Demokratischer Alltag

Was so alles passiert, wenn man in einem Haushalt lebt, der der Regierung fröhnt.

Es begab sich eines Mittags in einem unscheinbaren Haus eines großstädtlichem Vorortes. Es ist ein schönes Einfamilienhaus mit Garten, der sich fast bis zur Straßenbahnlinie etwas weiter bergab erstreckt. Hinter dem Haus wird eine eher dunkle Terasse mit Gartenblick von einer Pergula überdeckt, welche sich am Haus vorbei um die Ecke fortsetzt. Das Holzdach, welches eine Art Brücke zum Nachbarhaus schließt, beherbergt zwei Automobile, beide von Volkswagen. Im Gegensatz zum bäuerlichen Stil des schönen Einfamilienhauses ist das angebrückte Nachbarhaus – essentiell ein Haus, das sich auf Holz für die Struktur und Glas für die Wände stützt – eher das postmoderne Gegenstück, wenn auch trotzdem Einfamilienhaus.

Nehme man sich nun die Familie dieser beiden Grundstücke, und stelle sie in Berufsgruppen zueinander. Zum einen hätten wir da eine Repräsentation der Gruppe Schüler, gestellt durch die beiden Sprößlinge der toscanischen Postmoderne. Als absolute Minderheitengruppen hätten wir die Vertretungen der Studenten und der Hausfrauen, beide jeweils allein darstehend; diese werden vom bäuerlichen Haus großzügig spendiert. Und dann gibt es die dritte und letzte Gruppe, welche mit vier Personen genau die Hälfte der Bewohner einnimmt: der öffentliche Dienst.

Wollen wir uns doch mal näher damit beschäftigen; aufgrund der Aufteilung nehmen wir die Familie des bäuerlichen Hauses, wo die Aufteilung zwischen dem öffentlichen Dienst und den akademisch beziehungsweise privat tätigen auch im Verhältnis eins zu eins steht.

Man stelle sich, so man denn will, einen der beiden öffentlich Bediensteten vor: ein junger Mann, der bald sein 28tes Lebensjahr vollendet, steht verlorenen in seinem Zimmer, und begutachtet die Unordnung um sich herum, die er als Nicht-Beamter zu pflegen hegt. Irgendwo in diesem Wusel, das weiß er, steckt das kleine, rote Büchlein, welches er schon verzweifelt sucht. Deswegen stürzt er sich wieder auf die Suche.

Blenden wir um und schauen ein Stockwerk tiefer, wo die Vertreter der nicht-öffentlichen Partei gerade die Ernährung beratschlagen – ihre Aufgabe, da schließlich sonst niemand in dem Haushalt dafür gewissenhaft die Verantwortung übernehmen kann (oder überlassen bekommt). Im Sinne der Ökonomie wird entschieden, vorhande Vorräte zu tilgen, und man macht sich zu Gange.

Betrachten wir wieder die Szene unseres hilflosen Arztes, der immer noch sein rotes Büchlein sucht, und es einfach nicht findet. In seiner leichten und abgehobenen erhabenen Art sängelt er vor sich hin:

„Oh Du Büchlein, ach mein rotes Büchlein / wo magst Du denn bloß versteckt sein?“

Während des trancehaften Tanzes des Träumers, derweil, ist eine schwarze Gestalt in der Tür aufgetaucht, und begutachtet an den Türrahmen lehnend die Szene, die sich vor ihr entfaltet. Ein kurzer Rückblick in die Kindheit der Person läßt sie die Darbietung mit dem Tanz eines rosarot gekleideten Mädchens im Labor ihres kleinen überintelligenten Bruders vergleichen, nur das in diesem Falle das Mädchen und der Bruder eine Person sind – und der Bruder älter.

Wahrhaft wortlos, aber mit einer in der Geste liegenden unerschütterbaren Gelassenheit, streckt die Gestalt einen Arm aus, dessen Ende eine Schüssel mit nicht ganz festem, aber auch nicht ganz flüßigem Inhalt bekrippt. In einer Pause des rituellen Zerstörungstanzes des Arztes schwebt dieser zu der Gestalt rüber, fast engelsgleich, wenn auch, zum Nachteil des Tanzes, aber zum Vorteil der strukturellen Integrität des Hauses, ohne jegliche Flügelschläge. In einer grazilen verbeugenden Bewegung entnimmt er den Behälter, als wäre es der mit Ambrosia gefüllte heilige Gral, dem Griff des Armes, und bedankt sich für die Überbringung des Nachtisches.

