Klingeltöne reloaded

Die nächste Stufe des Klingeltonterrors.

Jeder, der in Städten mit einem brauchbarem öffentlichen Personennahverkehrssystem wohnt, wird sicherlich schon öfters mit Jugendlichen in Kontakt gekommen sein. Dies ist generell ein Erlebnis, welches man eher vermeiden möchten.
So sitzt man also vorne in der Straßenbahn, es ist wunderbar, eine schöne Ruhe liegt über den leeren Sitzen, und man selber schmökert gemütlich in einem Buch (zum Beispiel Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch), während man sich dieser herrlichen Momente des Lebens erfreut. Aber es kommt, wie es kommen muss: bei der nächsten Station steigt auf einmal lauter, nerviger Pöbel in die Bahn und belegt den vorher wunderbar leeren Wagen, dabei die Luft mit ihrem lautstärken Müll verpestend.
Das ist noch nicht so schlimm; der geübte sozial Herausgeforderte [laut Matthias wird sowas mit ’sozhergefordert‘ abgekürzt, yours truly hingegen benutzt lieber das Akronym ’s-h‘] kann das Gelaber, Gegrunze und Atmen der anderen effektiv ausblenden, so dass er davon nicht weiter gestört wird. Dennoch hat man dann nicht die selbe Runde wie in einer leeren Bahn.

In solchen Momenten passiert natürlich das noch Unfassbarere.

Man stelle sich vor:
Straßenbahn Linie 18, stadteinwärts unterwegs. An der Haltestelle Sülzburgstraße steigen drei „Mädchen“ ein – ich bin geneigt, sie als Tussis zu bezeichnen, ganz im Sinne von Arminius‘ Thusnelda. An sich ist das nicht weiter bemerkenswert, doch mit dem Einstieg des letzten Tüsschens beginnt sich seltsame, orientalisch angehauchte Luftverschmutzung das Innere der Straßenbahn zu beschallen. Zu meinem Glück bestand zu keiner Zeit Verwechslungsgefahr mit einem gewissen afghanischen Wecker, dessen Musik mir nie wieder aus dem Kopf gehen wird. Falls dem doch so gewesen wäre, hätte ich mich wohl schreiend aus der Bahn geflüchtet.
Dennoch war es unmöglich: nach einem kurzen Wahrnehmungsaussetzer entdeckte ich den Ursprung des Lärms: er kam aus der Handtasche von Tussi #3. Damit war auch die grässlich schlechte Qualität zu erklären: der Lärm wurde von dem Mobiltelefon unserer geistig minderbemittelten Antagonisten produziert.
Natürlich hörte das nicht auf – das Lied lief bis zu seinem Ende durch, während sich unsere Tussis noch lauter unterhalten haben, um die Lautstärke der Musik zu übertönen.
Als ich am Eifelwall ausstieg, war das Lied vorbei, aber die Mädchen stritten sich lautstark, und zwar so, dass ich beim Gang aus der Bahn noch ein gar entzückendes neues Beispiel für den eigenwilligen Slang dieser Geschöpfe hörte:
„Isch schwör“ – bis hierhin noch alles bekannt – „auf Koran, Alde!“

Amen.

Natürlich verblasst diese Leistung im Gegensatz zu dem, was die Rechten mal wieder anstellen. Faschos haben doofe Ohren.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

2 Gedanken zu „Klingeltöne reloaded“

  1. Ja, amen.

    Was mich an eine Gegebenheit vor einigen Jahren in einem McDonals Restaurant erinnert. Da kam ebenfalls ein Trupp Jugendlicher (um nicht zu sagen fast noch Kinder) lautstark herein. An sich bei einem McD ja nichts ungewöhnliches. Was ich jedoch etwas befremdlich fand war die Aussage „Alder, isch schwör – auf meien Mutter und meine Socken!“ der Gruppentussie.
    Dazu fiel mir echt nix mehr ein. Ausser das sie ihre Socken sehr lieben muss…

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