28. Juni 2010: Die Bundespräsidentenwahl

In Deutsch­land gibt es viele Wah­len, die mit star­kem Wahl­kampf beglei­tet wer­den, denn bei fast all den Wah­len ist das Volk invol­viert. Das Volk, das weiß jeder Poli­ti­ker, ist arm und unter­be­lich­tet, und daher muss der Stift bei der Wahl am bes­ten mit der eige­nen Hand mit­ge­führt werden.

Dann, wie­derum, gibt es aber auch Wah­len, die rein gar nichts mit dem Volk zu tun haben, son­dern ein­zig und allein in der Poli­tik inter­es­sant sind. Abstim­mun­gen im Bun­des­tag, zum Bei­spiel, sind zwar eigent­lich keine Wah­len, aber im End­ef­fekt wird hier auch jedes Mal neu bestimmt, wer die poli­ti­sche Über­le­gen­heit hat.

Und dann gibt es noch tat­säch­li­che Wah­len, die weder das Volk betref­fen noch eigent­lich irgend­was mit der Poli­tik zu tun haben. Aku­tes Bei­spiel: Die Wahl eines neuen Bun­des­prä­si­den­ten. Da gibt es sogar ein eige­nes Gesetz für, das BPräsWahlG, kurz für das Gesetz über die Wahl des Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung.

Dies klingt nach einer extrem wich­ti­gen Wahl für das Land, denn immer­hin wird hier das Staats­ober­haupt bestimmt. Also schauen wir uns mal an, wel­che Anfor­de­run­gen an die Leute gestellt wer­den, die diese Per­son wählen.

Zum ers­ten Mal: die Bun­des­ver­samm­lung wählt den Bun­des­prä­si­den­ten. Die Bun­des­ver­samm­lung besteht aus allen Mit­glie­dern des Bun­des­ta­ges und ‘ner glei­chen Zahl Abge­ord­ne­ter der ein­zel­nen Län­der. Dabei hat jedes Land eine Zahl von Stim­men, die von sei­ner Ein­woh­ner­zahl abhän­gig ist.

Wen das Land dann schickt, daß darf das jewei­lige Lan­des­par­la­ment sel­ber aus­mau­scheln. Im Prin­zip wird da wirk­lich vor­ge­schla­gen und gewählt, in der Pra­xis bestimmt die Lan­des­re­gie­rung eine Liste, wo dann alle im Par­la­ment mal brav nicken. Das sollte man sich schon mal merken.

Soviel also zur Auf­stel­lung. Man sollte sich nun fra­gen: wel­che Pflich­ten haben die Wahl­leute? Müs­sen sie so wäh­len, wie ihre Par­tei es will? Auch dazu gibt das Gesetz Aus­kunft, näm­lich in §7 BPräs­WahlG:

Arti­kel 46, 47, 48 Abs. 2 des Grund­ge­set­zes fin­den auf die Mit­glie­der der Bun­des­ver­samm­lung ent­spre­chende Anwen­dung. Für Immu­ni­täts­an­ge­le­gen­hei­ten ist der Bun­des­tag zustän­dig; die vom Bun­des­tag oder sei­nem zustän­di­gen Aus­schuss erlas­se­nen Rege­lun­gen in Immu­ni­täts­an­ge­le­gen­hei­ten gel­ten ent­spre­chend. Die Mit­glie­der sind an Auf­träge und Wei­sun­gen nicht gebun­den.

[Vor­he­bung von mir.]

Zur Erläu­te­rung hier mal die erwähn­ten Grundgesetzartikel:

Art. 46 GG
  1. Ein Abge­ord­ne­ter darf zu kei­ner Zeit wegen sei­ner Abstim­mung oder wegen einer Äuße­rung, die er im Bun­des­tage oder in einem sei­ner Aus­schüsse getan hat, gericht­lich oder dienst­lich ver­folgt oder sonst außer­halb des Bun­des­ta­ges zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den. Dies gilt nicht für ver­leum­de­ri­sche Beleidigungen.
  2. Wegen einer mit Strafe bedroh­ten Hand­lung darf ein Abge­ord­ne­ter nur mit Geneh­mi­gung des Bun­des­ta­ges zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen oder ver­haf­tet wer­den, es sei denn, daß er bei Bege­hung der Tat oder im Laufe des fol­gen­den Tages fest­ge­nom­men wird.
  3. Die Geneh­mi­gung des Bun­des­ta­ges ist fer­ner bei jeder ande­ren Beschrän­kung der per­sön­li­chen Frei­heit eines Abge­ord­ne­ten oder zur Ein­lei­tung eines Ver­fah­rens gegen einen Abge­ord­ne­ten gemäß Arti­kel 18 erforderlich.
  4. Jedes Straf­ver­fah­ren und jedes Ver­fah­ren gemäß Arti­kel 18 gegen einen Abge­ord­ne­ten, jede Haft und jede sons­tige Beschrän­kung sei­ner per­sön­li­chen Frei­heit sind auf Ver­lan­gen des Bun­des­ta­ges auszusetzen.
Art. 47 GG
Die Abge­ord­ne­ten sind berech­tigt, über Per­so­nen, die ihnen in ihrer Eigen­schaft als Abge­ord­nete oder denen sie in die­ser Eigen­schaft Tat­sa­chen anver­traut haben, sowie über diese Tat­sa­chen selbst das Zeug­nis zu ver­wei­gern. Soweit die­ses Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht reicht, ist die Beschlag­nahme von Schrift­stü­cken unzulässig.

Art. 48(2) GG
Nie­mand darf gehin­dert wer­den, das Amt eines Abge­ord­ne­ten zu über­neh­men und aus­zu­üben. Eine Kün­di­gung oder Ent­las­sung aus die­sem Grunde ist unzulässig.

Was dies also heisst: jeder soll wäh­len, wie er denn will, und sich von nichts beein­flus­sen las­sen, auch nicht dem Druck aus der Partei.

Soweit die Theorie.

In der Pra­xis sieht das ganze lei­der schon ganz anders aus. Bei der aktu­el­len Wahl wer­den Kan­di­da­ten nicht als Ein­zel­no­mi­nie­run­gen gese­hen, so viel­leicht mit dem Gedan­ken, daß man die Per­son für ihre Leis­tung an der Bun­des­re­pu­blik mit dem Pos­ten des Prä­si­den­ten belohnt — von Leu­ten, die unpar­tei­isch sind und der Auf­gabe würdig.