„Wer ein gutes Mahl errungen / der mische seinen Jubel ein!
Ja wer auch nur eine Speise / sich schiebt in den Engelsmund / und wer’s nicht gekonnt der stehle / weinend sich aus diesem Bund!“

Ein leichtes Brummen entbrach der schwarzen Türrahmendekoration. „Die Abschiebungspolitik des Bundes auf Erwerbslose erweitern, wäre wohl sicher ein Weg aus dieser Chose.“

Entgegen der allgemeinen Meinung von Spielfilmregisseuren ist das Geräusch einer auf dem Boden aufschlagenden Glasschale nicht „klirr“, sondern ähnelt eher dem dumpfen Ton, den man bekommt, wenn die eigene Handfläche Kontakt mit der Stirn erhält. Zumindest dann, wenn der Raum mit Teppich ausgelegt ist.

„Oh Bruderherz / was sagst Du gar schreckliche Sachen / sowas darf man doch nicht machen!
Aber was noch viel schlimmer ist, o Mutterskind / ist, dass ich mein rotes Büchlein nicht mehr find!“

Die Gestalt verzog ihr Gesicht zu einem maliziösen Grinsen, nicht aus Mißwollen gegenüber des Engels in Weiß, nein, sondern vielmehr aufgrund der Vorstellung, welches Schicksal dem roten Büchlein widerfahren sein könne. Die Hände tief im roten Bart vergraben und kraulend äußerte sie sich nach einer langen Zeit, und sprach: „Humm, humm. Da gibt es wohl nur eine Möglichkeit, auch wenn sie Dir gar nicht wird gefallen; es befindet sich nicht mehr in Freiheit, sondern wurd von den Schwarzen gefangen!“

„Von den Schwarzen! Oh nein! Den Schwarzen, den Schwarzen! Alles ist verloren, wir sind gebrochen im Herzen! Das rote Büchlein ist entwendet, es wurde vom Feind entfremdet!“

„So beruhige Dich, oh Engel, sonst hören sie noch, wie Du grunzt! Schau an, es leidet schon Deine Reimeskunst! Wir haben nur eine Wahl, wenn wir gewinnen wollen, und das ist die Schwarzen zu besiegen, diese Ollen!“ Sprach’s, und die schwarze Gestalt zog ein Schwert hervor, schwarz und gebogen, ganz matt, ganz scharf.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, aber mit einem langen Seufzer, griff der Engel blindlings in die Unordnung, und zog hervor ein güldnes Schwert aus dem Müll, welches im Griff der grazilen Hände sofort von Flammen umhüllt wurde: ein Schwert, sie alle zu schneiden.

Und so brachen unsere mutigen beiden Helden zu einem Kreuzzug in die Lande der Schwarzen auf, um das geheiligte rote Büchlein aus ihrem Besitz zu holen. Die Schwarzen, erstaunt von der Schwarzheit eines ihrer Angreifer und geblendet vom Strahlen des anderen, fielen leicht den Hieben der Klingen zum Opfer.

Als der letzte Feind gefällt, der letzte Fluß getränkt mit Blut, und die letzte heilige Handgranate verbraucht war, merkte man, dass man sich von den Toten keine Hinweise erkaufen kann. Und so strichen sie weiter durch die Lande, immer noch auf der Suche nach dem roten Büchlein, bis sie einen verweisten Opferalter an die Feuergötten Lekrem fanden; und dort, so ward es geschrieben, fanden sie das rote Buch, unbeschädigt von der Zeit und den Feinden.

P.S.: Bei der Erstellung dieser Geschichte wurde warscheinlich sehr viele künstlerische Freiheit angewandt; Quellen zu Folge seien die Ereignisse, wie sie hier niedergeschrieben sind, einfach nicht zu belegen. Ein bekannter Forscher, der durch diese These jedoch in Deskredit geriet, behauptete, daß diese Erzählung auf folgendem Dialog beruht:

K.: „Hast Du mein Parteibuch gesehen?“
T.: „Es fehlt?“
K.: „Ja. Ich glaube schon fast, daß Mama es irgendwo versteckt oder verbrannt hat. Und dabei ist der Gerd bald in Bonn!“
T.: „Mhm, das wäre dann wohl Wahlkampfmanipulation durch Wähler der Union, hm?“

P.P.S.: Bei der Entstehung dieses Beitrages wurde weder Tetrahydrocannabinol noch Lysergsäurediethylamid verwendet.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

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