17. April 2005: Der Spass mit Ubuntu

Oder auch: Schlamm­schlach­ten im Debian-​​Lager.

Es begab sich zu einer Zeit, da enstand eine (wei­tere) Bewe­gung inner­halb einer Linux-Distribution namens Debian GNU/Linux (Wikipedia-Artikel). Diese Bewe­gung war mit der aktu­el­len Lage der Dis­tri­bu­tion unzu­frie­den, und wünschte sich, daran was zu ändern. Aus die­ser Bewe­gung wurde letzt­end­lich eine neue Dis­tru­bi­tion, die sich Ubuntu Linux (Wikipedia-Artikel) nannte. Diese setzte sich vor allem mit der Unter­stüt­zung der Firma Canonical Ltd. des soge­nann­ten “Weltraum-​​Touristen” Mark Shuttleworth bes­ser durch als andere Pro­jekte und eta­blierte sich zu einer ernst­zu­neh­men­den Alter­na­tive. Die Haupt­kri­tik­punkte der Ubuntu-​​Entwickler an Debian sind:

  • Eine schlechte Hand­lung von Relea­ses: laut Ubuntu hat Debian das Pro­blem, dass ein auf kom­plet­ter Frei­wil­li­gen­ar­beit basie­ren­der Ver­ein sich schwer daran tut, zeit­lich vor­her­seh­bare und kon­ti­nu­ier­li­che Aktua­li­sie­run­gen der Dis­tri­bu­tion bereitzustellen.
  • Pro­bleme mit der Aktua­li­tät: als Folge des Release-​​Problems besteht der Umstand, dass man rela­tiv aktu­elle Ver­sio­nen von Soft­ware nur aus der als “unsta­bil” klas­si­fi­zier­ten Unter­dis­tri­bu­tion von Debian bezie­hen kann; hierzu jedoch bie­tet Debian wegen der Natur die­ser Pakete kei­nen beson­de­ren Sicher­heits­ak­tua­li­sie­run­gen an; als Benut­zer der unsta­bi­len Dis­tri­bu­tion hat man also frü­hes­tens (eine ent­spre­chend schnelle Hand­lung der für das Soft­ware­pa­ket ver­ant­wort­li­chen Per­son vor­aus­ge­setzt) bei der nächs­ten Aktua­li­sie­rung der Unter­dis­tri­bu­tion (zwi­schen neun und zehn Uhr deut­scher Orts­zeit) Zugriff auf eine siche­rere Version.

Eine der Tak­ti­ken, wie Ubuntu ver­sucht, einen sol­chen per­so­nel­len Auf­wand auf­recht zu erhal­ten, ist ein nicht wirk­lich neuer Ansatz in unse­rer Welt: man zahlt den Leu­ten genug Geld, dass sie sich haupt­be­ruf­lich mit Ubuntu beschäf­ti­gen kön­nen. Man nimmt sich also ein oder zwei hand­voll Ent­wick­ler von Debian, die bereit sind, sich von Cano­ni­cal dazu enga­gie­ren zu las­sen, ihre Zeit der Ent­wick­lung des Ubuntu-​​Projektes zu widmen.

Dies scheint rela­tiv gut zu funk­tio­nie­ren, und vor kur­zem erst wurde der zweite Release von Ubuntu der Welt zur Ver­fü­gung gestellt; kom­plett mit kos­ten­lo­ser Zulie­fe­rung von kos­ten­freien gepress­ten Ubuntu-​​CDs — Linux für Jeder­mann, “ubuntu”, sozusagen.

»Das Wort Ubuntu kommt aus den Spra­chen der Zulu und der Xhosa. Es steht für “Mensch­lich­keit” und “Gemein­sinn”, aber auch für den Glau­ben an ein “uni­ver­sel­les Band des Tei­lens, das alles Mensch­li­che ver­bin­det”.« (Wikipedia)

Nur gibt es bei der gan­zen Geschichte ein Pro­blem: Debian.
Oder, um es genauer zu fas­sen: nicht Debian im All­ge­mei­nen, son­dern Ein­zel­per­so­nen aus den Rei­hen der Debian-​​Entwickler.

Diese füh­len sich offen­bar davon ver­arscht, dass sie durch Ubuntu ein­fach “Leute ver­lie­ren”, und fin­den es ein­fach falsch, dass in ubuntu oft und schnell neue Ver­sio­nen von Pake­ten erschei­nen, wel­che in Debian schon seit einer Weile prak­tisch tot sind. Im all­ge­mei­nen baut sich eine ziem­li­che FUD–Ath­mo­sphäre bezüg­lich die­ser neuen Dis­tri­bu­tion auf.

So bezeich­nen man­che diese Dis­tri­bu­tion regel­mä­ßig als “Judas­Li­nux”, und beschwe­ren sich über die Inte­gri­tät von Debian-​​Entwicklern, die schein­bar nur noch für Ubuntu leben, und sich nicht mehr für “das Pro­jekt” ein­set­zen. Man geht sogar so weit, dass man plant, über ein Gene­ral­re­so­lu­tion (natür­lich bei Abstim­mung unter allen Debian-​​Entwicklern) gezielt Leute, die sich nur noch mit Ubuntu beschäf­ti­gen, auszuschließen.