Bei der aktu­el­len Wahl sind Kan­di­da­ten Par­tei­kan­di­da­ten. Jede Par­tei stellt einen vor, und sam­melt sich hin­ter einem Ban­ner von par­tei­po­li­ti­schen Fun­da­men­ta­lis­ten, die die Wahl des eige­nen Kan­di­da­ten quasi schon ver­schrei­ben. Denn wer den eige­nen Kan­di­da­ten nicht wählt, der wird ver­sucht, unschäd­lich zum Machen. Zum Bei­spiel Dagmar Schipanski, wel­che als Lan­des­ab­ge­ord­nete der Thü­rin­ger CDU auf der Liste der Leute stand, die zur Bun­des­ver­samm­lung geschickt wer­den sollte. Nun aber hat Schipan­ski sich pro-​​Gauck aus­ge­spro­chen, also für “den ande­ren” Kan­di­da­ten, und siehe da, schon beför­dert sie Lan­des­re­gie­rung sie von der Liste. Und wehe, noch irgend­wer anders muckt.

Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten kann man das Wäh­len natür­lich nicht ver­bie­ten, von daher wer­den öffent­li­che Dis­sen­ten momen­tan zu Gesprä­chen bei ihren Vor­ge­setz­ten ein­ge­la­den. Dort fin­det dann ein Mei­nungs­aus­tausch statt, und zurück kommt eine par­tei­treute Wahlperson.

Ein Mei­nungs­aus­tausch ist, wenn ein Beam­ter mit sei­ner Mei­nung zu sei­nem Vor­ge­setz­ten geht und mit des­sen Mei­nung zurück­kommt.
And­rej Gro­myko, rus­si­scher Poli­ti­ker

Der Vor­sit­zende der Senioren-​​Union NRW, Leon­hard Kuck­art, meint — laut Spie­gel — “Wer sagt, dass Wahl­män­ner unab­hän­gig sind, der irrt”. Anders als beim Spie­gel, in dem ihm eine Leug­nung von §7 BPräs­WahlG unter­stellt wird, sehe ich seine Aus­sage als Dar­stel­lung der Tat­sa­chen: Wahl­leute sind auf dem Papier frei, aber wehe, sie beken­nen sich öffent­lich dazu. Der Spiegel-​​Artikel (Spie­gel 26 /​ 2010) deu­tet auch an, daß gewisse Dro­hun­gen gefal­len seien: Man müsse an die Kon­se­quen­zen den­ken, mahnte die Frak­ti­ons­füh­rung auf einem Tref­fen mit den ost­deut­schen Par­la­men­ta­ri­ern in der Woche nach Wulffs Kandidatur.

Aber das ist natür­lich nicht genug der Farce. Statt ein­fach nur drei Kan­di­da­ten zu nen­nen, die der Par­tei ent­spre­chen, sind, bis auf Joa­chim Gauck, die alle auch nur grenz­wer­tig geeig­net gemäß der Vor­aus­set­zun­gen an den Bun­des­prä­si­den­ten. Was näm­lich gefor­dert wird, laut Art. 55(1) GG:

Der Bun­des­prä­si­dent darf weder der Regie­rung noch einer gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaft des Bun­des oder eines Lan­des angehören.

Der Kan­di­dat der Union, Chris­tian Wulff, ist momen­tan sogar noch Minis­ter­prä­si­dent des Lan­des Nie­der­sach­sens. Damit ist er Teil einer gesetz­ge­ben­den Kör­per­schat eines Lan­des! Wulff ver­spricht zwar, sofort als Minis­ter­prä­si­dent zurück­zu­tre­ten, sobald er gewählt würde, aber der Geist des Geset­zes, daß man jeman­den vor­schla­gen sollte, der gefäl­ligst nichts aus der akti­ven Poli­tik kommt, wird hier bla­tant verletzt.

So gut gewählt ein Kan­di­dat wie Joa­chim Gauck auch sein mag, seine klas­si­sche Eig­nung zum Bun­des­prä­si­den­ten ist eher zufäl­lig. Der SPD und den Grü­nen gefiel Gauck vor allem, weil er auch Stim­men von den Kon­ser­va­ti­ven ein­sam­meln würde, und somit ein idea­ler Gegen­kan­di­dat gegen alles sei, was die Koali­tion vorlegt.

Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand wird inzwi­schen geflüs­tert, daß es ein wei­te­res Zei­chen der Schwä­che Mer­kels sei, wenn sie es nicht schaffe, Wulff zum Bun­des­prä­si­den­ten wäh­len zu las­sen. Viel­leicht sogar eine fatale Schwä­che, die das Ende ihrer Regie­rung bedeutet.

Ich bin zutiefst ent­täuscht dar­über, daß der ehren­werte Pos­ten des Bun­des­prä­si­den­ten inzwi­schen nur noch als par­tei­po­li­ti­scher Spiel­stein benutzt wird, um ande­ren Leu­ten zu zei­gen, daß man noch regie­rungs­fä­hig ist.

22. Juni 2010: Meinungsbilder im Internet

Das Inter­net hatte schon immer große Pro­bleme, Bewer­tung von “der Masse” zu bekommen.

Pos­tu­liere ich jetzt mal so.

Aber die Tat­sa­chen lie­gen eigent­lich sehr deut­lich auf der Hand:

  1. Kom­men­tar­funk­tio­nen sind öfters “umständlich”.
  2. Gute Kom­men­tare erfor­dern eine gewisse men­tale Leistung.
  3. Ein­fa­che Kom­men­tare der Form “me tooo!!!11einself” sind ver­pöhnt (und in den meis­ten Sys­te­men doch “gleich­wer­tig” zu vol­len Kommentaren).

Umständ­lich­keit

Die meis­ten Kom­men­tar­funk­tio­nen erlau­ben es einem nicht, schnell und unkom­pli­ziert Kom­men­tare zu las­sen. Oft braucht man eine gewisse Form der Anmel­dung, um seine Mei­nung kund­tun zu dür­fen, von den “ein­fa­chen” Model­len, Name und Mail­adresse anzu­ge­ben, bis hin zum Erstel­len von Benutzerkonten.

Natür­lich hat die Abwe­gung dabei auch sehr prak­ti­sche Ursa­chen, denn viele Leute wol­len nicht unbe­dingt von jedem Kommentare.

Man mag jetzt kurz inne­hal­ten und sich fra­gen: “Aber wenn sie nicht von jedem Kom­men­tare wol­len, warum hät­ten sie dann Grund, sich zu beschwe­ren?” Ganz ein­fach: “Jeder” im Inter­net ist ein­deu­tig nicht gleich­be­deu­tet mit “Jeder Mensch”.

