur­den bei die­sem Thema nur halb­wahr­hei­ten wie­der­ge­käut und nicht das gesamte betrachtet.Es ist richtig,dass der Mensch in “wir” und “die” unterteilt,aber ist das der Grund warum eine poli­ti­sche Rich­tung nicht funk­tio­nie­ren kann?
    Warum unter­teilt der Mensch in “wir und “die”? Bei genaue­rer Betrach­tung wird auffallen,dass die kapi­ta­lis­ti­sche Domi­nanz der Medien immer auf eben die­ses Ver­hal­tens­mus­ter hinsteuert,das “wir bzw. ich muss bes­ser sein”.Liegt es also an einer natür­lich mensch­li­chen Grund­hal­tung oder an einer kom­plett falsch lau­fen­den Erzie­hung des Menschen?Ich glaube es ist zwei­te­res ich brau­che nur den Fern­se­her anzu­schal­ten um das festzustellen.Im übri­gen ist ein ers­tes Ziel nicht die sofor­tige Ega­li­sie­rung der Men­schen son­dern eine kleine Ega­li­sie­rung die es durch Rei­chen­steuer etc. ermög­licht mehr Gerech­tig­keit herzustellen.Somit eine lang­sam hin­ar­beit auf die genann­ten Ziele,man sollte sich doch umfas­sen­der infor­mie­ren bevor man alle Anhän­ger einer poli­ti­schen Rich­tung verurteilt.

    Zu “du bist Deutschland”,das ist das beste Beispiel,du per­sön­lich musst mög­lichst viel leis­ten mit dei­nen Ellen­bo­gen um selbst hoch­zu­kom­men und recht­fer­tigst die Ande­ren die auf der Stre­cke blei­ben damit dass es dem Staat dadurch bes­ser ginge und damit allen,ein fata­ler Trugschluss!

    [Anm. d. Red.: Schon im Sand­kas­ten geht es um “meine Schaufel”.]

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