Verstärkungsausdrücke

In der Umgangssprache kennt man inzwischen viele verschiedene Verstärkungsausdrücke, hospital die sich nicht auf die durch das Hochdeutsche Gegebenen, check also zum Beispiel Steigerungen von gut, remedy beschränken. Insbesondere die Jugendkultur hat einen sehr markanten Eindruck hinterlassen in der Landschaft der Sprache. Nachdem mir das letztens mal wieder besonders aufgefallen war, habe ich mir mal ein paar Gedanken dazu gemacht, was die Benutzung spezifischer Ausdrücke eigentlich bedeutet. Denn, so wird man mir zustimmen, bezieht sich die benutzte Verstärkung doch eindeutig auf die eigene Erwartung vom Bezugsobjekt. Nehmen wir zum Beispiel mal „eine geniale Idee“, oder „ein brillanter Einfall“: hier wird eindeutig ausgedrückt, dass man eine Idee um so besser findet, wenn sie geistigen Witz zeigt, und ein Einfall sei um so attraktiver, wenn er vor Brillanz scheint.
Also sollte man sich auch mal andere Ausdrücke anschauen.

krass
Eines der bedeutungsbefreiten Verstärkungswörter dieser Zeit. Eigentlich kommt krass vom lateinischen crassus, wo es so viel wie ‚dick‘ oder ‚plump‘ bedeutet. Es besteht also eine gewisse Parallele zum neudeutschen fett, die aber den wenigstens noch bewusst ist. Verkommen zu einen banalen Allgemeinausdruck mit kontextbezogener Bedeutung ohne Innovation dequalifiziert sich der Sprechende selbst als ein sprachlich herausgeforderter Mensch, der nicht in der Lage ist, das richtige Wort zu finden, und sich lieber auf den durch die anderen aufgestellten Kontext verläßt, um seine Meinung zu übertragen. Daher hat der Sprechende logischerweise die gleiche Meinung wie alle anderen, oder eine derart offensichtliche Einstellung zu einem Thema, daß in beiden Fällen eine Erwähnung absolut überflüssig ist, und nur dem eigenen Sendungsbewusstsein zuträglich ist.
geil
Das Wort ‚geil‘ — oder auch: sexuell erregt oder sexuell erregend — lässt sehr einfache und logische Rückschlüße auf die Mentalität des Äußernden zu, die all zu offensichtlich sind, und auf die man daher nicht unbedingt näher eingehen muß. Wissenschaftliche Bestätigung dieser These wird sich sicherlich in unzähliger Anzahl in der Psychoanalyse nach Freud und Eriksson finden. Nur ist es dann leicht verstörend, wenn manche Leute ‚geil‘ in Zusammenhängen erwähnen, die man nun eigentlich als relativ orthogonal ansehen möchte.
fett
Großer Beliebtheit gerade beim jüngeren Publikum erfreut sich das Wort ‚fett‘ in seiner Rolle als Synonym für althergebrachtere Begriffe wie ‚hervorragend‘, welches für das meist aufmerksamkeitstechnisch herausgeforderte Publikum erhöhte Ansprüche an innerwörtlicher Aussprachkohärenz stellt, da es mehr als zwei Silben hat. Daher wurde dieses einfache Wort übernommen, da es sich problemlos, dank Einsilbigkeit, von den unbegabtesten Person unter einer nach oben offenen Speichelentwicklung aussprechen lässt. Wenig Aufmerksamkeit wurde dem Detail geschenkt, daß ‚fett‘ eine Eigenschaft ist, die höchstens noch auf ein altgermanisches Weibsideal positiv anwendbar ist, und im allgemeinen eher als ungesund und verpönt gilt. Auch von den Benutzern dieses Ausdruckes, wohlgemerkt, in völliger Ignoranz der eigenen, teils nicht unbeträchtlichen, Betroffenheit in Ansicht der erhöhten allgemeinen Fettleibigkeit gerade im Bereich der Kinder und Jugendlichen. Andere Kreise setzen das Wort ‚fett‘ vermutlich gleich mit ‚spassig‘, weil sie daran denken, wie sie die jüngeren Kindern so lustig den Hügel runterrollen lassen können.
mega, super, hyper, …
Griechische Vorsilben dienen vor allem im wissenschaftlichenbereich als Skalierungseinheiten oder Quantoren: so kennt man ‚Kilo‘, ‚Mega‘ und ‚Giga‘ als ‚103‘, ‚106‘ und ‚109‘, respektive. Auch ist einer ‚Hyperebene‘ eine Untervektorraum W eines Vektorraums V, wobei die Dimension von W eins kleiner als die Dimension von V ist. Zum Beispiel eine Linie im Zweidimensionalen, und eine Fläche im Dreidimensionalen. Nun aber werden diese Worte, abzüglich des ‚Kilo‘, welches aufgrund üblicher Verwendung als Kurzform für 1000 Gramm schon belegt und allgemein der Faktor 1000 nicht wirklich beeindruckend ist, interessanterweise aber nicht als synonym zu fett gilt, gerne als generische positive Attribute benutzt, vor allem in Kombinationen mit anderen Verstärkern wie geil: „Das ist ja mal megageil!“. Auch alleinstehende Benutzung oder unlogischer Gebrauch im Zusammenhang mit Substantiven („Das ist ja eine Megaparty!“) kommt vor. Die Motivation hinter dieser Verwendung ist unklar. Offenbar hat sich irgendwer mal versucht, bei einem Akademiker in die Unterhaltung einzuklinken, und versagte kläglich. Irgendwie sowas.

Weitere Ausdrucksvorschläge werden abgewogen und mit Preisetikett versehen.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

6 Gedanken zu „Verstärkungsausdrücke“

  1. Schon jahrelang versuche ich „irre“ („Das ist aber irre riesig/hübsch/krass/geil!“) zu etablieren. Aber es hat sich noch nicht richtig durchgesetzt. Ich bleib dran!

  2. Pingback: B(pe)log
  3. und ja, das ist war, und ja, die meisten redeten wohl so, aber wo sind sie noch, viele haben sich verändert, die deutsche Sprache ist wieder besser geworden, in den Kreisen denen ich zuhöre zumindest. doch wenn der spiegel verallgemeinert und sagt: ‚die jugend ist so cool wie tokio hotel‘, dann läuft irgendwas schief, und dann fördert man nur den mainstream, den man seiten weiter wieder kritisiert.

  4. „total ungeil“ ist eher 80er.

    Aber was fehlt ist ganz klar: „konkret“. Die konkrete (haha!) Bedeutung/Verwendung ist mir noch nicht ganz klar, scheint aber zumindest häufig nahe fett usw. verortet zu sein.

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