Es gibt genug Spam­mer im Inter­net, die ver­su­chen, durch Kom­men­tare auf Blo­g­ar­ti­kel Auf­merk­sam­keit auf ihre eige­nen Inhalte zu len­ken. Mal ist das rein geschäft­lich inter­es­sant für sie, mal isses ideologisch/​egoistisch inter­es­sant. Im letz­te­ren Falle ist es halb­wegs ver­zeih­bar, da sowas ja zu einer Dis­kus­sion gehört; aber der erste Punkt ist die Crux der Sache.

Wenn man sein Sys­tem für jeder­mann öffnet, dann ist ein Groß­teil davon “unso­li­ted com­mer­cial con­tent”, also Wer­bung. Kleine Sta­tis­tik dazu: seit hier Akis­met läuft, hat es 58.142 mal Müll gekillt, und ich habe 348 echte Kom­men­tare. Das führt dem­nach zu einem Signal-​​Rausch-​​Verhältnis im Promillebereich.

Also muß man Abstri­che gegen­über der Ein­fach­heit täti­gen: man ver­langt gewisse Authen­ti­fi­zie­rung, damit man nicht im Nach­hin­ein irgend­wel­che Wer­bung von sei­ner Seite ent­fer­nen muss, und unlieb­same Nut­zer aus­schlies­sen kann. Also kann man sagen, daß man zum Bei­spiel einen Namen und eine Mail­adresse haben will. Für den gemei­nen Spam­mer, egal wel­cher Gat­tung, macht das kei­nen Unter­schied: die sind schnell hin­ge­schrie­ben, und da das Feld nicht geprüft wird, ist es auch egal, was drin steht.

Nun beste­hen zwei ver­schie­dene Eska­la­ti­ons­pfade: Mode­ra­tion oder (zustim­mungs­be­dürf­tige) Accoun­ter­stel­lung. Ich habe mich für die Mode­ra­tion zusam­men mit einem Spam­fil­ter ent­schie­den, da der Kom­men­tar­durch­satz abseits des Spam­fil­ters bewäl­tig­bar ist (sta­tis­tisch: weni­ger als ein Kom­men­tar am Tag).

Sobald man aber ein höhe­res Kom­men­tar­vo­lu­men erreicht, wird Mode­ra­tion auch eine Sache. Hier kann man noch ska­lie­ren, in dem man nur eine Initi­al­mo­de­ra­tion als erfor­der­lich betrach­tet, und alle nach­fol­gen­den Bei­träge als geneh­migt gel­ten. Aber auch das ska­liert wie­derum nur bis zu einer gewis­sen Größe, und ist auch rela­tiv arbeitsaufwendig.

Aus Grün­den der Faul­heit also grei­fen viele zu einer Anmel­dungs­lö­sung. Dies funk­tio­niert ähnlich wie die Initi­al­mo­de­ra­tion, nur daß man meist einen Mail­ver­kehr initi­iert, und eine erfolg­rei­che Bestä­ti­gung der Mail­adresse als hin­rei­chend für eine Erst­mo­de­ra­tion akzep­tiert. Dies funk­tio­niert rela­tiv erfolg­reich bei der (kom­mer­zi­el­len) Spamab­wehr, da ein koor­di­nier­ter Mail­aus­tausch nicht kos­ten­ef­fek­tiv ist im Ver­gleich zum stump­fen auto­ma­ti­sier­ten Raus­hauen von Kommentaren.

Tech­nisch gese­hen ist es nicht auf­wen­dig, einen Par­ser für die Standard-​​Authorisierungsmails zu schrei­ben und dann über eine frei zugreif­bare Drop­box zu arbei­ten, aber das hat sich bis­her wahr­schein­lich wegen Bedarf einer zen­tra­li­sier­ten Mini­mal­struk­tur nicht durchgesetzt.

Das Pro­blem hier­bei ist es dann, daß es für viele “ein­ma­lige” Kom­men­tare ein­fach zu umständ­lich ist, sich die­ser Pro­ze­dur zu unter­zie­hen. Wenn man unbe­dingt einen lan­gen Kom­men­tar zu einem Thema los­wer­den will springt man viel­leicht noch durch die Hür­den, aber wenn die Wahl zwi­schen “User­na­men und Pass­wort aus­den­ken, Anga­ben ver­voll­stän­di­gen, auf Mail war­ten und Link kli­cken, dann Kom­men­tar schrei­ben” und “Ach­seln zucken und Tab schlie­ßen” liegt, so wird doch oft der letz­tere Fall gewählt.

Und wer kann’s einem ver­übeln, denn im ech­ten Leben war­ten man auch nur kurz dar­auf, sei­nen Mund zu öffnen, wenn man die Chance hat.

Was also her muss ist eine tri­viale Art und Weise, Kom­men­tare abzu­las­sen. Hier wit­tern gerade Social Net­works ihre Chance; zum Bei­spiel Face­book, wel­ches einen “Like”-Button anbie­tet, der zum tri­via­len “Ich mag Dei­nen Bei­trag” mit­tei­len ideal ist, wenn man denn einen Facebook-​​Account hat. Sol­che Metho­den haben gewisse Vorteile:

  • Dem Betrei­ber steht eine viel höhere Betei­li­gung in Aus­sicht, da weit mehr Leute schon einen Facebook-​​Account haben als sein Blog je Benutzer.
  • Ein rei­nes “Like” führt zu kei­nem erhöh­ten Schutz­be­darf vor Spam. Für posi­tive und nega­tive Bewer­tung wäre es auch sim­pel, Stimm­ab­ga­ben von einem bestimm­ten Benut­zer für ungül­tig zu erklären.
  • Für den Leser bie­tet es den Vor­teil, daß er kei­nen wei­te­ren Account braucht, und auto­ma­gisch als authen­ti­fi­ziert gilt.

Der Nach­teil, natür­lich, ist hier­bei mal wie­der die Pri­vat­sphäre, denn so kriegt der Social Network-​​Provider genau mit, was man in (gewis­sen Tei­len des) Inter­net macht. Und das will man eigent­lich nicht.

Etwas mehr Details zum “Spaß” des Like­but­tons gibt’s auf Basic Thinking. Wer einen Facebook-​​Account hat sollte sich ein­fach mal "Das gefällt uns" anschauen und sich gru­se­lig schütteln.