Im End­ef­fekt scheint es sich jedoch auf ein ein­zi­ges Phä­no­men zu redu­zie­ren: Fut­ter­neid. Zu den größ­ten Mecke­rern zäh­len Men­schen, die schon frü­her ähnli­che Pro­jekte ver­sucht haben, jedoch daran schei­ter­ten und/​oder denen Ubuntu ein­fach zuvor­ge­kom­men ist. Dazu kommt noch, dass es nun auf ein­mal Leute gibt, die für das, was alle frü­her als Hobby gemacht haben, jetzt Geld bekom­men — sie arbei­ten dafür zwar auch mehr, aber sie bekom­men Geld. Dies wie­derum ist natür­lich ein Dorne im Fleisch vie­ler alt­ein­ge­ses­se­ner, die nicht ver­ste­hen kön­nen, warum denn gerade der Paul Mus­ter­mann (mein Bei­leid an alle, die wirk­lich so heis­sen) jetzt für seine Arbeit Geld bekommt, und sich natür­lich für viel bes­ser als jener geeig­net halten.

Und so endet es in einer gro­ßen Schlamm­schlacht in den Dis­kus­si­on­fo­ren und sons­ti­geng Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len, das Niveau gleicht der Argu­mente gleicht teil­weise einer Runde hoch­in­tel­li­gen­ter Kin­der im Sand­kas­ten. Natür­lich fal­len auch alles in allem ziem­lich gül­tige Punkte, jedoch ver­schwim­men diese unter der gro­ßen Hetz­welle manch ande­rer. Alles in allem betrach­tet will man, als Aus­sen­ste­hen­der, nur noch den Kopf schütteln.

Das Fazit, was ich ziehe: Füße hoch­le­gen und war­ten, was draus wird. Obwohl ich sel­ber noch akti­ver Nut­zer von Debian bin, hat Ubuntu momen­tan schein­bar die bes­se­ren Kar­ten. Mal sehen, ob ich skadi oder ob ich loki am Ende umrüs­ten muss.

2 Kommentare

  • HE 17. April 2005

    Viel­leicht sollte man ja noch erwäh­nen, dass Ubuntu in einer beson­ders kri­ti­schen Zeit ent­stan­den ist — Debian hat es seit dem Som­mer 2002 nicht geschafft, ein sta­bi­les Release zu pro­du­zie­ren. Natür­lich gibt es Pla­nun­gen für ein neues Release, die wer­den aber stän­dig durch (a) däm­li­che Deve­l­oper, die Mist bauen oder (b) Däm­li­che Admins, die Maschi­nen nicht am Lau­fen hal­ten oder © sinn­lose Philosophie-​​Diskussionen zum Thema Frei­heit tor­pe­diert.
    Ubuntu hat dage­gen inner­halb von 10 Mona­ten 2 voll­stän­dige, funk­tio­nie­rende und über­zeu­gende Relea­ses auf die Stunde genau nach dem vor­ge­se­he­nen Plan produziert.

    Natür­lich wäre Ubuntu gar­nicht mög­lich ohne Debian, schließ­lich wird sehr viel ein­fach direkt über­nom­men:
     — Ein hüb­scher, gut über­setz­ter Instal­ler (Der neue debian-​​installer)
     — Das per­fekt funk­tio­nie­rende Paket-​​Management (dpkg und apt-​​get, bei­des Debian-​​Entwicklungen)
     — Sta­bile Infra­struk­tur (auf­bau­end auf dak, den Debian Archiv-​​Tools)
     — Das rie­sige Software-​​Angebot in Ubuntu (das im Prin­zip zum gro­ßen Teil nur aus Debian-​​Paketen besteht, die in der Ubuntu-​​Umgebung neu kom­pi­liert wer­den)
    Der “Ruhm” dafür geht an Ubuntu, die Arbeit wurde von Debian-​​Entwicklern geleis­tet.
    Das frus­triert diese natür­lich enorm, weil bei Ent­wick­lern von Freier Soft­ware immer wie­der ein “Schaut was ich kann, sehr her wie toll ich bin!” mit­schwingt — und durch das Umla­beln wird die Auf­merk­sam­keit natür­lich abge­lenkt. Wer das nicht ver­trägt, kann aber ver­mut­lich nicht mit der Ent­wick­lung Freier Soft­ware glück­lich werden.

  • some1 1. Mai 2005

    Hin­zu­fü­gen sollte man auch noch, das der Unmut auf der Debi­an­seite auch dadurch ent­steht, das gerade die Leute die für Debian-​​infrastruktur zustän­dig sind, nun von Ubuntu bezahlt werden.

    Diese Leute geben sich nicht die aller­grösste Mühe die Blo­cking­points von Debian (secu­rity, auto­buil­der, neue Pakete, PGP-​​Keys) zu behe­ben, indem sie zurück­tre­ten oder wenigs­tens zulas­sen das sich der Kreis der Ver­ant­wort­li­chen ver­grös­sert. Sie sit­zen auf den Funk­tio­nen und spie­len Sin­gle Point of Failure. Teil­weise ver­gös­sern sie die Pro­bleme noch, wenn plötz­lich Auto­buil­der nach mona­te­lan­gen Betrieb abge­lehnt wer­den, nur weil der Main­tai­ner der Auto­buil­der bis­her nicht Debian-​​Developer ist (weil er vom Debi­a­nAc­count­Ma­na­ger nach Durch­lauf aller ande­ren Hür­den abge­lehnt wurde.)

    So etwas riecht schnell nach Sabo­tage. Lei­der ist die Debi­an­lei­tung bis­her nicht wil­lens oder in der Lage diese Leute aus die­sen Posi­tio­nen zu ent­fer­nen. Die Angst das diese Leute bei einer offi­zi­el­len Ent­mach­tung ver­brannte Erde hin­ter­las­sen ist wohl zu gross.

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