Das Problem mit der Scheiße

Ein Versuch, das Problem zu erklären, warum so viele Idioten bei der NPD landen.

Oder auch: der braune Vormarsch.

Im SPIEGEL dieser Woche wird sich mal wieder mit einem Problem beschäftigt, welches bei der Landtagswahl wieder aufgefallen ist: den Neonazis. Der Artikel im Spiegel heißt „NPD statt LSD“, und versucht, zu beschreiben, wie es möglich ist, dass kaum sechzig Jahre nach dem letzten Unfall sich die Jugend schon wieder in Richtung Rechtsextremismus lenkt.

Ein Satz Kinder dient als Eröffnung für den Artikel. Sie beschreiben, wie sie ja immer von den Ausländern geärgert werden, welche ihnen die Stellen wegnehmen, Drogen an Kinder verticken und – der Horror – ihnen ihre Frauen wegnehmen.

Eins vorweg: Ich will nicht bestreiten, dass es diese Probleme gibt. Was aber die meisten Leute dabei vergessen, ist, dass es diese Probleme genau so gut geben würde, wenn keine Ausländer in Deutschland wären. Wenn die Ausländer alles Deutsche wären, würden die ihnen genau so die Stellen wegnehmen — oder als Arbeitlose das Land oder dem Staat, je nachdem, Geld kosten — sowie Drogen an Kinder verkaufen. Und dass jemand die Freundin an einen anderen verliert ist ja wohl so mit einer der alltäglichsten Erscheinungen heutzutage.

Dennoch sind sie der Meinung, daran alles aufzuhängen. Wenn es keine Ausländer gäbe, wären’s dann halt die Menschen aus der Nachbarstadt, oder einer anderen Religion. Dann kommen wir wieder beim Antisemitismus an. Wunderbar. Und da man die Nachbarstadt nicht auf Basis des Nationalismus verfluchen kann, müsse halt mal wieder die „Bedrohung von Innen“ ran.

Laut dem SPIEGEL sei man da schon wieder gut drin:

Da hört sie schon mal solche Sätze über einen Unternehmer: „Ist ja klar, dass der reicht ist, der ist ja auch Jude.“ Und ein Kreuzberger Gymnasiast definierte: „Juden sind Menschen, die dafür Geld bekommen, dass ihre Eltern ermordert wurden.“

Ich frage mich immer noch, wie irgendwer zu einer so pietätlosen Stellungsnahme wie der letzten kommen konnte. Aus den Aussagen triefen nur so die erfundenen Vorurteile, welche der Antisemitismus in Deutschland sähte. Vermutlich wissen die Wenigsten der braunen Fraktion, dass das Judentum nur eine andere Religion ist.

Das führt zum Thema Aufklärung: auch wird bemängelt, dass diese „Unwissenheit vieler Schüler über den Nationalsozialismus […] fatale Folgen“ habe. Es wird so dargestellt, als würde jeder Schüler nicht genug Aufklärung bekommen.

Kontra. Die Schüler kriegen hinreichend viel eingebläut – jeder aktuellere Schüler wird sicherlich Lieder über das Thema „Weimarer Republik“ und „Drittes Reich“ klagen können, denn der gemeine Gymnasiast beschäftigt sich mit dem Thema sehr intensiv – über den Zustand an den anderen Schulformen vermag ich jedoch nichts zu sagen. Die Crux der Sache: die Schüler lernen es nicht. Man sieht es doch überall: exzessive Verblödung der Jugend, welche sich schon von den einfachsten Aufgaben überfordert fühlt, und ein Bildungssystem, was das alles nicht auffangen kann.

So sieht man Lehrer, die verzweifelt versuchen, mit neuen pädagogischen Maßnahmen der unfähigen Schüler Herr zu werden. Wenn sie es nicht schaffen, kommen die Schüler trotzdem weiter – something is rotten in the state of Germany. Und genau da liegt es auch mit der Verbreitung des Nationalsozialismus: Schindlers Liste ist jedem ein Begriff, aber man schaut lieber Filme wie Saving Private Ryan und Band of Brothers, weil es dort kräftiger knallt. Und dann wird über oft vollkommen absurde und seltsame Deutsche gelacht, und alle finden das toll.

Sowas kommt dann auch im Unterricht vor, und das ist schlecht. Und zu Hause haben die Eltern die DVDs, und wissen überhaupt nicht, was sie mit ihrem Kind anfangen sollen, und im Versuch, möglichst liberale Eltern zu sein, verkorksen sie so ziemlich alles. Und wenn das Kind dann schon verblödet, dann ist die ausländerfeindliche Einstellung nicht mehr fern.

