20. April 2005: Unsinnige Migrationsmuster

Es ist manch­mal schon erstaun­lich, wie unge­heuer unge­schickt sich man­che Men­schen anstel­len, wenn es darum geht, sich durch die Welt zu bewe­gen. Wer von uns wurde nicht schon mal von einem .. älte­ren Mit­bür­ger ange­flaunt, weil man ihn abge­rem­pelt hat, und man sollte doch bitte mal etwas mehr Rück­sicht neh­men, diese unver­schämte Jugend von Heute?

Mein Vor­schlag: nicht irgendwo mit­ten in der Gegend plötz­lich ste­hen blei­ben, beson­ders dann nicht, wenn viele Leute in der Gegend sind. Im Ver­kehr nennt man sowas dann “Auf­fahr­un­fall”, und da ist nicht auto­ma­gisch der jün­gere Auto­fah­rer Schuld, son­dern oft der Tat­ter­greis, der schon längst den Füh­rer­schein, sei­nes­zei­ten noch erwor­ben mit Unter­schrift des Füh­rers, hätte abge­ben sollen.

Des­we­gen mal ein klei­nes Frage-​​Antwort-​​Spielchen:
Gege­ben sei die Situa­tion, dass aus einer Bahn eine Menge von Men­schen *M* aus­stei­gen; *M* befin­det sich nach dem Aus­stei­gen am Punkt x0. Der Ein­fach­heit hal­ber defi­nie­ren wir, dass die Hal­te­stelle der Bahn nur einen Aus­gang bei x1 hat, und somit die Menge M sich von x0 nach x1 bewe­gen will.

Seien a,b ∈ *M* und neh­men wir des­wei­te­ren an, dass a und b sich beim Aus­stei­gen aus der Bahn ver­lo­ren haben und sich gerne wie­der zu einem Paar (a,b) zusam­men­schlie­ßen wür­den. Was wäre richtiger:

# a und b gehen an den Rand des Weges, und hal­ten sich nicht mehr auf der Stre­cke x0x1 auf, um sich dort dann wie­der zusam­men­zu­schlie­ßen.
# a (oder b) bleibt spon­tan inmit­ten von *M* auf dem Weg nach x1 ste­hen und dreht sich um, um nach dem Part­ner zu schauen — im Ide­al­falle sollte dies an einer Eng­stelle *E* gesche­hen, wo die Menge *M* sich wegen der Blo­ckie­rung stauen müßte.

Der gescheite Leser weiss natür­lich, dass man, um nicht den Fluß von *M* nach x1 zu behin­dern, Option 1 wahr­neh­men sollte, da diese sich zusätz­lich auch in der Wie­der­fin­dung des Part­ners als effek­ti­ver gestaltet.

Schein­bar denkt nicht jeder so.

Auch sehr schön zu beob­ach­ten ist die­ser Effekt in einem ande­rem Kon­text: _​Supermärkte_​. Mein per­sön­li­cher Hor­ror. Man sieht förm­lich noch die “Oooh! *Shiny!*”-Reaktion in den Köp­fen der Leute, die auf ein­mal plötz­lich mit­ten auf dem Gang anhal­ten, kurz bevor man in sie her­ein­rennt. Rich­tig schön schaf­fen es einige Leute, so ste­hen zu blei­ben, dass die gesam­mel­ten Ein­kaufs­wa­gen ähnlich ste­hen­der Indi­vi­dueen (oder, eher, kol­lek­tiv Gleich­ge­schal­te­ten..) den gesam­ten Gang blo­ckie­ren. Für Bonus­punkte soll­ten die Ein­kaufs­wa­gen dann mit einem ein­zel­nen Gegen­stand bela­den und offen­sicht­lich in Rich­tung Kasse unter­wegs sein.

Und gerade bei einer Volks­gruppe, die man für rela­tiv intel­li­gent hal­ten sollte, sieht man auch sehr viel Anlei­hen von extrems­ter Ver­dum­mung (wobei die Leute, die diese Feh­ler bege­hen, größ­ten­teils BWLer zu sein schei­nen): _​Studenten_​.
Die­ses halbe detes­tie­rende Spuck-​​Gefühl, was beim Lesen des letz­ten Sat­zes auf­kommt, mag zwar ver­wir­rend sein, da ich sel­ber Stu­dent bin, aber nichts desto trotz erschließt sich mir doch manch­mal die typi­sche Unterschicht-​​Kritik “Abitu­ri­en­ten kön­nen nichts”: es schein zu stim­men. Denn die meis­ten Leute gehen zwar nach einer Vor­le­sung ganz brav aus dem Saal, aber grup­pie­ren sich genau _​wo_​ zu grö­ße­ren Grup­pen zusam­men, die einem im Weg stehen?

Rich­tig: vor’m Ausgang.

Ich debat­tiere ja immer noch mit mir, ob das Ausgang-​​Blockieren eine geis­tig düm­mere Tat ist, als Ver­su­chen, wäh­rend einer offen­bar noch lau­fen­den Vor­le­sun­gen (Stimme des Pro­fes­sors über Laut­spre­cher deut­lich ver­nehm­bar) in den Hör­saal zu stür­men, um sich dort für die kom­mende Vor­le­sung einen Platz zu reser­vie­ren. Circa ein Pro­zent so vor­ge­hen­den schei­nen offen­bar wirk­lich die Dreis­tig­keit zu besit­zen, sich dann auch in die Vor­le­sun­gen hin­ein­zu­set­zen, aber im All­ge­mei­nen sieht man die kurz zuvor Ein­ge­tre­te­nen wie­der aus­tre­ten, nach­dem sie sich offen­bar mit allen ihren noch funk­tio­nie­ren­den Sin­nen — sofern vor­han­den — davon über­zeugt haben, dass _​tatsächlich_​ noch eine Vor­le­sung im Gange ist, wel­che auch _​nicht_​ ihre ist (man merke, dass die­ses Ver­hal­ten schon 45 Minu­ten vor dem eigent­li­chen Beginn der Vor­le­sung ein­setzt) und man sich _​nicht_​ hin­set­zen kann.

Manch­mal, nur manch­mal, wünschte ich, dass Selbst­jus­tiz für Idio­tie nicht so pro­ble­ma­tisch im recht­li­chen wäre.

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