Es gibt wie­derum andere Authen­ti­fi­zie­rungs­me­tho­den, die rela­tiv tri­vial sind und eine etwas gerin­gere Ein­schrän­kung der Pri­vat­sphäre mit sich füh­ren, näm­lich Dienste wie OAuth und OpenID.

Diese ermög­li­chen es einem, quasi per Klick (wenn von der Web­seite unter­stützt) oder mit dem Ein­ge­ben eines URL sich mit einem Account zu authen­ti­fi­zie­ren, wobei die Aut­ho­ri­sie­rung nicht über den Benut­zer geht, son­dern über die jewei­li­gen Webseiten.

Dabei kann man die meis­ten sei­ner “gro­ßen” offe­nen Accounts benutz­ten, zum Bei­spiel sei­nen Google-​​Account, Face­book, Yahoo oder sogar MyS­pace, wenn ich mich nicht irre, aber man kann auch ein­fach sei­nen eige­nen Authen­ti­fi­ka­tor hoch­zie­hen, wenn man Beden­ken zur Pri­vat­sphäre dabei hat. Die meis­ten Blogs kön­nen inzwi­schen ein­fach zu OpenID-​​Providern umge­strickt wer­den, sprich man gibt als “OpenID-​​URL” den URL sei­nes Blogs an, und das reicht.

Der “authen­ti­ca­tion pro­vi­der” (Google, etc., oder z.B. das eigene Blog) erhält hier­bei den URL der auf­ru­fen­den Seite — min­des­tens also wo man sich anmel­det (z.B. sozial-herausgefordert.de), im unge­schick­te­ren Falle auch den jewei­li­gen Inhalt, z.B. den URL zum Blog­post. Wei­tere per­son­be­zo­gene Infor­ma­tio­nen wer­den aber nicht aus­ge­tauscht, also schon mal ein Fortschritt.

Der Vor­teil hier­bei ist, daß es ähnlich gut ska­liert wie eine Mail­re­gis­trie­rung, aber ein­fa­cher für alle Sei­ten ist. Der Nach­teil wie­derum ist die man­gelnde Ver­brei­tung des Wis­sens über die Tech­nik. Browser-​​Plugins, die even­tu­elle Infor­ma­tio­nen auto­ma­gisch ein­tra­gen, so daß man schnell abstim­men kann, sind nicht weit ver­brei­tet, und die wenigs­ten Men­schen mit z.B. einer Yahoo-​​Mailadresse wüss­ten weder, was OpenID ist, und ins­be­son­dere nicht, daß sie auch schon OpenID haben.

Von daher ist die Facebook-​​Methode halt von der Umständ­lich­keit her ideal, da sie ein bereits bekann­tes Kon­zept nimmt und ein­fach logisch fort­setzt. Der nächste Schritt wäre, OpenID oder OAuth so intui­tiv klar in Blogs ein­zu­bauen, daß es jeder benut­zen kann, ohne Anleitung.

Wei­tere Nach­for­schung in der Rich­tung ist auf mei­ner TODO-​​Liste.

Kom­men­tar­qua­li­tät

Für viele Leute ist es oft zu umständ­lich, einen län­ge­ren und aus­führ­li­chen Kom­men­tar zu schrei­ben. Oft reicht die Muße nicht mal dazu, selbst einen kur­zen Satz zu ver­fas­sen, vor allem wenn man nicht glaubt, daß der eigene Kurz­kom­men­tar von beson­de­rem Wert wäre.

Daher gibt man sich gemein­hin dann nicht die Blöße und schreibt ein­fach gar nichts.

Das ist zwar Jeder­manns gutes Recht, aber gerade wenn man irgend­wel­che Inhalte anbie­tet hat man doch ein rela­tiv gro­ßes Inter­esse, genau her­aus­zu­fin­den, wie jeder Besu­cher über die­sen denkt.

Daher sat­teln auch lang­sam viele popu­lä­rere Dienste auf Kom­men­tare im “Grunzlaute”-Niveau hin. Face­book hat sei­nen Like-​​Button ein­ge­führt, um zu sagen, daß man Inhalt inter­es­sant fand. YouTube hat nebst sei­ner Kom­men­tar­funk­tion unlängst ein ein­fa­ches “Dau­men hoch/​Daumen runter”-Rating ein­ge­führt (und damit sein Sterne-​​Rating abge­löst), wel­ches um ein Viel­fa­ches belieb­ter ist als das Schrei­ben von Kom­men­ta­ren. Und das auf YouTube, wel­ches nicht gerade wegen sei­ner gepflo­ge­nen Kom­men­t­ar­kul­tur bekannt ist.

Dazu gibt es natür­lich auch noch andere Metho­den, die sich viel­leicht sogar für den Betrei­ber mehr loh­nen. Inzwi­schen habe ich zum Bei­spiel auch Flattr hier ein­ge­bun­den, halte mich aber noch davon zurück, einfach Inhalt zu scheißen und auf's Beste zu hoffen. Wie der Herr Urbach anmerkt ist Flattr natür­lich ein idea­les Medium, um neben dem “gefällt mir” noch ein “Danke” auf einen Arti­kel zu setzen.

Von daher sieht es so aus, als müsste man die Kom­men­tar­funk­tio­nen auf Blogs und Web­sei­ten mal grund­sätz­lich ver­ein­fa­chen, am bes­ten annä­hernd ver­ein­heit­li­chen durch eine gemein­sam nutz­bare Bibliothek.

Die Punkte, die zu erfül­len sind:

  1. Inte­gra­tion und kin­der­leichte Bedie­nung von ein­fa­chen Authen­ti­fi­ka­ti­ons­ver­fah­ren wie OAuth/​OpenID.
  2. Unter­stüt­zung von “ein­fa­chen” Kom­men­ta­ren wie “Gefällt mir”/“Gefällt mir nicht”.
  3. Option auf Zuwen­dung an den Autor bzw. halt Contentvergütung.

Jetzt muss es nur noch wer machen.

5. Juni 2010: Die Flattr-​​Contentschwelle

Neuer Monat, neuer Artikel.

Seit eini­ger Zeit gibt es ja die­sen lus­ti­gen neuen Dienst namens Flattr, der es einem erlaubt, eine etwas andere Form der Ver­gü­tung in seine Arti­kel ein­zu­bin­den: man zahlt monat­lich einen fes­ten Betrag x auf sein Konto bei Flattr ein, und man kann dann im Inter­net ver­teilt auf die hüb­schen Flattr-​​Buttons kli­cken, sagen wir n mal im Monat. Am Ende eines Monats wird dann abge­rech­net, und jeder Besit­zer eines But­tons bekommt von jedem kli­cken­den dann x/​n EUR auf sein Konto.