Und hier setzt das nächste Problem, der „Dorffaschismus“ ein: die Kernfraktion der Rechten macht genau das, was es heute in der Welt von Fernseher und Computer nur noch schwindend gibt: Beschäftigung und Unterhaltung. Mal ehrlich: wer veranstaltet heute noch Aktionen für Kinder von der Pubertät an aufwärts? Die Jugendfreizeit vom DRK oder von der Kirche haben so eine maximale Audienz von zwölf bis vierzehn, und wenn das Kind sich dann langweilt, da kann es doch nicht so böse sein, wenn man sich diesem neuen Modetrend anschliesst, wo doch der Martin und der Peter auch schon bei sind.

In anderen Worten: im ganzen Zug der Umstellung zu einer medialen Welt, die das meiste für jeden bieten will, vergisst man, dass es auch Kinder gibt. Bei Arbeitslosigkeit, Hartz IV und Wirtschaftsstagnation sollten Eltern trotzdem darauf achten, dass das, was heute Abend im Fernsehen läuft, nicht wichtiger ist als ihr Kind. Selbst wenn man dem Kind seine Freiheit gewähren will: man muss sicher sein, dass es mit der Freiheit auch umgehen kann.

Ceterum censeo NPD esse delendam.

Autor: Tobias Wolter

Der Autor dieses Blogs fällt in die Kategorie jener seltsamen Menschen, die viel zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, und ist somit auch in sozialer Hinsicht etwas anders gepolt als die meisten Menschen in dieser schönen neuen Welt, welche seine Heimat darstellt — daher auch der Titel des Blogs. Ganz dem Cliché folgend hat sich der Autor im Lauf seines Lebens schon einigen seltsamen Entscheidungen hingegeben, welche nicht ganz zeitgemäß scheinen, zum Beispiel den Verzicht auf eine gute Abiturnote zu Gunsten der eigenen Freizeit, die Ableistung des Wehrdienstes bei der Bundeswehr, im Gegensatz zur Annahme der Fluchtmöglichkeiten des Wehrersatzdienstes, und dem Studium der Mathematik an der Universität zu Köln. Zu finden ist er derzeit in Hürth bei Köln, wo er es immer noch nicht geschafft hat, durch exzessives Verlinken der Wikipedia sich sponsorn zu lassen.

5 Gedanken zu „Das Problem mit der Scheiße“

  1. Ich stimme dir fast völlig zu. Möglicherweise ist aber der Unterricht, den es in den anderen Schulformen neben dem Gymnasium gibt, tatsächlich nicht ausreichend. Schließlich haben die auch deutlich weniger Zeit um auch noch Geschichte zu vermitteln. Das kam mir ja schon am Gymnasium viel zu kurz.

    Dass die Eltern einen gehörigen Anteil an dem Problem haben, denke ich auch. Wer selbst nicht einmal weiß, dass das Judentum nicht mehr und nicht weniger als eine Religion und nun wirklich kein Volk oder sonstwas ist, kann wohl kaum anständig so etwas wie Toleranz vermitteln.

    So wie ich aus dem Artikel entnommen habe, geht es aber noch um deutlich mehr als um bloße Unwissenheit. Diese neue Entwicklung wird als „Protest gegen das bürgerliche Lager im Westen – die Auflehnung an sich“ bezeichnet. Vielleicht geht es also weniger um tatsächliche Ausländerfeindlichkeit mit Überzeugung als vielmehr um den Zusammenhalt, den die Rechten Gruppen ihren Mitgliedern geben und die simple und auch für Ungebildete leicht zu verstehende Message („Ausländer raus!“), die sie zusammenhält.

    Vielleicht sollte ich dazu lieber selbst noch etwas bloggen. Der Kommentar wird sonst zu lang. :)

  2. So wie ich das sehe, ist es aber der Drang der Menschen nach der einfachen Erklärung, nach Schwarz und Weiß in einer Welt aus vielen Grautönen. Das sind zum Teil die selben Leute, die früher der SED nachgelaufen sind.

    Was die jüdische Existenz in Deutschland angeht, so lange es Kirche gibt, wird es wohl auch christlich motivierten Antisemitismus geben. Stichwort „Banalität des Bösen“

  3. Der Unterricht zum Thema ist nicht ausreichend. Schüler mit einer Flut an Fakten zu überschütten führt nicht in magischer Weise zu automatischer Sensibilisierung. Statt das Greuel zu vermitteln, bringt man die Leute so jedenfalls nur dazu, sehr schnell abzuschalten zu lernen, wenn es mal wieder um dieses Thema geht. 10.000.000 Tote sind nichts weiter als eine Statistik. Gespräche mit Zeitzeugen wären ein probates Antidot, aber von denen gibt es ja immer weniger; Besuche einschlägiger Geschichtsorte ebenso, aber für Ausflüge müssen das Geld, die Zeit und der Lehrerstab auch reichen.

  4. In einer funktionierenden Volksgemeinschaft ist der Bedarf an Drogen eher gering.

    In einer Volkswirtschaft die für das Volk und nicht für den Shareholder arbeitet, gibt es keine Arbeitslosigkeit !!!

    Das Problem liegt bei den Lobby-Politikern und nicht beim Volk!!!

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