Interessante Kommilitonen

Geschichten aus dem Hörsaal

Manchmal meint man ja schon, shop daß einen bei der menschlichen Dummheit nichts mehr überraschen sollte, aber es wird doch immer mal wieder von dem einem oder anderem Exemplar überboten. Irgendwie bitter.

Man betrachte eine Vorlesung Lineare Algebra I, und sichte einen seltsamen Kommilitonen, welcher sich einem der freien Plätze in den vorderen Reihen nähert. Den Augen ist manchmal nicht zu trauen, aber dieses Exemplar von Student war einfach ein wandelndes Cliché: ein rosanes, gestreiftes Hemd, wie es sich kein Anwalt trauen würde anzuziehen. Dazu eine dunkle Cordhose, und – unglaublich, aber wahr – ein karierter Pullover, welchen sich dieses Examplar in einer typischen „Lehrer bei IKEA“-Manier um den Hals gebunden hatte. Komplettiere diesen Anblick noch mit einem Aktenkoffer, und man hat ungefähr einen typischen Menschen an der Hand, von dem man nicht erwartet, daß er studiert, geschweige denn Mathematik.

So saß dieses Exemplar nun in unmittelbarer Nähe des Erzähles in der Vorlesung, was es diesem ermöglichte, so mitzuhören, was im Verlauf der Vorlesung für interessante Äußerungen in dem Raum frei gelassen wurden, ohne einen Hüter, der diese bewachte und im Zaun hielt. Während nun also alle Leute fleissig das Tafelbild von der Tafel in ihre Blöcke oder Hefte kopieren, welches – trotz nach der Vorlesung ins Netz gestelltem Skript – selbstverständlich eine gute Förderung des Lernprozesses ist (zumindest in den meisten Fällen), da man sich ja schließlich besser an Sachen erinnert, die man schonmal selbst geschrieben hat – saß dieses Individuum als so ziemlich einziger in seinem ganzen Umfeld ohne irgendwelches Schreibwerkzeug dar, und photographierte stattdessen die Tafelbilder mit der Digitalkamera ab.

Lassen wir die letzten Feststellungen noch einmal zusammenfassen:

  1. Es gibt ein im Netz verfügbares Skript.
  2. Alle Studenten schreiben mit, weil man so besser lernt.
  3. Das Vorlesungsalien photographiert die Tafelbilder ab.

Aussagen 1 und 2 vertragen sich wunderbar, aber Aussage 1 und 3 bilden doch irgendwie einen gewissen Widerspruch, besonders, wenn man bedenkt, daß der Winkel im Zusammenhang mit der Verzerrungsleistung einer kleinen, digitalen Handkamera nun nicht gerade ein Idealbeispiel einer guten Aufnahmesituation darstellt. Nichtsdestotrotz meinte dieser Mensch, daß es so gut ist.

Wenn man ihn mit der Frage konfrontierte, ob er denn nichts aufschreiben wollte, antworte er wahrheitsgetreu „Äh, ich habe einen PC…“. Kurze Pause bei dem Fragenden, kombiniert mit einer nicht ausgesprochen aber dennoch eindeutig vorhandenen, gedachten Frage „… ach?“. Schließlich hat ja von den 500 bis 600 Studenten (Stand nach drei Wochen Vorlesung – zu Beginn noch mehr als 700) im Hörsaal sicherlich kein anderer einen PC bei sich zu Hause stehen, was natürlich die gewisse Erhabenheit der Stimme bei der Aussage rechtfertigte.

Aber dem nicht genug, so war es ihm doch nicht zuwider, die umgebenden Mitstudenten während der Vorlesung mit Aussagen zu seinem eigenen Verständnis des Vorlesungsinhaltes zu belästigen: „Also, wenn da jetzt sowas steht wie ℤ/4ℤ [den Nicht-Mathematiker unter den Lesern, sei der Wikipedia-Artikel zu Restklassen nahegelegt], das verstehe ich ja mal überhaupt nicht.“ Nachdem es in der Vorlesung davor ausgiebig behandelt wurde, wohlgemerkt.

Dies war aber immer noch nicht die Krönung. Inzwischen war man mal wieder bei der Gruppentheorie und überprüfte, ob die Axiome einer Gruppe erfüllt sind. Jeder Mathematiker wird zustimmen, daß, nachdem die Grundlagen der Gruppentheorie viel früher geklärt wurde, die Frage „Und was ist eigentlich dieses c?“ sicherlich den Vogel abschießt.

Der Mann verließ auch weit vor dem Ende der Vorlesung (circa zur Halbzeit) die Vorlesung, und kam bei der nächsten Vorlesung eine ganze Stunde (!) zu spät. Man fragt sich doch, was der eigentlich will.

P.S.: Am Freitag kam er zu spät in die Vorlesung, baute seinen LAptop auf, photographierte (!) die bisherige Mitschrift eines anderen ab, kopierte sie auf seinen Laptop…. UND SCHRIEB SIE DANN VOM LAPTOP ab. Natürlich hat er den Rest der Vorlesung nicht mehr weiter mitgeschrieben oder gar zugehört. (Daß er seinen MSN Messenger anwarf war natürlich auch interessant…)

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

2 Gedanken zu „Interessante Kommilitonen“

Kommentar verfassen