In der Blog­welt hat das jetzt zu geführt, daß der gemeine RSS-​​Reader momen­tan nur so vor Flattr-​​Buttons strotzt, die um die Auf­merk­sam­keit des Lesers rin­gen. Inter­es­sante Bemer­kun­gen dazu, die einem sofort auffallen:

  • Jedes grö­ßere deut­sche Blog hat einen But­ton, und diese wer­den auch extremst flei­ßig geklickt. Beim Udo sieht man gerade bei lus­ti­ge­ren Sto­ries hin und wie­der sogar eine drei­stel­lige Zahl an Klicks.
  • Man kann den gro­ben mone­tä­ren Wert erah­nen. Ich bleibe beim Bei­spiel Law Blog, wo Udo von durchschnittlich 0,15€ pro Flattr spricht. Für den Arti­kel Die Legende von der schutzlosen Polizei sind das also zur Zeit des Schrei­bens die­ses Arti­kel schon­mal knapp 23€, und für eine auto­ma­tisch gene­rierte Link­samm­lung mit 3 Klicks auch knapp ein hal­ber Euro.

Dar­aus lässt sich auch zugleich ein viel wich­ti­ge­rer Punkt ablei­ten: Leute mit ein­ge­schla­fe­nen Blogs, aber einer gewis­sen 2.0-Affinität, ver­su­chen natür­lich, diese neue Mög­lich­keit gewinn­brin­gend zu nut­zen. Der Account wird sich oft sowieso geholt (man will ja mit dabei sein), und er ermög­licht immer­hin eine Art Beloh­nung dafür, daß Leute sich Mühe machen, etwas zu schreiben.

Also ist der nächste logi­sche Schritt, daß man auch sel­ber ver­sucht, wie­der etwas zu schrei­ben — oder auch nur inter­es­san­tere Sachen zu schrei­ben. Der Flattr-​​Button dad­run­ter wird schon dafür sor­gen, daß zumin­dest der eigene monat­li­che Bei­trag zumin­dest par­ti­ell amor­ti­siert wird.

Ich will da jetzt keine Pro­fit­geil­heit unter­stel­len — es wird ja nicht mit unlau­te­ren Mit­teln gear­bei­tet. Aber die Leute schei­nen plötz­lich wie­der einen Ansporn gefun­den zu haben, Inhalte raus­zu­hauen, in der Hoff­nung auf den ver­ein­zel­ten Klick. Schließ­lich ist ein ein­zel­ner Flattr-​​Click am Ende mehr Wert als die tra­di­tio­nel­len zwei AdSense-​​Banner, die auch diese Seite ver­zie­ren (so man sie nicht blockt). Vor allem wenn’s keine Clickthrough-​​Kohle gibt.

[Sta­tis­tik dazu: mein AdSense machte bis­her 4€. Seit März letz­ten Jahres.]

Zwei große Fra­gen bleiben:

  • Wird dies nur ein kurz­zei­ti­ger Sti­mu­lus sein? Ein «Ja» liegt da als Ant­wort sehr nahe.
  • Wird es tat­säch­lich zu bes­se­rem Inhalt füh­ren? Dar­über kann man sich wohl streiten.

Ganz außer Frage: es lohnt sich natür­lich für jeden, da im Zwei­fels­falle das gute Gefühl im Magen bleibt, daß das Geld direkt an den Erstel­ler geht, ohne nen­nens­werte Umwege wie über Ver­lags­häu­ser, Dis­tri­bu­to­ren und ähnli­ches. Viel­leicht erüb­rigt Flattr so mei­nen geplan­ten Arti­kel zur Contentvergütung.

Und wenn man jetzt hier den Flattr-​​Button sucht: ich habe noch kei­nen Account.

12. Mai 2010: Dialoge, die das Leben schreibt

“Eure Gender-​​Balance ist aber ziem­lich unter­ir­disch.. 15% Frauen, davon nur 6 Ver­an­stal­tun­gen von Frauen allein..?”

“Das dürfte lei­der der Gender-​​Balance der Vor­trags­ein­rei­chun­gen entsprechen. :/”

“Sicher, aber das ist ein rela­tiv alter Hut. Wer Red­ne­rin­nen will, muss sie aktiv anspre­chen. Sonst gibt’s eben keine.“

Ich habe an dem Gespräch oben nicht teil­ge­nom­men, aber ich kann mir einen Kom­men­tar nicht ver­knei­fen: Warum kri­ti­siert man eine man­gelnde Gleich­be­rech­ti­gung, aber for­dert eine Son­der­be­hand­lung für Frauen? Sinn ist was anderes.

26. April 2010: Social Network-​​Kompetenz

Ich finde es ja per­sön­lich immer wie­der erstaun­lich, daß Men­schen sich dar­über beschwe­ren, daß Social Net­works von der Daten­schutz­seite her pro­ble­ma­tisch sind.

Das sollte einen nicht über­ra­schen, denn schließ­lich basie­ren sie dar­auf, daß man per­sön­li­che Daten an belie­bige andere Nut­zer frei­gibt. Anders wäre das näm­lich eine sehr autis­ti­sche Angelegenheit.

Von daher ist also eher die inter­es­sante Frage nicht, ob per­sön­li­che Daten in den Umlauf kom­men, son­dern wie weit. Die inter­es­san­ten Gren­zen hier­bei sind:

  1. Die Sicher­heit gegen­über ande­ren Nutzern.
  2. Die Sicher­heit gegen­über Drittanbietern.

Und hier schnei­den Netz­werke wie Face­book zum Bei­spiel nicht schlech­ter ab, weil sie schlech­ter gecodet sind oder ähnli­ches, son­dern nur, weil sie zum einen eher frei­zü­gige Defaults haben, und zum ande­ren der gemeine Nut­zer strunz­doof ist, was die Wah­rung der eige­nen Pri­vat­sphäre angeht.

Dazu, als illus­tra­ti­ves Bei­spiel, sei ein Kon­zept genannt, was auf Face­book ganz groß ist, und daher logi­scher­weise Tür und Tor öffnet für bös­wil­li­gere Dritt­an­bie­ter: Anwen­dun­gen.

