Außenseiterrolle in Sozialsystemen

Eine Abhandlung über den gesellschaftlichen Archetyp des Aussenseiters.

Jeder kennt sie, denn sie sind praktisch definitionsbedingt immer präsent: die Außenseiter. Sobald man irgendeine Untergruppierung von Menschen annimmt, hat man automatisch einige Leute, die „außen vor“ sind, also nicht zur Menge gehören — das Komplement, sozusagen. Das ist auch gut so, daß es die gibt, denn ohne Aussenseiter wären solche Ideen wie Geheimtreffen, organisierte Kriminalität, Liebe oder Politik gänzlich langweilige Angelegenheiten; stelle man sich vor, jeder würde jeden bescheißen, und nicht nur der stereotypische Politiker das Volk, wo kämen wir denn da hin.

Betrachten wir also mal die typische Funktion eines Außenseiters in den oben genannten Beispielen:

  • Geheimtreffen: Der Sinn und Zweck von Geheimtreffen ist es bekanntlicherweise, daß ein geheimes Treffen stattfindet, also daß kein anderer außer dem bei den Treffen Anwesenden etwas davon mitbekommt. In der Realität haben natürlich vermehrt Außenseiter auf solche Prozesse Zugriff, da die Warscheinlichkeit, daß die Organisatoren des Treffens infiltriert sind, proportional mit dem Sicherheitsaufwand, der zur Absicherung des Treffens beschrieben wird, steigt. Für Geheimtreffen sind Außenseiter also essentiell, denn ohne sie gäbe es keinen Grund, Geheimtreffen zu veranstalten. Pech für Kabalisten auf einer einsamen Insel.
  • Organisierte Kriminalität: Was wäre die organisierte Kriminalität ohne Außenseiter? An wen will man denn bitte seine Drogen verkaufen, wenn nicht an die Leute außerhalb der Organisition? Von wem will man bitte Schutzgeld erpressen, wenn nicht von den Leuten, die draußen auf der Straße leben? Natürlich könnte man argumentieren, daß organisierte Kriminalität ja davon leben könnte, sich gegenseitig zu bekämpfen, aber der Grund für diesen Kampf wäre nichtens, wenn es keine Außenseiter gibt, der Streitanlass sind.
  • Liebe: Um die Wichtigkeit von Außenseitern in der Liebe zu betonen, reicht es einfach nur, zu zeigen, daß jedes Paar, wenn man es pausenlos ohne Außenkontakt zusammentut, sich nach ’ner Weile nicht mehr ausstehen kann. Persönlicher Raum, und sowas.
  • Politik: Ein wunderbares Beispiel. Rein theoretisch gibt es politisches System ohne Außenseiter – die Demokratie. Demokratie, das kommt von dem griechischen Wort „δήμος“ (Volk) und sagt, daß das Volk selber die Regierung bildet. Das heißt jeder Bürger ist gleichzeitig Poltiker. Klingt doch gut, oder nicht? Nun, die alten Griechen sagten zwar, daß jeder Bürger da abstimmen darf, aber Frauen, Sklaven und Nichtathener waren ja keine Bürger. „Ups.“ Und in unserer aktuellen Form der Demokratie, welche eigentlich ein Repräsentantensystem ist, und keine wahre Volksregierung, braucht die Politik die Wähler, um diese an der Nase herumzuführen – zumindest versucht sie aktiv, diesen Eindruck zu erwecken.

Durch einfach Beispiele wurde die Notwendigkeit von Außenseitern gezeigt. Schauen wir uns nun an, welchen Effekt die Außenseiter haben: in praktisch allen Fällen geben sie der einzelnen Untergruppierung überhaupt einen Sinn, eine Untergruppierung zu sein. Falls man jetzt nun eine eher spezielle Untergruppierung finden sollte (sagen wir, alle Spieler eines bestimmten Spiels), und dann mal alle Außenseiter wegstreicht, dann bleibt die Frage zu klären, was der Gruppe fehlt. Dies ist auch ganz einfach: Dynamik. Wenn man nur die Spieler des Spiels hat, die immer untereinander verkehren, und man nie einem Außenseiter begegnet, dann bricht das System prinzipbedingt in sich zusammen, weil es statisch wurde.

Vor allem ein positiver Effekt, den die Wechselwirkung eines System mit seinen Außenseitern beschert, ist die Steigerung des Zusammenhaltes innerhalb des sozialen Systems. Wenn der Mensch eine kleine behagliche Gruppe gefunden hat, mit der er sich zusammentut, und diese zum Beispiel vielleicht nicht ganz so sehr gesellschaftlich akzeptiert ist, so steigert es doch ziemlich die Wertschätzung der Mitglieder füreinander, da sie froh sind, daß es auch andere gibt, die zum Beispiel Geschlechtsvekehr mit brennenden Ziegen haben. Müsste der Autor sich in die Lage einer solchen Person versetzen, würde es seinem Gewissen gut tun, über die Existenz Gleichdenkender informiert zu sein.

Als weiteres Beispiel kann man auch das eher simple Sozialsystem, welches weitläufig als „Clique“ (oder vielleicht eher „Klicke“) bekannt ist. Da hat man einen festen Kreis meist jugendlicher Menschen, der auf Einladungs- oder Empfehlungsbasis sich selbst erweitert, und auch öfters das Element mit der niedrigsten intrasystematischen Akzeptanzrate spontan ausschließt. Wenn man nun dieses System betrachtet, so ist es oft ein Verhalten, daß gerade gezielt externe Elemente auserkoren werden, als gemeinsames Zielobjekt zwecks der Steigerung des gruppenintenen Zusammenhaltes zu fungieren. Eine Anwendung dieser Situation ist das allseits bekannte „Mobbing“.

Mobbing äußert sich darin, daß man sich eine Person nimmt, die in irgendeiner spezifischen Eigenart verschieden von allen Elementen der Gruppe der Mobbenden ist. Auf dem heutigen Schulhof zum Beispiel der intelligente Mitschüler, oder in der Firma der, der tatsächlich arbeitet. Dann nimmt man sich beliebige Details aus dem Alltagsleben, und benutzt diese als Katalysator (durch Lästern, Streiche oder ähnliches) für die eigenen Belustigung. Und da Lachen bekanntlich verbindet, stärkt es so die systeminterne Beziehung, während man einen Außenseiter auf Abstand bringt und ihn als Projektionsscheibe für Probleme nutzt.

Außenseiter sind also ein wichtiger Bestandteil des sozialen Umfeldes und dienen auf gar selbstlose Weise dem Zusammenhalt anderer. Interessant wird es dann, wenn man Individuen hat, die sich selbst gezielt als Außenseiter aufbauen, um so auf altruistische Art und Weise dem Wohlbefinden der anderen einer Gruppe förderlich zu sein.

Fortgeschrittene Leser dürfen sich über die Verträglichkeit gewisser Typen von Netztrollen mit der letzten Behauptung Gedanken machen.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

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