Face­book erlaubt es näm­lich, Anwen­dun­gen zu schrei­ben, ähnlich wie Anwen­dun­gen für den Rech­ner, nur, daß sie halt irgendwo im Inter­net lau­fen und nicht [so viel] auf den eige­nen Rech­ner zugrei­fen — dafür aber auf die Facebook-​​Profile.

Ganz popu­lär bei den abso­lut sinn­lo­ses­ten Anwen­dun­gen über­haupt: FarmVille, von Zynga. Ein Zynga-​​Gründer gibt offen zu, daß er alles getan habe, um Umsatz zu bekommen, und auch heute finan­ziert sich Zynga durch Micropayments und groß­zü­gige Wer­bung mit Drittanbietern.

Also, um das mal kurz zu rei­te­rie­ren: man gibt seine pri­va­ten Daten an eine Facebook-​​Anwendung von einem exter­nen Anbie­ter, der sel­ber wei­ter externe Part­ner hat, mit denen er Wer­be­ver­träge abschließt.

Und dann beschwert man sich dar­über, daß die per­sön­li­chen Daten auf Tou­ren gehen.

Dazu sei mal gesagt, daß es auf Face­book allein 80 Mil­lio­nen Nut­zer von Farm­Ville gibt — also nicht ganz die Bevöl­ke­rung von Deutsch­land. Allein von mei­nen Kon­tak­ten hat ein Vier­tel die­ser Anwen­dung erlaubt, das Pro­fil aus­zu­le­sen. Sprich, in ande­ren Wor­ten, ein ziem­lich gro­ßer Datensatz.

Genau so setzt sich dann die gene­relle Inkom­pe­tenz fort. Es wer­den Daten in die Pro­file ein­ge­tra­gen, die dort eher nichts zu suchen haben. Die Leute über­prü­fen nicht, was ihre Pri­vat­sphär­en­ein­stel­lung sind, und jeder auf der Welt kann dem­nach lesen, wenn sie in der Nacht davon reden, was sie für Scha­ber­nack veranstalten.

Aber man ist ja sozial. Und post-​​privacy kommt doch eh bald, oder? Ne? Jaja.

Ver­an­lasst zu dem Post würde ich übri­gens durch die Anleitung: Facebook privat auf ComputerBase [für diese Erwäh­nung flie­ßen keine Wer­be­ein­nah­men], als ich mir dachte “Das kann doch unnö­tig not­wen­dig sein, es so dumm zu erklä­ren!”, bis ich mir dachte: “Doch, eigent­lich schon.”

18. März 2010: Humorverständnis

Eines der gro­ßen Pro­bleme bei der Ver­stän­di­gung der Geschlech­ter, mit denen ich mich ja schon in vorherigen Beiträgen kon­fron­tiert sah.

Des­we­gen ist es inter­es­sant, aus rein aka­de­mi­scher Sicht mal ein Bei­spiel aus der ande­ren Seite zu betrach­ten. Ich zitiere aus dem HOWTO Encou­rage Women in Linux:

Women keep silent when we see sexist jokes because if we pro­test, we will imme­dia­tely be atta­cked for being over-​​sensitive, uptight, or a “femi­nazi.” (Note: NEVER use the term “femi­nazi.” It dis­credits all femi­nists, and tri­via­li­zes the vic­tims of the Nazi Holo­caust. Con­sider how ridi­cu­lous it sounds to call people like Rush Lim­baugh “male chau­vina­zis” and you may under­stand why “femi­nazi” is so emo­tio­nally loaded.)

Die­ses Bei­spiel ist, mei­ner Mei­nung nach, ziem­lich inef­fek­tiv, denn die meis­ten Män­ner, die ich kenne, wür­den diese Bezeich­nung höchst unter­halt­sam fin­den. Gerade bei Chau­vi­nis­ten, aber auch all­ge­mein ist es, als Belei­dung, amüsant.

Was hin­ge­gen wie­derum zie­hen würde wäre, jeman­den per­sön­lich als Nazi zu bezeich­nen. Und es ernst zu meinen.

Aber auch da wie­derum gibt es natür­lich gute, alte Regeln — näm­lich Godwin’s Law. Von daher ist der Dis­kus­si­ons­be­darf bei einem Nazi-​​Vergleich sowieso sofort beendet.

Zuge­be­ner­ma­ßen wird das Schwei­gen aber sel­ten aus ein­ver­ständ­li­cher Rück­sicht auf God­win nicht gebro­chen, son­dern eher, weil sich die meis­ten Leute der Dis­kus­sion zu müßig sind und den Schrei­ben­den lie­ber still als Idio­ten beschimpfen.

13. Januar 2010: Gruppeninteraktion

Man nehme an, man sei in einer Gruppe.

Wenn man ein per­sön­li­ches Pro­blem mit einer Per­son aus einer Gruppe hat, so ist das nicht irgend­eine Schuld, die jene Gruppe zu tra­gen hat. Außer­dem ist es auch sonst kein Grund, die Gruppe zu verurteilen.

Falls diese Gruppe nun den Kon­flikt igno­riert oder belä­chelt, so ist das höchst­war­schein­lich nicht darin begrün­det, daß sie die Gegen­seite unter­stützt. Gerade bei lang­ste­hen­den und bekann­ten Kon­flik­ten ten­diert die Gruppe dazu, nicht den Kon­flikt zu wer­ten, son­dern daß die­ser Kon­flikt öffent­lich auf­ge­tra­gen wer­den muss.

Ins­be­son­dere wenn die­ser Kon­flikt zwar eigent­lich die Gruppe betrifft, aber quasi sofort zur Instru­men­ta­li­sie­rung von Anti­pa­thien her­hal­ten muss.

Just my thoughts.

11. Dezember 2009: Katharsis

Weil es geschrie­ben sein muß: Ich schreibe die Texte hier nicht für irgend­wel­che eh nur spär­lich vor­han­de­nen Leser.

Was ich hier schreibe ist mehr kathar­tisch. Ich brau­che es, um sel­ber meine eige­nen Gedan­ken zu ent­wi­ckeln, da ich zwar die Mei­nung, die ich nie­der­schreibe, schon vor­her habe, aber eher als eine gedank­lich amor­phe Masse statt als eine wirk­lich brauch­bare und zusam­men­fas­bare Meinung.

Diese Bei­träge sind quasi die Karte zu mei­ner Man­nig­fal­tig­keit, womit ich weiß, wie ich diese Infor­ma­tio­nen «nor­mal» aus­drü­cke. Eine Art von Kathar­sis. Oder Kar­ter­sis, in die­sem Falle.

Im Eng­li­schen gibt es die schöne Flos­kel „I couldn’t care less“: I couldn’t care less dar­über, wer die Bei­träge hier schluss­end­lich liest. I couldn’t care less was die Leute von mir als Men­schen hal­ten, wenn sie meine hier aus­ge­drück­ten Mei­nun­gen lesen. I couldn’t care less wenn ich, je nach­dem, was für Arti­kel ich schreibe, mehr oder weni­ger Leser habe. I couldn’t care less, wenn Leute kor­rekt schluss­fol­gern, daß ich oft sehr vor­ein­ge­nom­men bin. Und I couldn’t care less, wenn ich wegen irgend­was hier geschrie­be­nem Kon­takt zu Jeman­den verliere.

Das sind auch schon alles Sachen, die mehr oder weni­ger so vor­ge­kom­men sind. Aber I couldn’t care less.

Dies ist nur meine pri­vate Mei­nungs­schleu­der, und nicht mal das, eigent­lich ist sie nur sowas wie ein Tage­buch. Mit einem ein­zi­gen Unter­schied, der mich tat­säch­lich kümmert:

Wenn es wer liest, dann soll er den­ken.

Nicht ein­fach nur hin­neh­men, was hier steht. Es als eine Mei­nung sehen. Abwä­gen. Kom­men­tie­ren. Feh­ler fin­den (denn sie sind da).

Auch wenn ich tau­send Per­so­nen ver­graule, so ist es das doch wert, wenn man merkt, daß bei einem Ein­zel­nen ein Licht aufgeht.

Eine Kathar­sis von den Sün­den mei­ner Pole­mik und mei­ner Vor­ein­ge­nom­men­heit? Wer weiß. Time will tell.

10. Dezember 2009: Unzulässiger Argumentationsstil

Im Rah­men meines letzten Beitrages beschwerte ich mich dar­über, daß Frauen, die Eman­zi­pa­tion über­trei­ben, gerne einen recht tot­schla­gen­den Argu­men­ta­ti­ons­stil haben. Der Zyni­ker in mir will mei­nen, daß dies nur einen Man­gel an brauch­ba­ren Argu­men­ten ver­tuscht und eben­jene Ver­fech­ter, aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht den Bedarf sehen, logi­sche Argu­mente zu haben.

Denn, wie lantzschi meint, kann man natür­lich mit „dem Mann“ nicht argu­men­tie­ren, da er logi­sche Argu­mente hören will und nicht ein­fach so die Unschulds­ver­mu­tung fal­len lässt, nur weil ein Lynch­mob (ob nun gerecht­fer­tigt oder nicht) „Ver­ge­wal­ti­gung“ schreit. Nur zur Klar­stel­lung: natür­lich wer­den einige die­ser Stim­men irgend­wel­che eige­nen Inter­es­sen ver­tre­ten, gerade sol­che, die die Wich­tig­keit der Anschul­di­gun­gen her­un­ter­spie­len. Aber des­we­gen gleich die Unschulds­ver­mu­tung in Frage stel­len ist bes­ten­falls lächerlich.

Meine Mei­nung dazu, daß, wenn “Ver­ge­wal­ti­gung!” schreien auto­ma­tisch recht geben soll, es min­des­tens genau so despek­tier­lich ist wie das “drei Mal ver­däch­tigt und tschüss” von ACTA, das erläu­tere ich ein andernmal.

Wor­über ich mich eigent­lich kopf­schüt­teln­der­weise amü­sie­ren wollte ist, daß es schein­bar auch genug Män­ner gibt, die sich ziem­lich effek­tiv von die­ser hys­te­ri­schen Argu­men­ta­ti­ons­weise indok­tri­nie­ren las­sen. Ich zitiere mal aus den Kommentaren zu einer statistischen Erhebung über Vergewaltigungen in den USA (zur Klar­stel­lung: “Tho­mas” ist Autor des Arti­kels "Meet the Predators", Jay­Jay nur irgend­ein Kommentator):

Jay­Kay Says:

You know, Tho­mas, you *could* have also said that this rese­arch is basi­cally say­ing that not every man is a poten­tial rapist. That rapists are in fact a rather small part of the popu­la­tion and they’re rui­ning it for everyone.

But I doubt those men you describe are pri­ma­rily moti­va­ted by imp­li­cit social appro­val. If that were the case, one would have to won­der why the rest of men appa­r­ently don’t become rapists. Are they too decent people to fall for the lures of the alle­ged rape cul­ture? All this does add up to two main con­clu­si­ons: one – not all men are rapists. two – those who are, don’t seem to be moti­va­ted by homo­so­cial approval.

I’m all for speaking up about these mat­ters. But what you have here is a deconstruc­tion of “rape cul­ture” rather than a confirmation….


Tho­mas Says:

Depends on what you mean by “poten­tial.” From the point of view of a woman who knows you but not very, very well … you’re a poten­tial rapist. There’s about a one-​​in-​​ten chance you’re a rapist, and some­where bet­ween one in twelve and twenty-​​five that you’re a reci­di­vist. You can say you’re not, but how does she know that?

Also, to be blunt, if your first con­cern on rea­ding about hund­reds of self-​​reported attemp­ted and com­ple­ted rapes is whe­ther the rese­arch sup­ports the pro­po­si­tion that most men are in the clear … you need to get your head scre­wed on strai­ght. Women worry­ing that you might be a rapist is not a big­ger pro­blem than women get­ting raped.

About homo­so­cial appro­val, I just think you don’t under­stand. They get homo­so­cial appro­val, through people ben­ding over back­wards to rein­ter­pret what they do as some­thing other than rape. About deconstruc­tion, it’s not clear to me that you’re using that term in any way I reco­gnize … or that Der­rida would recognize.


Jay­Kay Says:

I’m not worried about women worry­ing about me being a poten­tial rapist. Being care­ful is just good sense. I also don’t leave my com­pu­ter in my car and don’t lock it alt­hough I know that most people would not take it.

The thing is that you’re try­ing to talk to men about rela­ting to other men. And instead of ack­now­led­ging that this rese­arch is basi­cally fal­si­fy­ing the usual femi­nist mes­sage that all men are poten­tial rapists and tel­ling them that this means there’s no real rea­son to be defen­sive because *it’s not about them* (even though that’s not imme­dia­tely obvious) you rei­te­rate the notion that there is a cul­tu­ral thread some­where that makes people rapists while the rese­arch you quote actually seems to indi­cate the oppo­site. Some people are sexu­ally vio­lent regard­less of the cul­ture. Again, why wouldn’t 90% of the men become rapists in a truly rape appro­ving society if the social appro­val were actually a) there and b) morally decisive in any way. I think, again, this is a pretty good argu­ment against the notion of a “rape culture”.

The only people not cal­ling it rape are appa­r­ently the rese­ar­chers who used euphe­misms to get an ans­wer. And I wouldn’t call that approval.


Tho­mas Says:

Novem­ber 16, 2009 at 5:11 pm
Look, if you are just here to argue that there is no “rape cul­ture” and femi­nists have it all wrong, you’re was­ting time. I don’t care about your time, waste it all you want. But you’re not going to waste my time.

roughly 13% of the popu­la­tion are rapists. Bet­ween 4% and 8% are reci­di­vists. About 15% of women will be raped in their life­time. That’s about 23 mil­lion US women.

23 mil­lion.

At least 4% of the popu­la­tion have raped women more than once. That’s 6 mil­lion US men. 6 mil­lion with an aver­age of 6 vic­tims each (which implies that many women have been raped more than once; which is sadly con­sis­tent with my experience).

That’s a giant public health cri­sis. That that goes on and is not the major story in the news regu­larly; doesn’t have public cam­paigns the size of the pink rib­bon cam­paign, that — that _​is_​ a rape culture.


Jay­Kay Says:

Tho­mas,

“That that goes on and is not the major story in the news regu­larly; doesn’t have public cam­paigns the size of the pink rib­bon cam­paign, that — that _​is_​ a rape culture.”

No, I’d say it’s resi­gna­tion given that there really isn’t much that you can do about the num­bers – as this rese­arch demons­tra­tes. Are we a theft cul­ture because there is a basic accep­tance that theft will occur? Are we a mur­der cul­ture because mur­der will occur? Do you think that rape is less ack­now­ledged as a social pro­blem than mur­der or theft? There’s usually an evi­dence pro­blem in rape cases, but that doesn’t mean rape is in any way cul­tu­rally con­do­ned. I just don’t see where you get that. And again, if rape were soci­ally incen­ti­vi­zed, why do only about 10% of all men become rapists, using your num­bers? If, as you men­tion by quo­ting Galbraith, incen­ti­ves work, and there were incen­ti­ves encou­ra­ging rape, wouldn’t one expect a much hig­her num­ber? So, assu­ming that incen­ti­ves actually work, and assu­ming only social varia­bles at work, the disin­cen­ti­ves to rape do appa­r­ently out­weigh the incen­ti­ves 9 to 1, c.p.. Why would you call *that* a rape culture?


Tho­mas Says:

As long as I have the power of the ban­ham­mer here, this blog will never be a place where men can make the argu­ment that a cul­ture where one in ten men rapes women is not a rape culture.

Ban­ned. Don’t let the door hit your ass on the way out.

Kurz­zu­sam­men­fas­sung aus mei­ner Sicht:

  • Jay­Kay fin­det es doof, daß der Artikel alle Männer als Ver­ge­wal­ti­ger darstellt.
  • Tho­mas bezich­tigt ihn als Sexis­ten und wie­der­holt seine Über­zeu­gung von einer „Vergewaltigungskultur“.
  • Jay­Kay „rela­ti­viert“ es durch den Ver­gleich, daß es genau so gut Mord und Dieb­stahl gibt, und da auch keine Kam­pa­gnen gegen gestar­tet wer­den, weil aso­zia­len Ele­men­ten sowas eben egal ist.
  • Tho­mas plus­tert sich auf und kick­bannt Jay­Kay weil die­ser gegen Tho­mas’ Stand­punkt weiterargumentiert.

Ich mein, ehr­lich.. Man kann da jetzt viel Böses rein­le­sen, wenn man es denn unbe­dingt will, aber das ist doch alles ein­fach nur peinlich.

In Anleh­nung an vorherige Beiträge über Diskussionskultur stelle ich fest, daß jemand, der Gen­der­de­bat­ten mit in eine Dis­kus­sion bringt, auto­ma­tisch ver­lo­ren hat.

9. Dezember 2009: Dinge, die man als Mann nicht sagen darf

Ich finde es immer wie­der erstaun­lich, wie sehr sich doch man­che Men­schen als rea­li­täts­fremd in ihren idea­lis­ti­schen Äuße­run­gen dar­stel­len. Diese ganze Gen­der­sa­che ist auch so ein Thema, wo einige Leute schein­bar echt Bestä­ti­gung und Kom­pen­sa­tion suchen. Dabei wird dann ein so banal doo­fer rhe­to­ri­scher Stil ver­wen­det, daß er stark an Argu­mente der Form „Nichts zu ver­ber­gen“ oder „Seid ihr etwa für die Ter­ro­ris­ten?“ erin­nert. Selbst wenn in die­sem Falle es viele Leute gibt, die dar­über die Nase rümp­fen, ist es genau so ein Kampf gegen Wind­müh­len, zu ver­su­chen, mit Gen­der­leu­ten zu argumentieren.

Gerade als Mann.

Soviel zur Gleich­be­rech­ti­gung der Meinungen.

Auf jeden Fall freut es mich daher um so mehr, daß andere Leute aus­spre­chen, was ich eigent­lich gar nicht sagen darf:

Es gibt ein paar –weib­li­che– Frauen […], die sich auf den Schlips getre­ten füh­len, sobald man die “Gleich­be­rech­ti­gung” kri­ti­siert, die eigent­lich gar keine Gleich­be­rech­ti­gung mehr ist, son­der eigent­lich eher die Unter­drü­ckung der Männer[.]

Die­ses leicht gekürzte Zitat stammt aus dem Arti­kel Feedback der Grünen von anicatha. Dort lis­tet sie einige der Reak­tio­nen auf, die sie bekom­men hatte, nach­dem sie die übertriebene „Frauengleichschaltungberechtigung der Grü­nen kritisierte.

Ich will mich hier nicht wirk­lich dazu äußern. Ich könnte ein Buch dadrü­ber schrei­ben, wie pein­lich die ganze Frau­engleich­be­rech­ti­gungs­be­we­gung sich manch­mal ver­hält, als sie sich nach den ers­ten (wich­ti­gen) grund­le­gen­den Erfol­gen in eine Art Mega­lo­ma­nie stürzte.

Aber ich habe ein­fach keine Lust auf die gan­zen Flame­wars, also lasse ich es.